Shethiri war sich ziemlich sicher, alles in dieser Situation richtig gemacht zu haben. Bei solch einer genialen Argumentation würde sich selbst die misstrauischste Seele auf ihre Seite schlagen! Weshalb sich dann Orion allerdings so vor sie stellte und versuchte Frida eine seegurkige Lüge aufzutischen, ließ sie sofort wieder an ihrer Kompetenz zweifeln. Was hatte sie verkehrt gemacht? Hätte sie einen Oberflächlerfluch verwenden sollen, um ihre Ernsthaftigkeit unter Beweis zu stellen?! Sie konnte jedoch nicht sonderlich viel mehr darüber grübeln, denn ein flauschiger Freund kam angehüpft und Shethiri ließ es sich nicht nehmen Teo kurz zu streicheln. Nachdem sie auch Hana mit einem Winken fröhlich begrüßt hatte, machten sie sich gemeinsam zurück in Richtung Kari Ann. Dabei schaltete die Naga auch schon wieder in Wachmodus um und spähte in die Dunkelheit, um mögliche Gefahren frühzeitig zu entdecken.
Anagor und Kompanie
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- Fantasy
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Sardala neigte den Kopf.
"Ja. Anagor, darf ich dir Kassaia vorstellen. Sie ist eine der Harpyen, welche die verschwundenen Dorfbewohner beschützt." Zwar ließ es sich nichts anmerken, doch es war bei weitem nicht so entspannt wie man hätte meinen können. Es blieb wachsam und nur einen Schritt von einem Angriff entfernt, auch wenn Sardala nicht glaubte, dass das notwendig war.
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Anagor hatte sich schnell wieder gefasst und neigte nun leicht den Kopf.
„Es freut mich, die Bekanntschaft der Harpyien zu machen“, sagte er, diplomatisch, aber ehrlich. „Ich habe gehört, was ihr für diese Menschen getan habt und es hat mich zutiefst bewegt.“ Er zögerte einen Moment, dann fragte er:
„Zwei aus meiner Kompanie sind noch im Wald verblieben. Wisst ihr etwas über ihren Aufenthaltsort?“
„Euer Heilkundiger versorgt eine der geflügelten Schwestern“, erklang Kalas Stimme und sie kam aus ihrem Zelt getreten. Als er ihren schwangeren Bauch sah, brauchte Anagor keine weitere Vorstellung.
„Sie wurde von einer der euren attackiert.“
Anagor wechselte einen schnellen Blick mit Sardala. Geisterstern…
„Bitte vergebt ihr“, sagte er nun, ehrlich reuevoll. „Wir wurden unter falschem Vorwand hergelockt und hielten die Harpyien für gefährlich. Dennoch hätten wir die Lage besser auskundschaften müssen, anstatt anzugreifen.“
„Das hättet ihr“, stimmte Kala zu. Mit etwas weicherer Stimme fügte sie hinzu: „Doch Nell wird leben.“ Ein lautes Krächzen ging durch die Reihe der Harpyien, als sie diese Neuigkeit vernahmen. Kassaia plusterte ihr Gefieder auf, dann sagte sie: „Ihr wollt versprechen, diese Menschen in Schutz zu nehmen?“
Anagor nickte. „Ja, das will ich. Diesen Menschen ist großes Unrecht widerfahren. Das geringste, was meine Kompanie und ich für sie tun können, ist ihnen sicheres Geleit fort von Aichheim zu gewähren.“
„Und das könnt ihr auch?“, hakte Kala nach. „Sicheres Geleit gewähren? Ihr könnt mir versprechen, dass ihr mich nicht geradewegs zurück in die Arme meines Mannes führt?“
„Ich kann dir versprechen, Kala,“, sagte Anagor, und seine sonst so friedfertige Art konnte die in ihm schwelende Wut kaum verbergen, „dass dein Mann nie wieder auch nur an Finger an dich legen wird.“
Kala betrachtete ihn und Sardala einen Moment nachdenklich, dann nickte sie.
„Ich sage den anderen Bescheid, und eurem Heilkundigen.“
„Ich habe das Gefühl, das ist in diesem Dorf nichts neues“, erwiderte Frida, ihre Stimme ebenfalls gesenkt. Einen Moment lang schien sie mit den Worten zu ringen, dann setzte sie an: „Was ist mit…“, doch bevor sie zuende sprechen konnte, hatte sie sich selbst unterbrochen und war stehen geblieben. Rasch gab sie dem Rest der Gruppe ein Zeichen, ebenfalls zu verharren, dann lauschte sie. Ja, da waren Stimmen in der Ferne zu hören. Schritte. Und nun konnte sie durch das Dunkel den ersten Fackelschein sehen.
„Das sind Markes und seine Leute“, zischte sie, ihre Hand erneut an ihrem Messer. „Mit Sicherheit wollen sie in den Wald!“
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Orion blieb gehorsam wie angewurzelt stehen. Frida hatte nicht übertrieben, als sie verkündet hatte, dass sie sich hier gut auskannte. Den Fackelschein sah der Steinmagier nämlich erst, nachdem die junge Frau ihn darauf aufmerksam gemacht hatte.
"Bist du Dir sicher, dass es Markes ist?"
Die Frage bedurfte eigentlich keiner wirklichen Beantwortung. Die Kompanie war entweder auf dem Schiff verblieben, in den Wald gegangen oder hier - in Form von Shethiri - bei ihm. Die Fackel bewegte sich auf den Wald zu, also waren es auch nicht die Flüchtlinge bei den Harpyen. Es mussten somit die Dorfbewohner sein. Der Fackelschein kam vorerst nicht näher, sondern bewegte sich zielstrebig auf das dunkle Gehölz zu.
Fridas kurze Worte zuvor hatten derweil die Restzweifel in Orion vertrieben. Frida schien ebenfalls von den verdeckten Geschehnissen des Dorfes zu wissen oder sie zumindest zu erahnen. Und die Tatsache, dass sie Markes nicht freudig in die Arme lief, sprach weiter für sie.
"Wenn Markes in den Wald will ... um diese Uhrzeit ... dann kann das nur eines heißen. Er weiß es. Woher verdammt soll er es auf einmal wissen ...?!", knirschte Orion zwischen den Zähnen hervor.
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Sardala war es eigentlich relativ egal ob sie die Leute in Sicherheit brachten oder nicht. Der etwas eigenwillige moralische Kompass des Wesens war nicht auf Retten ohne Belohnung ausgerichtet und Anagor wusste, dass es bezahlt werden wollte. Doch es wusste auch, dass derzeit keine Besprechung Sinn machen würde, nicht angesichts der Situation der Überzahl der anderen. Zwar nicht unbedingt Feinde, doch auch keine Freunde - oder Ähnliches - und so eine Sache konnte mit den falschen Worten recht schnell umschlagen. Daher lächelte Sardala nur und meinte:
"An uns kommt man nicht so einfach vorbei.." Seine eigene Ausbildung war gründlich gewesen, und sollten die Dorfbewohner so dumm sein sie zu verfolgen... Nun, es konnte problemlos in alte gewohnheiten verfallen und einen nach dem anderen verfolgen. In seinen Augen funkelte es gefährlich.
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Während Kala den anderen Schutzsuchenden Bescheid gab, hielten Anagor und Sardala sich am Rand der kleinen Siedlung auf. Kassaia war damit beschäftigt, etwaige Befehle in der krächzenden Sprache der Harpyien zu erteilen. Zwei von ihnen betrachteten Anagor und Sardala wachsam, doch nicht unbedingt ablehnend – zumindest meinte Anagor, ihren Gesichtsausdruck richtig zu deuten.
Nach einiger Zeit kehrte Kala zurück. Mit ihr kamen Gideon und Geisterstern, die beide kurz von Anagor begrüßt wurden, doch für mehr blieb keine Zeit. Hinter Kala hatte sich auch eine Handvoll Menschen versammelt, der jüngste von ihnen ein Junge von vielleicht acht Jahren. Einzig ein alter Mann und ein junges Mädchen schlossen sich nicht der Gruppe an, die den Wald verlassen wollte.
„Ich habe mein ganzes Leben in Aichheim verbracht“, erklärte der alte Mann, als Kala ihn ein letztes Mal darauf ansprach. „Ich bin hier geboren und hier werde ich auch sterben. Macht euch keine Sorgen um mich.“
„Ich muss bei Nell bleiben“, erklärte das Mädchen. „Bis sie wieder gänzlich gesund ist. Was danach geschehen wird… ich weiß es noch nicht.“ Ihr Entschluss war gefestigt, und so nickte Kala bloß und wandte sich als letztes an Kassaia, die auf einem niedrigen Ast vor ihr gelandet war.
„Ich weiß nicht, wie wir euch jemals danken können“, sagte sie ernst. „Wir alle. Wenn ihr nicht gewesen wäret…“ Ihre Stimme stockte. Kassaia stieß ein leises Krächzen aus und raschelte mit den Federn. Kala trat einen Schritt vor und Frau und Harpyie legten die Stirn aneinander, Kassaia breitete kurz die Flügel um Kala aus.
„Auf dass der Wind euch weit fort von hier tragen wird“, sagte sie, nachdem die beiden sich voneinander gelöst hatten. „Wir werden euch nie vergessen.“
„Und wir euch“, erwiderte Kala. Kassaia fasste Anagor nun ein letztes Mal scharf ins Auge.
„Passt gut auf sie auf.“
„Das werden wir.“ Anagor verbeugte sich tief vor der Harpyie, dann bedeutete er die Gruppe, ihm zu folgen.
„Wir müssen uns beeilen, damit wir den Schutz der Dunkelheit nutzen können“, erklärte er, während sie durch den Wald liefen. „Und dabei leise genug sein, um das Dorf nicht zu alarmieren. Sardala,“, sein Blick wanderte zu dem Wesen, „es wäre gut, wenn du vorläufst und den Weg zurück zur Kari Ann für uns im Auge behältst. Geisterstern kann dich begleiten.“
„Nicht unbedingt“, erwiderte Frida leise. Im Licht der näherkommenden Fackeln war der Hass auf ihrem Gesicht deutlich zu sehen. „Hana, du bleibst hier“, befahl sie ihrer Schwester, bevor sie den Dorfbewohnern fest entschlossen entgegen trat.
Wie sie es vermutet hatte, wurde die Gruppe von Markes angeführt.
„Wer geht da?“, rief dieser nun und dann, einen Moment später: „Oh, du bist es.“
„Ich“, erwiderte Frida bloß.
„Aus dem Weg, Kräuterhexe“, befahl Markes unwirsch. „Wir sind auf dem Weg in den Wald, um das Harpyien-Problem ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.“
„Ich dachte, dafür hättet ihr bereits Hilfe erhalten?“
„Wir brauchen keine Hilfe von Außenstehenden“, erwiderte Markes missbilligend. Offensichtlich hatte er Orion und Shethiri noch nicht bemerkt. „Und nun geh zur Seite!“
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Sardala nickte.
"Gut." Sein Lächeln wirkte etwas bedrohlich, dann verschwand es lautlos im Wald. Es wusste durchaus wie das wirken konnte, nur mussten sie sich beeilen. Auf Geisterstern musste das Wesen nicht warten, diese war gut genug zu folgen ohne dass sie sich groß absprechen mussten. Es sprang auf einen Baum und lauschte. Der Wald war still, hier und da hörte man Geraschel, kleine Tiere, die über den Boden liefen. Ein Hirsch, der kurz stoppte, dann weiterlief. Sardala sprang auf den nächsten Baum, wieder den nächsten, so schnell es konnte. Wieder lauschte es. Irgendwo hörte es Stimmen. Es kniff die Augen zusammen. Lautlos näherte sich Sardala den Stimmen und erblickte tanzende Flammen. Nein, gar nicht gut.
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Frida war schneller aus der Deckung gesprungen, als Orion reagieren konnte. Doch so wie es aussah, wusste die junge Frau, was sie tat. Der Steinmagier wandte sich zu Shethiri um und deutete ihr, sich vorerst zurückzuhalten. Die Naga war mit ihrem Schlangenkörper geschickt darin, fast lautlos über fast jede Oberfläche zu gleiten. Ein Vorteil bei einem von Reisig bestreuten Untergrund.
"Versuch dich verdeckt zu halten und such eine gute Position, von der aus du im Ernstfall eingreifen kannst", flüsterte Orion der Schlangenfrau zu. Er selbst duckte sich an seiner derzeitigen Position weiter in den Schatten eines nahen Busches. Der tanzende Schein der Fackeln sollte ihn hier nicht entlarven. Die kleine Hana hockte derweil neben ihm. Mit einem ernsten aber freundlichen Lächeln drückte Orion seinen Zeigefinger auf den Mund, um Stille zu signalisieren. Dann wandte er sich erneut der Dorfgruppe zu.
Bereits jetzt jagten ihm Gedanken durch den Kopf. Was sollten sie tun? Waren Anagor und die anderen schon auf dem Rückweg? Sardala und Geisterstern würden die Eindringlinge auf jeden Fall rechtzeitig bemerken - um die Verstohlenheit und Sicherheit der Flüchtlinge machte er sich keine wirklichen Sorgen. Aber was wäre mit den Harpyen?
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Shethiri nickte Orion zu und verschwand lautlos im Dickicht. Vorsichtig schlängelte sie in sicherem Abstand um die Gruppe herum, bis sie eine gute Sicht auf Markes und seine Kumpanen hatte. Anders ausgedrückt: Sie hatte jetzt eine freie Schussbahn auf Kommandant Quallenkopf. Geräuschlos legte sie einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens und beobachtete leicht nervös die Situation.
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Im Wald
An schnelles Vorankommen war nicht zu denken. Zum einen konnten sie kein Licht riskieren und mussten somit äußerst vorsichtig sein, zum anderen bestand die Gruppe nun zum größten Teil aus sehr jungen oder körperlich angeschlagenen Personen, die zu allem Überfluss größtenteils auch noch aus dem Schlaf gerissen worden waren. Sicherlich hatten viele von ihnen auch Angst davor, doch noch entdeckt und zu ihrem Familien zurückgeschickt zu werden. Doch das würde Anagor niemals zulassen.
Er blieb an Kalas Seite, bereit, diese zu stützten, sollte sie über eine Wurzel stolpern oder aus sonstigen Gründen ins Straucheln zu geraten. Im Grunde musste er sich jedoch eingestehen, dass Kala überhaupt keinen unsicheren Eindruck machte. Im Gegenteil, sie schritt mit einem neu gewonnen Eifer voran. Die Aussicht, Aichheim entfliehen zu können, musste ihr neue Energie verliehen haben.
Am Waldrand
Hana sah Orion mit einem für ein so junges Kind erstaunlich ernsten Blick an. Sie nickte ihm zu und legte ebenfalls einen Finger auf die Lippen, dann blickte sie wieder zu ihrer großen Schwester. Teo hatte sich neben ihr ins Gras gekauert und auch wenn es unwahrscheinlich schien, so wirkte es doch fast, als würde er die Situation ebenfalls aufmerksam bewachen.
Frida lächelte spöttisch, doch in ihrem Blick war keine Freude zu sehen. Unverwandt betrachtete sie Markes.
„Nein.“
Er runzelte die Stirn.
„Wie bitte?“
„Ich gehe garantiert nicht zur Seite. Und du wirst diesen Wald nicht betreten.“
Markes gab ein abfälliges Geräusch von sich.
„Davon wirst du uns sicher nicht abhalten können, Kräuterhexe.“
„Du nennst mich so, als wäre das eine Beleidigung.“
„Ich werde nicht auf deine Provokationen eingehen.“
Frida lachte auf.
„Das tust du doch schon längst.“ Sie verschränkte die Arme vor dem Körper und musterte Markes geringschätzig.
„Du bist wahrlich ein abartig geringfügiger Mann, Markes.“
Seine eigenen Worte vergessend, trat Markes nun einen bedrohlichen Schritt auf sie zu.
„Hüte deine freche Zunge, Weib. Jemand sollte dir etwas Respekt beibringen.“
„Respekt!“, echote Frida. „Vor dir werde ich sicherlich niemals Respekt haben.“ Ihre Stimme nahm einen bedrohlichen Unterton an, als sie weitersprach:
„Ich weiß genau, was du bist, Markes.“
Nun wanderte ihr Blick weiter zu der restlichen Gruppe von Dorfbewohnern, die sich hinter Markes versammelt haben.
„Und ich bin sicher, ihr wisst es auch alle, oder nicht? Ihr wollt es euch nur nicht eingestehen. Ihr seid nicht besser!“
Sie sah wieder zu Markes.
„Du bist nichts weiter als ein Frauenschläger, ein Vergew-“
Noch während sie sprach, hatte Markes bereits mit der Hand ausgeholt um ihr eine Ohrfeige zu verpassen.
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Während Frida Kommandant Quallenkopf eine jämmerliche Seegurke und schlimmeres schimpfte, inspizierte Shethiri die restlichen Dorfbewohner aus der Ferne. Sie schienen alle nur behelfsmäßige Nahkampfwaffen zu tragen: Fackeln, Mistgabeln, Holzäxte.
Shethiri bemerkte, wie sich Quallenkopfs Muskeln anspannten, um seine Tentakel auszustrecken, welche auf Frida niederfahren sollte. Doch niemand würde Frida eine Schuppe verkratzen, solange Shethiri da ein Wörtchen mitzureden hatte! Routiniert spannte sie die Sehne ihres Bogens und feuerte einen Pfeil ab, welcher sich wenige Zentimeter direkt vor Markes in den Untergrund bohrte. Shethiri hatte gelernt, dass es manchmal klüger war, erst einen Warnschuss abzugeben, und die Warnung hier war kaum misszuverstehen.
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Gideon benötigte seine Zeit die Harpyie Nell zu versorgen. Wenn Geisterstern jemanden verletzte waren die Wunden selten einfach und ihre Magie machte es nicht besser, im Gegenteil.
Er säuberte, vernähte, verödete und verklebte, trug Pasten und Tinkturen auf, verabreichte Absude aus Kräutern und Tropfen seiner eigenen Hexenküche, bis er der Harpyie neue Verbände anlegte und sich sicher war, dass sie sich abgesehen von ein paar Narben und vielleicht einer Wetterempfindlichkeit erholen würde. Seine Frau hätte vielleicht, Kraft ihres Glaubens, noch einen heilsamen Segen wirken können, aber er bezweifelte, dass es viele Leute gab, die eine bessere Behandlung als die Seine zuwege brachten. Das Alter hatte seine Vorzüge.
Als die Flüchtlinge aufbrachen, gesellte sich Gideon zu Anagor an die Spitze des Trosses und orderte Geisterstern die Nachhut zu bilden und auf Nachzügler zu achten. Ihr Sehvermögen im Dunkeln war dafür immerhin perfekt.
Seine Anmerkung sie solle nicht zu weit umher streunen, brachte ihm nur ein murriges "Kum'Pe schleift die Berge." ein. So ganz genau wusste er immer noch nicht, was diese Kreatur war mit der sie ihn immer wieder verglich, aber zumindest sorgte es für einen vorsichtigen Respekt ihm gegenüber.
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Am Waldrand
Sowohl Markes als auch Frida schreckten zurück, als der Pfeil zwischen ihnen im Boden einschlug. Markes fuhr herum, suchte hektisch nach dem Ursprung des Angriffes.
"Wer ist dort?", rief er drohend, bevor er erneut Frida anfunkelte.
"Hast du dich etwa mit dieser Kompanie verschworen?!"
Frida hatte ihren Schrecken überwunden und grinste nun.
"Vielleicht hast du dir mit deiner lieblichen Art ja auch besondere Freunde gemacht?"
Die Dorfbewohner hinter Markes wurden unruhig. Sie blickte nervös umher, versuchten nachzuvollziehen, woher der Pfeil abgeschossen worden war. Einige von ihnen begannen nun, sich von der Gruppe zu lösen und die Bäume anzusteuern.
Im Wald
"Was ist das?" Kala war stehen geblieben und hatte aufgehorcht. Auch Anagor hielt nun an und lauschte. Nicht allzu weit entfernt war ein Ruf zu hören.
Kala verengte die Augen.
"Das ist Markes."
Ein Raunen ging durch die Gruppe. Der Bürgermeister jagten den Geflüchteten offensichtlich große Angst ein.
Anagor unterdrückte einen Fluch. Hatte Markes etwas mitbekommen? War Sardala ihm in die Arme gelaufen? Nein, Sardala war viel zu geschickt, um sich erwischen zu lassen. Dann vielleicht eine Konfrontation mit einem anderen Mitglied der Kompanie?
Er wandte sich an Gideon.
"Bringt die Gruppe zur Kari Ann. Ich werde mir das ansehen."
"Ich komme mit", sagte Kala sogleich. Anagor schüttelte den Kopf.
"Das halte ich für eine äußerst unkluge Idee."
Kala funkelte ihn an.
"Das habt nicht Ihr zu entscheiden."
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Haha! Stolz plusterte sich Shethiri auf, denn sie hatte erfolgreich Markes davor gehindert Frida zu verletzen. Das würde diesem Oberflächler zeigen, dass es schreckliche Konsequenzen nach sich zog, wenn man sich so unharmonisch verhielt!
Doch dann bemerkte Shethiri etwas, was sie dann doch mittelmäßig schockiert zurückließ. Eine Gruppe Oberflächler begann sich zum Waldrand zu bewegen, ihr entgegen. In die Richtung der Bogenschützin, die gerade einen Pfeil auf sie abgefeuert hatte. Ohne jegliche Deckung, ohne jegliche Fernkampfbewaffnung. Shethiri patschte sich ihre Schwanzspitze ins Gesicht und schüttelte ungläubig den Kopf. Oberflächler schwammen wirklich gerne gegen den Strom der Vernunft.
Dann musste sie ihnen wohl das Fürchten lehren.
Shethiri legte erneut einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens, zielte kurz hochkonzentriert und feuerte den Pfeil direkt in Richtung der sich nähernden Gruppe. Der Pfeil sauste an einem Kopf vorbei, ignorierte einen Arm eines weiteren und krachte zielgenau in den Holzstiel einer Axt, was die Waffe aus den Händen des entsetzten Dorfbewohners riss. Kurz darauf flog auch noch eine Fackel aus der Hand eines anderen Dorfbewohners.
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Die Kari Ann war ein ganz nettes Schiff, aber so ganz ohne die Mehrheit ihrer Besatzung und ohne jegliche Aktion war es dann doch ein wenig... langweilig. Zu blöd, dass die Abwesenheit ihres Kapitäns nicht im Mindesten an der Gültigkeit seiner Regeln kratzte, allenfalls am Zeitpunkt ihrer Durchsetzung. Kein sehr erquicklicher Deal, wenn man wie üblich gerne Größeres vor hatte.
Lazarus wollte nicht schon wieder das Deck schrubben!
Er saß vor einem mehr schlampig als alles andere gezeichneten weißen Kreis, in dessem Inneren die Holzplanken des Schiffs verschwunden zu sein schienen. Eine Illusion oder mehr eine Art Portal, das ihm das Licht von einem anderen Ort zusandte. Andere benutzten für sowas Fernrohre, aber das hier war für das eigene Auge viel bequemer. Er konnte grob sehen, wie eine Gruppe Menschen sich dem Schiff näherte. Es sah den Pfeilen und Fackeln nach zu urteilen nach Konfrontation aus.
Wieso durften die Spaß haben und er nicht ?!
Lazarus hievte sich träge aus dem Stuhl und betrachtete das "Loch" vor sich. Er hätte es etwas größer machen sollen, dann hätte er einfach hindurch springen können. Stattdessen hieß es jetzt laufen, laufen, laufen. Es würde ein kleines Weilchen dauern, aber für den Fall der Fälle würde der schwer gerüstete Dämon den anderen jetzt zumindest entgegen kommen.
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Am Waldrand
Vor Schreck erstarrt blickte die Dorfbewohner zu der getroffenen Axt, die nun nutzlos am Boden lag. Als kurz darauf der nächste Pfeil in einen Fackelstiel einschlug und auch diese aus den Händen ihrer Besitzerin riss, wurde die allgemeine Starre durch Panik abgelöst. Die Menschen, die gerade noch mutig – oder vielleicht eher gedankenlos – auf den Wald zugesteuert waren, wichen nun hastig zurück. Einige wandten sich gar um und rannten zurück in Richtung ihrer Häuser. Niemand kümmerte sich um die immer noch brennende Fackel, die ins Gras gefallen war.
„Ihr Narren!“, rief Markes über das Getümmel hinweg. „Lasst ihr euch etwa dermaßen schnell einschüchtern?!“
„Und mit dieser mutigen Bande wolltest du gegen die Harpyien vorgehen?“, höhnte Frida.
Ein Fehler.
Wutentbrannt richtete Markes nun seine volle Aufmerksamkeit auf sie. Dieses Mal erhob er nicht die bloße Hand gegen sie. Stattdessen hatte er blitzschnell einen Dolch gezückt, den er zuvor an seinem Gürtel getragen hatte. Frida wich nun ebenfalls zurück. Sie hatte nichts weiter als ihr kleines Kräutermesser bei sich, welches sie nun hastig zog. Da raschelte das Unterholz hinter ihr plötzlich und Orion trat hervor.
„Das würde ich an eurer Stelle nicht tun“, sagte er ruhig. Für diesen Gegner brauchte er seine Kraftsteine nicht zu aktivieren, doch seine Fäustlinge waren auch so beeindruckend genug. „Andernfalls kann es sein, dass der nächste Pfeil euch trifft.“
Immerhin war er sich ziemlich sicher, dass Shethiri die Szene nach wie vor beobachtete, und die Naga würde sicher nicht zulassen, dass Frida ein Haar gekrümmt wurde.
Im Wald
Einen Moment lang starrten Anagor und Kala sich an. Die Entschlossenheit in Kalas Blick schien sich durch nichts erschüttern zu lassen. Anagor seufzte und innerlich und nickte schließlich.
„Also gut. Aber bleibt stets hinter mir und hört auf das, was ich sage. Einverstanden?“
„Einverstanden.“ Kala bedeutete dem Rest der Gruppe mit Gideon und Geisterstern mitzugehen. Anagor nickte seinem Stellvertreter noch einmal zu. Die Gruppe würde bei ihm in guten Händen sein.
Er gab Kala das Zeichen, dass sie ihm folgen sollte und machte sich mit ihr gemeinsam auf den Weg in Richtung des Rufes, den sie gehört hatten. Nun waren auch weitere Geräusche vernehmbar, aufgebrachte Schreie, schnelle Schritte. Markes war offensichtlich nicht allein. Anagor warf noch einen schnellen Blick zu Kala zurück, während sie sich dem Waldrand näherten und hoffte, dass es kein Fehler war, sie mitgenommen zu haben.