Weltenwanderer

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  • Die nordischen Höhen der Soren-Gebiete versteckten sich unter einen dichten Schneedecke. Die Natur schien gefroren, die Bewohner wie im Winterschlaf.
    Aus den Schornsteinen der kleinen Hütten drang dichter Rauch. Keinen Hund würde man bei dieser Eiseskälte nach draußen jagen.


    Ein Lächeln huschte über Sorovas Gesicht.


    Sie genoß den scharfen Wind, der ihr ins Gesicht blies und die Röte in die Wangen trieb. Er zeigte ihr, wie lebendig sie war.
    Die weiße der Ebene vor ihr blendete sie fast und sie zog den dünnen Mantel ein wenig dichter um sich.
    Zum Glück war ihr Weg nicht allzu weit.


    Mit einem zufriedenen Lächeln stapfte sie durch die bisher perfekte und unberührte Schneemasse.


    Ein dunkles Objekt am Himmel näherte sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, verharrte wenige Momente und verschwand wieder.
    Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Rest der Flotte eintraf.
    Fast taten ihr die Bewohner leid – sie kannten noch keine großen Flugtechniken, keinen Kampf, sie wußten nichts von intergalaktischen Verstrickungen, was ein Ehrenkodex oder gar der neutrale Ratsplanet war.


    Dennoch waren sie reich – und das reichte aus.


    Sorova drehte sich um. Das Dorf lag nun ein gutes Stück hinter ihr. Sie konzentrierte sich. Blaue Funken stieben auf, silberne Partikel lösten sich von ihrem Körper und umgaben sie wie eine Wolke, umtanzten sie und blideten einen dichten Nebel.


    Es dauerte ein paar Minuten, dann lichtete sich dieser Vorhang und Sirnova spreitze ihre transparenten Flügelfäden.


    Zeit zu gehen..


    Eine Explosion hinter ihr erschütterte den Boden, der Himmel verdunkelte sich durch die angreifenden Schiffe.
    Menschen schrien auf, verließen in Panik die Häuser und rannten auf die vereiste Straße.


    Ein Riss in der Wirklichkeit tat sich auf und Sorova huschte hindurch.


    Es war so einfach.. viel zu einfach..


    Sie huschte den dunklen Gang entlang, bis sie an den Raum der Türen kam. Inzwischen dürfte Sorea bereits um einiges ärmer sein und die Transporter der Nachbarn sehr gut beladen.


    Sie lugte um die Ecke, in der Erwartung, dort einen der Wächter zu sehen. Aber der Raum war leer.
    Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch. Ob ihr jemand zuvor gekommen war?


    Vorsichtig wagte sie sich einen Schritt vor.


    Ein leises Klicken hinter ihr ließ sie in ihren Bewegungen inne halten.


    „Guten Abend, Sorova.“


    Die Stimme war weiblich, sie klang sanft und freundlich. Sorova schloss die Augen resignierend.


    „Grüß dich.“


    Sie drehte sich um und sah in das fröhlich grinsende Gesicht einer kleinen zierlichen Frau mit wirren blonden Haaren, die ein Lasergewehr auf sie richtete.


    „Das war aber nicht sehr nett.. einfach ein Volk in ihrer Zeit festzuhalten.. wofür? Für ein bisschen Gold? Oder ein wenig Anerkennungt?“


    Die Frau legte den Kopf schief.


    „Wie auch immer...“


    Sie warf Sorova ein Halsband zu, aus schlichtem Metall gefertig.


    „Du kennst die Prozedur.. anlegen, mir folgen. Und wenn du zu weit weg bist, ist dein kopf ebenfalls weg.“ Sie blieb weiterhin in einem freundlichen Plauderton.


    Ihre Gefangene zögerte kurz, fügte sich dann aber.


    „Wo ist der Wächter?“ Sie flüsterte, ihre Stimme zitterte leicht. Sie sah alle Freiheiten als Springerin schwinden – ganz abgesehen von den Konsequenzen, die nun folgen würden.


    „Och..“ Die Jägerin lachte leise. „Der hat frei.. und jetzt los.. wir haben nicht ewig Zeit“.


    Das kleine Schloß am Halsband schnappte ein und besiegelte damit das Schicksal der Gefangenen.


    Sorova strich sich die blau glänzenden Fäden aus dem bleichen Gesicht.


    „Sagt mir wenigstens, wer Ihr seid.“


    Die kleine Frau lächelte kühl.
    „Dylinrae Dlen del Vorsa“

  • Eigentlich war es nicht verzweifelt.. es war eine Möglichkeit, jemanden vorzustellen.. die Handlung ansich war weniger wichtig ^^ aber wenn es stört, kann ich versuchen , einen neuen Anfang zu finden. Es ist auch keine Geschichte, sondern eine Einleitung ;) und Hauptchar ist nicht Sorova, sondern Dylinrae ^^


    Die Absätze habe ich eigentlich nicht, weil es mein Stil ist, sondern weil es am Monitor einfacher zu lesen ist imho. aber ich kanns auch weglassen, wenn es nervt..


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    Schreie hallten durch die gekachelten Gänge, doch nur ein leises Echo drang bis in Dylinraes Zimmer.
    Sie lag auf dem weichen Bett mit sterilen Laken und starrte an die Decke. Sie hasste die Quarantänetage. Sie hasste es, dass sie die Springer hier abliefern musste und sie hasste es, in einem kleinen Raum sitzen zu müssen und abzuwarten, ob sie nicht aus der fremden Welt etwas mitgeschleppt hatte.
    Wenn man dieses Haus von außen betrachtete, würde vermutlich niemand auf die Idee kommen, welch ein Innenleben sich darinnen und vor allem darunter befand.
    In einem Labyrinth aus Gängen und Zimmern wurden Jägerunter Quarantäne gehalten, damit sie nicht aus fremden Welten Sporen oder Parasiten mit in die Palaststadt brachten, während die Springer durch eine sehr unagenehme und schmerzhafte Prozedur dauerhaft daran gehindert wurden, die Welten durch eigene Fähigkeiten zu wechseln und so Schaden anzurichten.
    Es war der Job eines Jägers, Springer, wie sie die unauthorisierten Weltenwanderer nannten, aufzuspüren und festzusetzen. Das oberste Gebot lautete immer, das kosmische Gleichgewicht zu halten.
    Sie schloss die Augen und dachte zurück an ihre Ausbildung. Gleich am allerersten Tag hatte man ihnen beigebracht, wie empfindlich die Welt darauf reagierte, wenn man ihr Energie entzog, wenn man in die Handlungen der Völker oder den Lauf der Zeit eingriff, ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben. Empfindlich wie ein Mobile..


    Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah auf die Uhr. Sie würde bald aufbrechen. Ihr neuer Auftrag lag bereits auf dem silbernen Nachttischchen und wartete darauf, dass sie sich seiner annahm.


    Es ging um einen Schriftgelehrten. Scheinbar hatte er die Absicht , aus seinem Wissen um die Chroniken der Weltenwanderer Kapital zu schlagen. Es konnte wirklich interessant werden. Er schien ein sehr intelligenter Springer zu sein, es gab wenige Hinweise auf seine Sprünge, die Welten, in die er geflüchtet sein mochte. Es würde eine wunderbare Herausforderung werden.


    Sie freute sich bereits darauf. Die Jagd war der Teil ihrer Arbeit, den sie am meisten schätzte und wesegen sie unbedingt hatte Jägerin werden wollen. Vielleicht war es dieser Schub an Adrenalin, vielleicht auch einfach das Gefühl, immer ein Stück besser sein zu müssen als die Beute.


    Sie nahm noch einmal das Datenpad in die Hand und sah sich das Profil an. Ein Historiker – vermutlich würde sie in die Vergangenheit reisen müssen. Eine nicht ganz ungefährliche Sache, zu leicht konnte man unwissentlich den Lauf der Geschichte ändern und damit neue Zukunftsdimensionen erschaffen. Wo er sich wohl aufhalten würde?


    Sein Hauptaufgabenfeld war die Lehre der fünf Meister gewesen. Er hatte eigene Bücher zu den Themen des Gleichgewichts und ihren Bezug und ihre Ähnlichkeit zu verschiedenen Religionen geschrieben. Sie sah sich die Liste der Religionen an. Es wäre ein erstes Indiz für seinen Verbleib – sie rechnete damit, dass er sich in eine Welt zurück ziehen würde, die er wenigstens teilweise kannte. Vermutlich eine, die seiner Person sehr entgegenkam, was ihren Stand der Wissenschaft und Technik anging. Eine, in der Annonymität möglich war.


    Sie griff sich ihren Arm-Com und begann, für sich einige Memos einzutippen.
    Eine ganze Reihe möglicher Planeten fiel dadurch schon einmal weg.
    Sie ging die Daten weiter durch. Es schien, als sei er mit kleinem Gepäck gereist, seine persönlichen Sachen waren alle noch vorhanden, nur Schriftrollen der Palastbibliothek fehlten. Er würde sich vermutlich entweder vorher eindecken müssen oder an einen Ort reisen, wo alles, was er brauchte, leicht zu beschaffen war.
    Sie unterstrich das letzte zweimal und starrte dann auf ihre Notizen.
    Nachdenklich rieb sie sich die Schläfen. Kosmia wäre ein perfekter Ort – dort würde sie wohl anfangen müssen.. Wenn sie dort nichts fand, hatte sie immerhin noch eine Liste von sieben Welten mit mehreren Planeten, die in Frage kämen. Langsam begann sie ihre Sachen zusammen zu suchen und sich anzukleiden. Wenn sie diesen Auftrag erledigt hatte, dann würde sie wohl mal Urlaub machen – es war schon eine Ewigkeit her, dass sie ma einfach nur ausgeschlafen oder gefaulenzt hatte. Sie starrte in den kleinen Spiegel und schnitt der Frau mit den Augenrändern und den hohlen Wangen eine Grimasse. Zu viel Arbeit, zu wenig Privatleben. Sie hoffte sehr, dass der Schriftgelehrte, sie sah noch mal in die Notizen - Pirkon da Gammer - nicht allzu geschickt war im Umgang mit Menschen – so wie viele der Wissenschaftler, die sie kannte.


    Sie warf der Frau im Spiegel einen letzten verächtlichen Blick zu und drehte sich dann um, um ihre Sachen zu packen.


    Kosmia war ihrem Wissen nach ein eher rückständiger Planet. Die Bewohner dort standen durch den Ehrenkodex noch unter einem gewissen Schutz und waren für viele fremde Herrscher noch unantastbar.
    Sie packte einige Kredits in einen kleinen Rucksack zu den Notizen. Dann kontrollierte sie noch einmal ihre Laserpistole und steckte sie dann in den kleinen ledernen Holster an der Hüfte. Gerade als sie den baumwollenen Umhang um ihre Schultern legte, öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer und das Gesicht eines jungen Wächters erschien.
    „Die Quarantänezeit ist um, Ihr könnt jetzt wieder gehen!“ Er salutierte förmlich. Dylinrae nickte ihm zu, nahm ihren Rucksack und ging dann an ihm vorbei hinaus durch den kalt ausgeleuchteten Gang wieder hinauf ans Tageslicht. Sie kniff kurz die Augen zusammen, bis sich ihre Augen wieder an das warme Licht gewöhnt hatten. Dann verließ sie das Haus entgültig.
    Quarantänehäsuer waren sprungsicher. Man hatte sie, nachdem es einigen gefangenen Springern gelungen war, aus dem Gebäude zu entkommen, mit Bannsigeln gesichert. Im Umkreis mehrerer Kilometer war es daher nicht möglich, die Dimension zu verlassen. Eine Sicherheitsmaßnahme, die Dylinrae sehr lästig war.
    Leise seufzend stieg sie auf das Crossbike und setzte ihren Helm auf. Auf Kosmia selber gab es einen Kontinent, der Gammer laut ihren Unterlagen sehr interessiert hatte. Dort herrschte die Religon der Ibrumanen, eine Naturreligion, benannt nach der allumfassenden Göttin. Ibruma. Das Grundprinzip hatte, wie so viele friedliche Religionen, eine gewisse Ähnlichkeit mit der Philosophie des Gleichgewichts, die das Leben aller Weltenwanderer prägte. Eines der ersten Werke von Gammer zeigte die Ähnlichkeiten und Unterschiede beider auf. Zwar war Gammer nie dorthin gereist, hatte aber viel darüber studiert – was die Wahrscheinlichkeit, dass er sich dort aufhalten könnte recht groß machte.
    Sie lenkte das Bike über das hügelige Gelände bis hin zu einer staubigen Straße.
    Die Zwillingssonnen standen bereits tief am Horizont, als sie die Grenze zum ungebannten Bereich erreichte.
    Sie blieb auf dem Gefährt sitzen, während sich Partikel von ihrem Körper zu lösen schienen und in einem silbernen und blauen Reigen um sie herum wirbelten.
    Die Realität vor ihr schien sich zu dehnen, bis sie in der Mitte zerriß. Die kleinen Teilchen schimmerten im rötlichen Schein der Sonnen während sie gen Boden schwebten.
    Sie gab Gas. Noch während sie hindurchfuhr, wandelte sich ihr Körper wieder zurück in den einer kleinen Menschenfrau.

  • Maganus sammelte den kleinen Stock mit einem Seufzen und einem Knacksen im Rücken auf. Sein schmaler Körper zitterte vor Kälte. Die zerschlissene Hose und das Hemd voller Löcher konnten den Wind kaum abhalten. Es war ein ungewöhnlich kaltes Wetter für Kosmia, auch wenn es bereits Herbst war und der Winter vor der Tür stand.
    Brennholz wurde jetzt schon knapp und jeder sammelte und bevorratete sich, so gut er konnte.
    Mit einem unglücklichen Blick betrachtete der alte Mann den kleinen gesammelten Holzstoß. Wenn die Ausbeute weiterhin so karg blieb, würde er den nächsten Frühling kaum mehr erleben.
    Schlurfend ging er ein paar Stücke weiter zu einer alten Baumwurzel. Langsam und mühevoll bückte er sich, stockte dann kurz und sah auf. Hatte er nicht eben ein Geräusch gehört? Er schüttelte den Kopf, nachdem er eine Weile angestrengt gelauscht hatte. Hier war nichts.. nun hörte er auch schon Gespenster. Er legte sein Bündel Holz zur Seite und begann nun mit beiden Händen an der Wurzel zu ziehen, die weit fester im Boden steckte, als es auf ihn den Anschein gemacht hatte.
    Ein dröhnendes Brummen ertönte über seinem Kopf. Erschrocken blickte er sich um. Wie aus dem Nichts kommend überflog ihn ein seltsames Tier, auf dem ein merkwürdig gekleideter Fremdling saß, und setzte einige Meter hinter ihm auf dem Boden auf, wirbelte trockene Grashalme und Staub auf, drehte sich halb und kam dann zum Stehen.
    Wie erstarrt blieb Maganus in seiner halb gebückten, halb aufgerichteten Haltung. Was war das für ein Teufelszeug? War sein Geist nun schon von Geistern oder Dämonen heimgesucht worden? Oder war das gar ein Dämon?
    Das Wesen schien ihn anzusehen. Dann hob eine behandschuhte Hand einen Teil des runden und glatten Schädels hoch und ein menschlich anmutendes Antlitz kam zum Vorschein.
    „Erbarmen…“ Seine Starre löste sich und er fiel auf die Knie, während er um Gnade bat.
    „Habt Erbarmen, Fürst der Hölle.. Ibruma erbarme dich meiner…“ Er stotterte, kleine Speichelflöckchen flogen aus seinem Mund und verteilten sich wie ein sanfter Schauer auf dem ausgetrockneten Boden.
    Der vermeintliche Dämon starrte ihn an. Mit einer Hand fummelte er an seinem Hals, dann hob er den Schädel komplett von seinen Schultern und das Gesicht einer jungen Frau mit wirren blonden Haaren lächelte ihn an.
    Die Frau strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und betrachtete den verängstigten Mann, der sie mit einer Mischung aus Faszination und Angst betrachtete.
    „Ich suche eine Stätte, wo sich eure heiligen Männer treffen.“ Obwohl sie sich offensichtlich bemühte, langsam und freundlich zu sprechen, kam der Satz wie ein Befehl. Der Alte zitterte noch stärker, deutete in östlicher Richtung und begann weiter, Ibruma und alle guten Geister anzurufen.
    Sie dankte ihm und lenkte das laut röhrende Monster, auf dem sie saß, in die angegebene Richtung. Wie beiläufig ließ sie eine kleine Kapsel fallen.


    Maganus starrte ihr hinterher. Das war, bei der großen Göttin und allen Dämonen, das merkwürdigste, was ihm in seinem ganzen Leben passiert war.
    Er würde am besten alle warnen. Das Gesicht der Teufelin hatte er sich gut eingeprägt: Die hohen Wangenknochen, der volle Mund und die etwas zu lang geratene schmale Nase – sie waren markant genug, um sie überall wieder zu erkennen. Dazu die blasse Haut, mit der sie wirkte wie eine aus dem Bergvolk, die Augen, die so blau waren, dass sie an das Meer erinnerten, all das würde sie verraten.
    Ein greller, hellblauer Blitz durchzog die Ebene.
    Maganus starrte auf seine zittrigen Hände. Es war kalt, und er spürte, wie alt er wurde. Ihm war leicht schwindelig und sein Magen rebellierte. In all seinen Knochen merkte er die Kälte. Und nun hatte er noch das ungute Gefühl, irgendwas vergessen zu haben.
    Er schüttelte den Kopf. Keine Zeit, irgendwelchen Phantasien oder Tagträumen nachzuhängen. Er musste Feuerholz sammeln.
    Seine Hände schlossen sich um die Wurzel und er zog.




    Dylinrae schaltete die Tarnvorrichtung des Crossbikes an, kaum, dass sie den alten Mann hinter sich gelassen hatte. Es war vielleicht nicht notwendig, zumindest konnte sie keine weiteren Lebenszeichen in der näheren Umgebung ausmachen, aber auch die Neutralisationskapseln waren nicht unerschöpflich und auch Geräte machten Fehler, zumal der Scanner noch nicht auf diese Welt fein scalliert war.
    Kurz nachdem sie am Horizont das Ibrumanen-Kloster erkennen konnte, stieg sie ab und ließ das Bike mit eingeschalteter Tarnung stehen. Das Risiko, dass irgendwer zufällig quer über die Ebene genau über diese zwei Quadratmeter stolperte, war sie bereit einzugehen.
    Den Helm ließ sie ebenfalls zurück, um nicht weitere Einwohner zu verschrecken.
    Gehüllt in den grob gewebten Umhang und mit entsicherter Waffe näherte sie sich dem Gemäuer.

  • Ich würd mich schämen, wenn ich nicht die Idee vom blitzdingsen so endlos genial fände.. *schwärm*


    danke für eure Komplimente :)
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    Das Kloster schien recht vermögend zu sein: aus den riesigen Steingebäuden hinter der hohen, mit Kletterranken bewachsenen Mauer kam weißer Rauch. An den Ecken der gebogenen Dachgiebel wachten kleine Statuen aus weißem Marmor über die Bewohner und selbst das Eingangstor zu dem Klostergelände wies edle Schnitzereien auf mit religiösen Bildnissen aus den Buch der Ibruma. Die besten Handwerker Kosmias schienen sich hier verewigt zu haben.
    Dylinrae zögerte einen Moment, dann griff sie beherzt den ehernen Türklopfer, der ein Gesicht darstellte, durch dessen Nase ein riesiger Ring gezogen war und ließ ihn mehrfach gegen die Tür poltern.
    Eilige Schritte näherten sich und mit einem Ruck öffnete sich auf Gesichtshöhe ein kleines Fenster. Das rundliche Gesicht eines Mannes erschien.
    „Ja?“ Seine Stimme klang verärgert.
    „Grüße, werter Mönch.“ Dylinea versuchte es mit einem Lächeln. „Ich bin fremd hier und hoffe, Ihr könnt mir weiterhelfen. Ich bin auf der Suche nach jemandem, der vielleicht hier vorbeikam. Und ich würde gerne den Vorstand des Klosters sprechen.“
    Das kleine Fenster fiel wortlos wieder zu. Aber die klingenden Geräusche auf der anderen Seite deuteten darauf hin, dass gerade eilig Schlösser geöffnet wurden.
    „Tretet ein, Weib.“ Der Mann, der zu dem runden Gesicht gehörte, war ein dicker Mönch in schwarzer Kutte, gut einen Kopf größer als die Jägerin. Aschblondes Haar kringelte sich in fröhlichen Locken auf seinem Kopf und wirkte beinahe grotesk im Gegensatz zu seiner verärgerten Mimik.
    „Verzeiht, wenn ich ungelegen komme…“ Dylinrae bemühte sich, ihren Ärger über die Bezeichnung „Weib“ nicht durchscheinen zu lassen. Trotz der bisherigen Erfahrung, die sie auf ihren Reisen gemacht hatte, fiel es ihr immer noch schwer, sich daran zu gewöhnen, dass jede Kultur einen anderen Umgang untereinander hatte.
    Die Stirn des Mannes vor ihr legte sich kurz in Falten, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Mops einbrachte.
    „Nein.. nein, nein…“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Bitte, nicht, dass Ihr einen falschen Eindruck bekommt, in Ibrumas Namen. Ihr seid willkommen – es liegt nicht an Euch, wir haben nur gerade ein wenig Ärger im Keller…“ Er drehte sich um und winkte ihr zu.„Folgt mir, ich werde Euch zu Vater Lombardes bringen.“
    Während Dylinrae ihm quer durch den Hof folgte, sah sie sich um. Komischerweise hatten alle Klöster, egal in welchen Welten sie war, bisher gewisse Ähnlichkeiten miteinander gehabt. Und auch hier fanden sich pittoresk bewachsene Steine und Bänke, arbeitende Mönche und Nonnen. Erstaunlicherweise machte man bei den Ibrumanen nicht die strikte Trennung zwischen geistlichem und weltlichem Leben und so trennte man auch nicht zwischen den Geschlechtern. Man arbeitete gemeinsam im Garten oder schlenderte philosophierend durch den Park. Einige karrten angebautes Gemüse in ein Lager und wieder andere hüteten allerlei Vieh.
    Als sie durch ein weiteres kleines Tor in einen Hof kamen, in dessen Mitte ein Brunnen stand, stutzte sie. Vor dem Brunnen kniete eine Frau, die offenen braunen Haare wehten im Wind. Sie war nur leicht bekleidet, Gänsehaut war auf ihren Unterarmen zu erkennen, aber sie rührte sich nicht.
    „Verzeihung?“ Dylinrae tippte ihrem Führer auf die Schulter. „Warum kniet die Frau dort? Bei der Kälte?“
    Der Mönch sah flüchtig zu dem Brunnen und brummte dann „Schwester Marea tut Buße.“
    Die Jägerin nickte. Buße- auch so eine Sache, die wohl jede Religion hatte, egal in welcher Form, aber irgendwer musste immer für irgendwas büßen.
    Sie folgte dem Bruder weiter durch in eine steinerne Halle, eine breite Treppe hinauf bis hin zu einer kleinen, reich verzierten Tür.
    „Wartet bitte hier, ich werde Euch anmelden.“ Bat der Mönch, klopfte kurz an und auf ein scharfes „Herein!“ hin , verschwand er darinnen.
    Die Jägerin blickte sich ein wenig unschlüssig um und betrachtete ein wenig gelangweilt die Wände, an denen bunte Teppiche mit Motiven der Religion aufgehängt waren.
    Sie selber hielt nicht viel von Religionen. Aufgewachsen und erzogen unter der philosophischen Lenkung der fünf Weisen war sie nie auch nur auf den Gedanken gekommen, es könne ein höheres Wesen geben, das seine eigenen Geschöpfe erschafft und ihre Geschicke lenkt. Dennoch fand sie die Thematik sehr interessant, zumal sich gewisse Motive und Sozialisationen der Glaubensrichtungen ähnelten, ohne dass die Völker auch nur im Entferntesten miteinander zu tun gehabt hätten.
    Auch die Motive, die Legenden dieser Religion kamen ihr bekannt vor: Heilige, die anderen halfen, die den Märtyrertod starben oder Ibruma, die ihre Kinder pflegte und erhörte.
    Ungeduldig ging sie auf und ab. Natürlich, Gammer zu finden war ähnlich wie die berühmte Jagd nach der Nadel in dem Heuhaufen und die Wahrscheinlichkeit, dass er hier gewesen war, war immens gering. Dennoch hatte sie ein merkwürdiges Gefühl bei diesen Leuten, und ihr Instinkt täuschte sie selten.
    „Bitte.. kommt rein…“ Die Stimme des Mönches, der sie hier her geführt hatte, unterbrach sie in ihren Gedanken. Sie blickte verwirrt zu ihm.
    „Vater Lombardes erwartet Euch.“ Er trat zur Seite und machte den Weg frei in das Innere.
    „Danke Euch.“ Erwiderte sie leise und betrat dann das Büro von Vater Lombardes.


    Der Raum war dunkel, vor den zwei runden Fenstern hingen schwere Vorhänge und hinderten jegliches Licht daran, durchzuschlüpfen. Erhellt wurde das Zimmer durch etliche Kerzen, die in Kerzehaltern an der Wand und auf dem Boden steckten. Es tauchte das gesamte Büro in ein flackerndes, warmes Licht.
    An den Wänden standen Bücherregale aus schwerem, dunklem Holz, die Unmengen an Schriftrollen und Büchern beherbergten und fast überzuquellen schienen.
    Auch der große Schreibtisch war nahezu versteckt unter Schriften und Stapeln von Büchern.
    Ein kleiner, drahtiger Mann kam eilig auf Dylinrae zu und reichte ihr die Hand.
    „Willkommen.. seid willkommen.“ Der kleine Mann hüstelte leicht nervös und tippte sich an die randlose Brille auf seiner Nase. „Es ist gerade alles sehr hektisch, verzeiht…“
    Er gehörte offensichtlich zu der älteren Generation der Einwohner – Dylinrae schätzte ihn auf bestimmt sechzig, wenn sie von dem ausging, was sie über die Einwohner und ihre Lebensweisen und Lebenserwartungen wusste.
    „Nur keine Umstände, ich störe nur ungern die Ruhe des Klosters.“ Sie ergriff die dargebotene Hand und war überrascht von dem kräftigen Händedruck.
    „Mein Name ist Schwester Dylinrae. Ich bin auf der Suche nach einem Mann, der vielleicht hier vorbeigekommen ist.“
    Vater Lombardes sah sie aufmerksam und neugierig an. „Warum sucht Ihr ihn? Und warum bei uns?“
    “Nun, ich suche ihn, weil er ein Krimineller ist, ein Verbrecher an seinem Volk und ich suche Ihn hier, weil er sich sehr mit der Religion der Ibruma beschäftigt hat.“
    Sagte Dylinrae in einem verschwörerischen Ton, wobei sie sich ein wenig zu ihm vorbeugte. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass das oftmals ausreichte – unerheblich dabei, in welchem Herrschersystem sich die Welt befand – um weitere Fragen zu vermeiden, wenn man so tat, als gehöre man einer bestimmten Gruppe an, Geheimdienst, Polizei oder auch Inquisition.
    „Das Konzil der heiligen Mutter schickt mich.“
    Auch hier verfehlte das Theater seine Wirkung nicht. Vater Lombardes überlegte eine Weile. „Ihr müsst von dem Geheimkonzil der Heiligen Mutter sein…“ meinte er schließlich ebenso leise. Die Erwiderung bestand nur in einem Lächeln, aber das reichte dem alten Mann als Antwort.
    Er strich sich die Kutte glatt und sah nervös zur Tür. „Es geht um diese neue Sekte, nicht wahr?“
    Dylinrae zog die Augenbraue fragend hoch.
    „Man hat doch sicher in der Hauptstadt auch davon gehört, oder? Oder dürft Ihr nur nicht darüber reden?“ flüsterte der Vater aufgeregt. „Selbst wir hier draußen sind davor nicht gefeit… Gerade heute…“ Er verstummte, als habe er beinahe zuviel verraten.
    “Was ist gerade heute?“
    „Gerade heute entdeckten wir…“ Der alte Mann schluckte schwer. „Auch in unseren heiligen Mauern sind sie bereits. Sie sind unter uns…“
    Er ging zu einem der Fenster und hob den Vorhang an.
    „Schwester Marea. Wir haben es heute erst herausgefunden.“
    „Die Frau, die im Hof kniet?“
    „Sie tut Buße.“ Presste Lombardes vor. Er biss die Zähne zusammen und eine kleine Ader wurde pulsierend auf der Stirn sichtbar.
    Dylinrae stellte sich neben ihn und sah ebenfalls auf die Nonne herunter. Inzwischen hatte es angefangen zu schneien und kleine Schneeflocken tanzten im Wind. Einige waren bereits auf dem kalten Steinboden liegen geblieben.
    „Wie habt Ihr es herausgefunden?“ fragte sie leise. Es war ihr unheimlich, wie die Schwester regungslos in ihrer knienden Position verharrte, die zweifelsohne recht schmerzhaft sein musste.
    „Wir fanden frevelhaften Schriften bei ihr.“ Er seufzte leise. „Sie war schon immer eine, die alles hinterfragen musste, alles auf jegliche Art erklärt haben wollte. Es war abzusehen, dass sie irgendwann vom rechten Weg abkommen und ihre Antworten woanders als in den heiligen Schriften suchen würde.“ Er ließ den Vorhang fallen und ging zu seinem Schreibtisch, wo er drei verschiedene Schriftrollen hervorsuchte.
    „Es ist dort die Rede von einem Schwindel… dass die wahre Göttin nicht Ibruma sein kann, denn Ibruma habe es nicht gut mit den Menschen gemeint. Der Verfasser schreibt, dass die wahre göttliche Kraft in jedem Einzelnen und der Natur zu finden sei, nicht aber einen Namen trage, Altare wolle oder sich durch Wissenschaften gestört fühle – im Gegenteil. Die Natur zu erforschen und aufzuhören, an höhere Mächte zu glauben sei der Fortschritt, der Wohlstand bringen würde und der dem Volk zustünde.“ Der kleine Mönch redete sich allmählich in Rage. „Alles sei ein großer Schwindel. Die Göttin sei eine Außerirdische und habe nur vor, unserem Volk durch die Religion zu schaden!“ Seine Stimme überschlug sich fast. „Kann man sich das vorstellen? Unsere göttliche Mutter soll uns schaden? Ein Betrug sein an der Menschheit?“
    Dylinrae bemühte sich um ein betroffenes Gesicht. Dennoch versuchte sie gedanklich Berührungspunkte zwischen Gammer und der neuen Sekte zu finden. Wenn sie sich recht an seine Werke erinnerte, war er sehr angetan von dieser Art der friedlichen Religion, auch wenn es den Fortschritt im technischen Sinne zurückhielt. Sie meinte sich sogar daran erinnern zu können, dass er in einem Kapitel darüber philosophiert hatte, dass der Mensch im einfachen Leben mit einfachen Erklärungen am glücklichsten sei, wie fast jedes Lebewesen in jeder Welt.
    „Ich würde mir die Schriften gerne durchlesen, wenn ich darf.“ Sagte die Jägerin schließlich. „Und wenn es geht, würde ich mich gerne mit Schwester Marea unterhalten.“ Vater Lombardes stutzte leicht. „Mit dieser… Sünderin?“
    „Sofern sie irgendwann auch einmal fertig ist mit ihrer Buße natürlich – wie lange kniet sie schon da unten?“
    “Seit heute Morgen, seit wir es entdeckt haben.“ Der alte Mann lächelte bitter. „Sie soll dort knien und über ihre Verfehlungen nachdenken. Wenn sie wieder bei Sinnen ist, kann sie es beenden.“
    Überrascht zog Dylinrae eine Augenbraue hoch. „Das heißt, sie kann eigentlich jederzeit aufstehen, sofern sie ihre Taten bereut und widerruft?“
    „Sicher.. aber das wird sie nicht tun. Sie ist ein Dickkopf, ganz wie ihre Mutter, die Göttin sei mit ihr.“ Vater Lombardes reichte ihr die Schriften. Für einen Moment schien er ihr verloren und traurig. Aber er fasste sich schnell wieder.
    „Ihr seid selbstverständlich unser Gast. Bruder Auguste wird euch eine Zelle zuweisen. Bleibt, solange Ihr mögt.“
    Sie lächelte dankbar.
    „Sehr großzügig, Vater Lombardes. Wenn es möglich wäre, würde ich auch gerne noch meine Kleidung gegen eine Kutte tauschen. Ich bin lange gereist und ich will hier nicht unnötig auffallen.“
    Er nickte. „Man wird Euch alles bringen.. entschuldigt mich nun, ich muss die Warenlisten weiter durchsehen… wie es scheint, haben wir dieses Jahr eine sehr schlechte Weinlese.“
    Er nahm ein kleines Glöckchen, das auf einer freien Ecke des Tisches stand und klingelte kurz. Es dauerte keine Minute und der Mönch, der Dylinrae hergebracht hatte, kam herein.
    „Bruder Auguste, das ist Schwester Dylinrae aus dem Konzil der Heiligen Mutter. Sie wird einige Zeit bei uns bleiben. Bitte kümmert Euch darum, dass sie eine Zelle und alles Notwendige bekommt.“
    Der dicke Mönch blickte kurz erstaunt zu Dylinrae rüber und nickte dann eilfertig.
    „Natürlich, Vater.“ Dylinrae verabschiedete sich von Vater Lombardes und folgte dann Bruder Auguste aus dem Büro hinaus.

  • o.O übertreibt nicht so schamlos....
    (nur kurz, weil eigentlich keine Zeit)
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    Die Zelle war schlicht und einfach, aber sie hatte ein warmes Bett, einen abschließbaren Schrank, einen Waschkrug und sie bot ein gutes Maß an Privatsphäre. Nachdem Bruder Auguste gegangen war und die schwere Holztür ins Schloss fiel, legte Dylinrae ihren Umhang und den Rucksack auf das Bett und sah zu dem kleinen Fenster hinaus. Auch von hier aus blickte man auf den Hof. Der Schnee bedeckte schon den meisten Teil des Bodens. Marea kniete immer noch regungslos auf ihrem Platz. In ihrem Haar hatten sich einzelne Flocken verhangen und ließen es im Schein der allmählich untergehenden Sonne silbrig glitzern.
    Nur mühsam konnte sich die Jägerin von dem faszinierenden Anblick losreißen. Sie drehte sich schließlich zu dem großen Schrank um und öffnete ihn.
    Mehrere schlichte Kutten hingen sorgfältig an kleinen Haken nebeneinander. Sie schienen alle so ziemlich dieselbe Größe zu haben und so nahm sie sich wahllos eine heraus und streifte sie sich über.
    Erwartungsgemäß war sie ein Stück zu lang und viel zu weit. Aber da man dadurch gut Dinge wie den Armcom oder ihre Waffe ungesehen bei sich tragen konnte, war es Dylinrae nicht unrecht. Noch während sie den ledernen Gürtel knotete, ging sie wieder zu dem Fenster und starrte hinaus.
    An den Wänden der Gebäude wurden Fackeln angezündet. Mehrere Mönche brachten Arbeitsgeräte in ihre Schuppen und der Platz rund um den Brunnen leerte sich bis auf Marea, die immer noch wie eingefroren auf dem Boden kniete.
    Stumm betrachtete Dylinrae das merkwürdige Bild. Die unruhig flackernden Flammen warfen bizarre Schatten und gaben der Szenerie eine mystische Atmosphäre. Dunkelheit senkte sich herab und es wurde still auf dem Hof. Nur der Wind pfiff zwischen den geschwungenen Dächern hindurch.
    Was wohl dieser Frau durch den Kopf gehen mochte? Wie dachte ein Mensch, der für eine Überzeugung Schmerzen litt – und das auch noch halbwegs freiwillig? Die Jägerin unterdrückte den Impuls, hinauszugehen und ihr eine Decke zu bringen. Es war nicht ihre Aufgabe, in die Sozialisation dieses Volkes einzugreifen noch wäre es ihrer Aufgabe zuträglich gewesen. Es war nicht einmal so, dass sie Mitleid mit ihr empfand. Es war vielmehr eine gewisse Neugierde, was diese Frau dazu veranlasste, im kalten Wind auf hartem Stein ohne eine Bewegung zu knien.
    Inzwischen stand der Mond am dunklen Himmel. Sein fahler Schein lies den Schnee kalt leuchten. Dylinrae wandte sich ab und begann, die Schriftrollen, die ihr der Vater überlassen hatte, zu untersuchen.


    Das erste war ein Pamphlet, ein Flugblatt, das nicht mehr enthielt als ein paar Parolen und einige grundlegende Formeln über Mechanik und Energielehre. Sie schienen nicht viel Sinn zu machen, zumal nähere Erklärungen fehlten. Das zweite war schon weit interessanter. Der Verfasser bezeichnete dort die Religion als ein Machtinstrument, um das Volk ruhig zu halten und ihm gewisse Dinge aufzudrücken.
    Ein Satz stach Dylinrae besonders ins Auge:


    Der einfache Mensch genießt ein einfaches Leben in Unterdrückung, indem man ihm das Denken abnimmt und einfache Vorgaben gibt, um ein höheres Ziel zu erreichen.


    Der Satz kam ihr sehr bekannt vor. Sie nahm ihren Armcom und tippte ihn ein. Es dauerte kaum eine Sekunde und mit einem leisen Piepen präsentierte das Gerät die Quelle: das letzte unveröffentlichte Buch von Gammer „Die sanfte Tyrannei“.
    Ihr Herz schlug schneller. Sie war definitiv auf der richtigen Spur. Während sie noch das dritte Blatt überflog, das sich sehr ähnlich anhörte, stand sie auf und schritt langsam wieder zu dem Fenster, um beiläufig nach Schwester Marea zu sehen.
    Die Gestalt im Mondenschein schwankte leicht. Dylinrae starrte hinaus. Ihre Hand, in der sie die Schriften hielt, senkte sich bereits. Sie rannte los, noch bevor der Kopf der jungen Nonne auf dem Boden aufschlug. Sie hastete durch die endlos erscheinenden Gänge, bis sie zu der Tür zum Hof kam und stürmte hinaus

  • An der Schwelle stoppte sie kurz ab. Im gegenüberliegenden Gebäude erschien das Gesicht Vater Lombardes’ am Fenster. Dylinrae sah fragend hoch. Der alte Mönch nickte grimmig und wandte sich wieder ab. Die Jägerin ging zu der bewusstlosen Frau, fühlte kurz ihren Puls und als sie einen fand, hob sie sie unter einigen Mühen auf ihre Schultern und brachte sie hinein.
    Bruder Auguste eilt ihr entgegen und half ihr, den kalten Körper in eine Zelle auf ein Bett zu legen.
    „Ich brauch warmes Wasser, am besten einen Zuber voll... wir müssen ihre Temperatur wieder auf Normalstand bringen…“ Dylinrae wickelte Marea in Decken, während sie mit dem Mönch sprach, der fassungslos auf das Lager starrte.
    „Macht schon, jede Sekunde zählt!“ Ärgerlich scheuchte sie ihn hinaus. Einen Moment war sie versucht, sich in ihr normale Gestalt zurück zu verwandeln und ihr von ihrer Energie zugeben. Aber die Gefahr war zu groß, dass es jemand sah. Also versuchte sie auf konventionelle Art wieder Leben in die Nonne zu bringen.
    Kurz darauf brachte man einen Zuber mit warmen Wasser, Tücher und heißen Tee.
    Mit Hilfe von Bruder Auguste wuchtete Dylinrae die bewusstlose Frau ins Wasser und begann, ihre Arme warm zu rubbeln.
    „Komm schon.“ flüsterte sie leise, mehr sich selbst als sie zu ermutigen. „Ich brauch dich noch ..“
    Sie sah in das schmale Gesicht, dass auf dem Zuberrand lag. Es schien, als würde sie schlafen, friedlich und erschreckend entspannt. Die schmalen Lippen hatten eine unverkennbar blaue Färbung, die Haut wies eine unnatürliche Blässe auf und in ihren Haaren hingen kleine Klumpen Eis.
    Auguste kam immer wieder und brachte neues warmes Wasser. Es schien der Jägerin, als würde sie eine halbe Ewigkeit bei der Fremden sitzen, ihr Gesicht mit warmen Wasser benetzen, ihren Puls fühlen und einfach hoffen, dass sie wieder erwachte. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass der Puls immer schwächer wurde, dass ihre Bemühungen kaum eine Wirkung zeigten. Mit leichtem Tätscheln der Wangen versuchte sie, den Blutkreislauf wieder anzukurbeln. Aber außer merkwürdigen Blicken von Seiten des Mönchs gab es keine Reaktion.
    Schließlich, als der Morgen bereits graute und auch Dylinraes Kräfte zu schwinden schienen, begann der Puls wieder beständig und kräftiger zu schlagen.
    Sie hoben die Frau aus dem Zuber, trockneten sie ab und steckten sie in ein Bett mit mehreren Wärmflaschen.
    „Jetzt können wir nur noch abwarten.“ Dylinrae strich sich erschöpft eine schweißnasse Strähne aus dem Gesicht. „Und beten!“ ergänzte Bruder Auguste atemlos. „Kommt, wir können jetzt hier nichts mehr tun. Lasst uns in die Küche gehen, ich denke, wir sollten uns beide ein wenig stärken.“
    Dankbar nickte Dylinrae. Ihr Magen knurrte lautstark.
    Sie folgte dem Mönch stumm durch die Gänge hindurch in eine riesige Küche und setzte sich erschöpft auf eine Holzbank, während ihr Begleiter eine ältlich aussehende Frau mit leiser Stimme und ausladender Gestik erklärte, dass sie unbedingt das beste Essen der Welt gerade jetzt bräuchten.
    Die alte Frau, deren freundliches, leicht molliges Gesicht von stahlgrauen Haaren umrahmt war, lächelte mütterlich zu Dylinrae herüber.
    „Bei Ibruma, Ihr seht wirklich aus, als könntet Ihr ein schönes Stück Braten mit Hirse vertragen!“
    Dylinrae hob müde eine Augenbraue, murmelte etwas von „Vegetarier. Ess kein Fleisch.“ Und legte den Kopf in den Nacken. Sie musste sich sehr anstrengen, um noch die Energie aufzubringen, ihre Erscheinungsform beizubehalten. Tagsüber merkte sie es selten, Nachts war mit der richtigen Konzentration auch kein Problem – aber sie hatte sich unbemerkt derart verausgabt, dass sie sich nun bewusst konzentrieren musste, um nicht versehentlich die Gestalt zu wechseln.
    „Wie Ihr esst kein Fleisch? Aber das hält Leib und Seele zusammen!“ Empört stemmte die Köchin die Hände in die breiten Hüften. „Kein Wunder, dass Ihr ausseht wie eine wandelnde Leiche! Wie wollt Ihr der Göttin denn dienen, wenn Ihr nicht bei Kräften seid?“ Ihrem empörten Tonfall ließ sich entnehmen, dass sie nicht daran dachte, sich mit einem „nein, danke“ abspeisen zu lassen.
    „Tiere gehören genauso der Schöpfung und Natur an wie ich. Und ich schätze es auch nicht sehr, gegessen zu werden.“ Die blonde Frau versuchte einigermaßen wach zu ihr hin zu sehen. Gott, warum hatte sie auf einmal dieses tierische Verlangen danach, eine zu rauchen? Aber bestimmt würde das auf dieser merkwürdigen Welt als Teufelei ausgelegt werden, wenn sie sich eine Cigarillo ansteckte.
    Kopfschüttelnd rührte die Köchin in einem der riesigen Töpfe, die über dem Feuer hingen und aus denen ein köstlicher Duft stieg.
    „Kein Fleisch essen.. wer macht denn so was…“ schimpfte sie leise vor sich hin.
    „Bitte.. Schwester Elesa.. Schwester Dylinrae kommt aus dem Konzil der Heiligen Mutter – dort lebt man sicher etwas strenger als bei uns!“ flüsterte Bruder Auguste ermahnend und sah mit einem Lächeln und einem Nicken in die Richtung ihres Gastes. Dylinrae zwang sich zu einem kurzen freudlosen Grinsen und erwiderte nickend den Blick.
    „Wenn sie kein Fleisch will, muss sie eben die Hirse so essen.“ Raunzte Schwester Elesa zurück. Sie nahm es als eine persönliche Beleidigung, wenn man ihr Essen ablehnte, egal aus welchen Gründen. Und da war es ihr auch schnuppe, ob es einen religiösen, spirituellen oder sogar medizinischen Hintergrund hatte.
    Auf einem Teller richtete sie mit sichtlicher Hingabe eine paar Bratenstücke, Soße und Hirse an, reichte ihn Bruder Auguste, der mit hochrotem Kopf neben ihr stand und drückte ihm dann einen Napf mit einer Kelle Hirse in die andere Hand. Dann warf sie einen weiteren verächtlichen Blick zu Dylinrae rüber, die inzwischen fast eingeschlafen war.

  • pfft.. kein Fleisch..“ Sie schimpfte weiter, während sie einige dreckige Töpfe packte und sich daran machte, sie abzuwaschen.
    Dylinrae warf einen leicht neidischen Blick auf den Teller des Mönchs. Sie war keine Vegetarierin, schon gar keine aus Überzeugung. Allerdings hatte sie bereits sehr interessante Erfahrungen mit den lokalen Spezialitäten verschiedener Welten gemacht und schnell gemerkt, dass die widerlichsten zumindest im entferntesten Sinne etwas mit Fleisch zu tun hatten. Oder wenigstens von Tieren stammten. Wenn sie Glück hatte.
    Mit Schaudern und einem leichten Ekel dachte sie an die Tage auf einer kleinen Insel zurück, wo die Einwohner sich als besonderen Leckerbissen Octopaden fingen. Nicht gebraten, nicht gekocht, nicht mal auseinander genommen: man warf sich das lebende Vieh ins Gesicht. Diese saugten sich in Panik fest und umschlossen den Kopf mit ihren Fangärmchen, das weiche, verletzbare Innere direkt auf dem Mund des vermeintlichen Angreifers. Und dann wurden sie einfach ausgesaugt.
    Dylinrae konnte sich nicht erinnern, jemals wieder so gekotzt zu haben.
    Seit diesen Tagen hielt sie sich in fremden Welten lieber an pflanzliche Kost. Sicher, auch diese konnte im höchsten Maße widerlich schmecken, aber es war bisher immer im erträglichen Rahmen geblieben.
    Nachdenklich stocherte sie mit dem hölzernen Löffel in der Hirse herum.
    Flugblätter, Aufrufe zu einer Revolution – das sprach nicht dafür, dass Gammer aus seinem Wissen direkt Geld schlagen wollte. Wo waren indirekt seine Möglichkeiten? Sicher, es gab immer Springer, die sich einbildeten, Welten auf längere Zeit beherrschen zu können, aber hier handelte es sich immerhin um einen Gelehrten. Der mochte zwar ein wenig weltfremd sein, vielleicht auch kein Gesellschaftsmensch, aber auf keinen Fall war er dumm. Es musste eine andere Intention dahinter stecken. Aber welchen Grund mochte jemand haben, der einer Welt den Glauben nehmen wollte?
    Worin konnte seine Motivation liegen, Fremde in eine Revolution zu führen, die garantiert blutige Folgen haben würde?
    Sie probierte lustlos einen Löffel von den weich gekochten Körnern und stellte überrascht fest, dass sie angenehm würzig schmeckten. Während sie aß, sah sie sich in der urigen Küche um.
    Riesige Kochtöpfe stapelten sich in der einen Ecke, in der anderen jede Menge Teller, die abgewaschen werden wollten.
    Ein riesiger schwarzer Herd bildete das Zentrum. In ihm prasselte ein lustiges Feuer und fasziniert konnte Dylinrae feststellen, dass der Hitzegrad mittels eisernen Platten geregelt wurde, die je nach gewünschter Stärke auf die jeweilige Stelle gestapelt wurden.
    Schwester Elesa schien die unumstrittene Herrscherin der Küche und Vorratsräume zu sein. Klischeehafter Weise handelte es sich bei der Nonne um eine ältliche Frau, die genauso breit wie hoch war, burschikos wirkte und mit einem runden Gesicht dennoch mütterlich in die Welt sah.
    Und wenn sie es hier nicht mit einem Kriminellen zu tun hatte, der sich wirtschaftlichen Erfolg erhoffte? Der Gedanke ließ sie kurz beim Essen stocken, löffelte dann aber weiter, als sie den strengen Blick der Schwester auf sich ruhen spürte.
    Was, wenn er einfach ein Psychopath war? Wenn er an einer Einbildung litt? Sich selber für eine Art Gott hielt?
    Was auch immer seine Motivation war, sie musste ihn schnellstmöglich stoppen.





    Tage später schlenderte die Jägerin nachdenklich durch die verschneiten Gärten des Klosters. Ihre Versuche, mit Schwester Marea zu reden, waren allesamt an fürchterlichen Hustenanfällen gescheitert. Weitere Flugblätter hatte sie nicht finden können, genauso wenig wie andere Spuren, die zu Gammer hätten führen können. Dennoch schien es ihr, als sei etwas im Gange, dass sich kaum noch stoppen ließ, wenn sie den Flüchtigen nicht fassen würde.
    „Es wird Zeit für mich, zur Hauptstadt aufzubrechen.“
    Vater Lombardes drehte sich zu ihr um. Er wirkte kein bisschen überrascht. Mit einer fahrigen Bewegung legte er noch ein paar weitere Samen und Kerne in das kleine steinerne Vogelhäuschen und wischte sich dann die Hände an seiner Kutte ab.
    „Natürlich.. das heilige Fest der Mitte..“ Er lächelte. Dylinrae erwiderte das Lächeln und verfluchte einmal mehr, das sie zu wenige Informationen über dieses Volk und seine Religion hatte.
    „Ich hörte, die heilige Mutter wird zum letzten Mal die Feierlichkeiten eröffnen.“
    „Sagt man, ja…“ Beide gingen nebeneinander her durch die bisher unberührte Schneedecke im Hof. Die meisten Bewohner hielten sich drinnen auf, nur einige arme Auserwählte gingen gelegentlich zum Wasserholen in die Kälte.
    Versonnen betrachtete die junge Frau das Glitzern der fahlen Mittagssonne in den gefrorenen Schneekristallen und den Eiszapfen an den Dachfirsten der Klostergebäude.
    „Ich denke, wir werden auch hinreisen.“ Vater Lombardes blieb stehen und wiegte nachdenklich den Kopf. „Man munkelt, die heilige Mutter sei schwer krank.“ Er sprach leise und legte fragend den Kopf auf die Seite, während er zu Dylinrae rüber blinzelte.
    Diese zuckte unverbindlich mit den Achseln.
    „Man sagt viel…“ erwiderte sie diplomatisch. Sie überlegte. Eigentlich hatte sie vor, auf ihrem Crossbike zu reisen, dann hätte sie das Ziel innerhalb kürzester Zeit erreicht. Das Reisen mit den Nonnen und Mönchen hielt nur auf, allerdings boten sie ein Optimum an Tarnung.
    „Wer würde alles mitreisen wollen?“ fragte sie schließlich. Vater Lombardes schwieg eine Weile und starrte in den klaren Himmel.
    „Die meisten der jungen Brüder und Schwestern, die noch nie in der Hauptstadt waren, dann alle, die nicht durch Pflichten gebunden sind. Insgesamt vielleicht zwanzig Leute.“ Er kratzte sich am Kopf und blinzelte. „Wäre das ein Problem für Euch?“ Dylinrae schüttelte überrascht und energisch den Kopf. „Nein, wie kommt ihr darauf? Es wäre mir eine Ehre.“ Vielleicht ergab sich die Chance, auf dem Weg in die Hauptstadt noch das eine oder andere nützliche über die Religion und die mysteriöse Sekte herauszubekommen. Es war Zeit genug, die Erinnerungen der Leute kurz vor der Stadt zu neutralisieren.
    „Wunderbar…“ Lombardes lächelte zufrieden.
    „Vater!“ Der Ruf von Bruder Auguste riss beide aus ihrer Unterhaltung. „Schnell, Vater… !“
    Verwirrt sah der alte Mann in die Richtung, aus der der Bruder keuchend angerannt kam.
    „Was ist los?“
    Atemlos blieb der Mönch kurz vor Lombardes und Dylinrae stehen. Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben.
    „Es geht um Schwester Marea.“ Er japste und schnappte nach Luft, während er sich die Seite hielt. „Sie .. wir.. eben..“
    „Beruhigt Euch, Bruder!“ unterbrach ihn Dylinrae. „Atmet erst und sagt uns dann, was mit ihr ist.“ Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.
    Bruder Auguste atmete mehrmals tief ein und aus, bevor er wieder reden konnte.
    „Wir haben sie eben gefunden. Sie hat sich erhängt!“

  • Ben, du bist ein absoluter Übertreiber *Lach* aber dankeschön.. ja.. Blocksatz.. gute Idee..


    @Sin: der kommt schon noch wieder.. die Geschichte steht erst an ihrem Anfang. Ich denke nicht, dass ich jede zweite Zeile etwas aus dem Ogame-Universum explizit erwähnen sollte.. ein Teil wird noch auf dem Neutralen Ratsplaneten spielen.. daher.. kommt noch ^^


    @Mischbäck, falls du reinliest :


    (nur für dich ganz kurz : )




    Für einen Moment stand die Welt still. Die Worte hallten in Dylinraes Ohren nach. Das Blut pochte in ihren Schläfen und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Besorgt sah sie zu Lombardes neben ihr.
    Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Kalkweiß starrte er regungslos den dicken Mönch an. Es schien, als wartete er auf etwas. Schließlich schüttelte er ungläubig den Kopf.
    „Nein…“ hauchte er. „Nicht Marea…“
    Für einen kurzen Augenblick fürchtete Dylinrae, er würde zusammenklappen. Dann aber straffte sich die Gestalt des alten Mannes wieder.
    „Bringt mich zu Ihr.“ Forderte er tonlos.
    Dylinrae folgte gemeinsam mit Vater Lombardes, der sichtlich mit seiner Fassung rang, Bruder Auguste in das Haupthaus.
    Kurz vor dem Speisesaal blieb er stehen.
    „Seid Ihr sicher, Vater, dass Ihr das sehen wollt? Es ist kein schöner Anblick.“
    Vater Lombardes sah ihn schweigend an. Sein Gesicht wirkte wie eine wächserne Maske. Dennoch verriet das Zittern seiner Hände, die er immer wieder faltete und umschloss, seine innere Unruhe.
    „Ich bin der Klostervorsteher. Es ist meine Aufgabe.“ Bemerkte er mit belegter Stimme. Dann schritt er am Bruder vorbei in den Saal hinein.
    Betreten folgte ihm Bruder Auguste und schließlich auch Dylinrae im angemessenen Abstand.
    Ein dickes Seil baumelte am großen Balken, der sich knapp unter der Decke durch den Saal zog. Es schwankte leicht hin und her. Das untere Ende war ausgefranst, als habe es jemand mit einem fast stumpfen Messer durchschnitten. Man hatte Schwester Marea bereits abgenommen und auf den großen, dunklen Tisch gelegt, an dem normalerweise die Klosterbewohner ihr Essen einnahmen.
    Eine Traube von aufgeregten Männern und Frauen hatte sich um ihn versammelt und verdeckten den Blick. Erst, als Lombardes auf sie zu trat, lichtete sich die Wand aus Helfern und sie traten stummm beiseite.
    Der Anblick Erhängter war stets unangenehm. Dylinrae hatte schon einige gesehen, dennoch war auch für sie der Anblick immer wieder schockierend:
    Die Haut war blass und leicht bläulich. Die Zunge hing schlaff und geschwollen aus dem Mund und die Augen waren rot vor geplatzten Äderchen.
    Zärtlich strich Lombardes über das Haar der Toten und schloss dann ihre Augen.
    Er starrte sie an und verließ dann abrupt mit eiligen Schritten den Raum, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
    Dylinrae sah die Leiche bedauernd an. Es erschien ihr nicht verständlich, warum sich die junge Nonne erhängt haben mochte. Und gleichzeitig störte sie irgendetwas an dieser Szenerie. Ihr Blick fiel auf die Handgelenke der Toten.
    „Ich hätte nie geglaubt, dass Marea zu so einer Tat fähig wäre…“ Bruder Auguste war neben sie getreten und wischte sich über die Augen.
    „War sie auch nicht…“ widersprach Dylinrae leise und deutete auf die roten Striemen, die sich wie Armbänder um die Handgelenke zogen.
    „Sie war gefesselt.“

  • „Ich kann es nicht fassen.. ich kann es einfach nicht glauben!“ Vater Lombardes ging unruhig mit nervösem Blick vor seinem Schreibtisch auf und ab. Dylinrae hatte sich an die Wand gelehnt und beobachtete ihn.
    „Ich denke, man wollte sie zum Schweigen bringen. Und das bedeutet, dass noch mehr Anhänger dieser Neoatheisten hier im Kloster sind.“
    Sie sprach leise und legte den Kopf in den Nacken. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie nicht nachgedrängt hatte und mit Marea gesprochen hatte, als noch die Chance dazu da war. Sie hielt es für mehr als unwahrscheinlich, dass sich Gammer selber hier aufhielt, genauso wie sie es für unwahrscheinlich hielt, dass er selber Schwester Marea umgebracht hatte. Gewalt wollte so gar nicht in sein bisheriges Profil passen.
    Lombardes blieb schließlich vor dem Fenster stehen und starrte hinaus in das Schneegestöber.
    „Sie hat doch niemandem was getan …“ Er klang müde und erschöpft. Er tat der Jägerin leid. Es war mehr als offensichtlich, dass Schwester Marea mehr für ihn war als eine einfache Nonne.
    Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen und verschränkte die Arme vor der Brust.
    „Ich bräuchte eine Liste mit den Namen aller Klosterbewohner.“ Sagte sie schließlich. „Dazu eine Liste derer, die bisher durch irgendwelche abweichenden Meinungen oder extremen Handlungen aufgefallen sind. Und dann eine Liste mit denen, die innerhalb der letzten vier Wochen dem Kloster beigetreten sind.“
    Natürlich war es unwahrscheinlich, dass sie so Gammer finden würde. Wenn er hier war, dann hatte er wohl die Gestalt eines bereits Anwesenden übernommen- sofern er tatsächlich zu einem Mord fähig war. Sollte er nicht dazu fähig gewesen sein – und momentan tendierte ihre Meinung noch in diese Richtung – dann war es unwahrscheinlich, den Täter auf diese Weise zu finden. Aber da sie ansonsten nicht viel unternehmen konnte, blieb zumindest diese Chance.
    Sie dachte einen Moment nach.
    „Ich würde gerne ihren Körper noch einmal inspizieren. Vielleicht fällt doch noch etwas auf.“ Sie überlegte, ob sie mittels eines Scanns vielleicht eine Spur finden könnte.
    Vater Lombardes nickte erschöpft. „Sie wird in der Kapelle aufgebahrt sein – Ihr werdet sie dort ungestört sehen können.“
    „Danke Euch. Danach werde ich ihre Zelle ansehen – bitte verändert dort bis dahin nichts..“ Der Vater nickte.


    In der kleinen Kapelle des Klosters herrschte gespenstige Stille. Die kalte Luft stand still und kleine Kondenswolken bildeten sich beim Atmen vor Dylinraes Mund.
    Schwester Marea lag aufgebahrt auf einem kleinen Tisch neben dem Altar. Das Haar war bereits wieder geordnet und man hatte sie offensichtlich gewaschen und umgezogen. Langsam näherte sich die Jägerin der jungen Frau. Außer ihr war keiner hier. Sie schob vorsichtig die Ärmel ihrer Kutte zurück und aktivierte den Körperscanner des Armpads. Dann ging sie vom Kopf angefangen einmal mit dem Arm im Abstand von wenigen Zentimetern über den Körper bis hin zu den Füßen. Ein leises Piepsen sagte ihr, dass der Scann erfolgreich abgeschlossen wurde. Wenige Sekunden später lag ihr dann ein Bericht vor. Sie klappte das kleine Gerät wieder zusammen und schob die Ärmel herunter. Später würde sie genug Zeit haben, den Bericht zu lesen.
    Sie betrachtete den blassen Frauenkörper nachdenklich. Jemand hatte sich Mühe gegeben, den Mord als einen Selbstmord erscheinen zu lassen. Vorsichtig glitten ihre Fingerspitzen über die kalte Haut. Sie fuhr gedankenvoll die Striemen am Handgelenk nach. Ein grobes Seil, das sagten ihr schon die Schürfwunden. Marea hatte sich offenbar stark gewehrt, denn die Striemen waren breit und unregelmäßig, so dass man davon ausgehen musste, dass das Seil schmaler war und bei heftiger Bewegung gescheuert hatte.
    Sie stutzte einen Moment. Dann blickte sie prüfend zum Hals. Dort war die Schürfwunde weitaus schmaler.
    Mit schnellen und Zielgerichteten Schritten verließ sie die Kapelle, um die Zelle der Schwester näher zu untersuchen. Schon vom weitem sah sie, dass die Tür der Zelleweit offen stand. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, ließ sie ihre Waffe unter dem Gewand entsichern und ihre Schritte beschleunigen.
    Offensichtlich war jemand vor ihr da gewesen: aus dem offenen Schrank hingen herausgerissene Kleider, Papiere waren quer über den Boden verstreut und ihr Bett zerwühlt. Es überraschte nicht wirklich. Man hatte etwas gesucht, vermutlich etwas, dass Marea mit der Sekte oder ihrem Mörder in Verbindung brachte. Wobei das auch beides sein konnte.
    Flüchtig sah sie über die Papiere, die am Boden lagen. Es waren weitere Flugblätter, verschiedene Exemplare, allerdings keine mit neuem Inhalt. Nach ein paar Minuten verließ sie den Tatort und ging nachdenklich zurück zu ihrer eigenen Zelle.
    Kaum hatte sich die schwere Holztür hinter ihr geschlossen, zückte sie das Armpad und las den Scannbericht. Wie sie schon fast vermutet hatte, war Schwester Marea nicht an Erstickung gestorben. Sie war bereits tot gewesen, als man sie aufgehängt hatte.
    Sie ging die Daten sorgfältig durch. Scheinbar war sie an einem Schock gestorben, ein Herzstillstand. Es gab kaum äußere Verletzungen, lediglich die Verletzungen an der Haut und ein einzelner Einstich, allerdings an keiner lebensgefährlichen Stelle: am Arm befand sich fern von jedem lebenswichtigem Organ ein etwa 15cm tiefer Stich mit einem Durchmesser von fast einem Zentimeter. Sicherlich schmerzhaft, aber keinesfalls tödlich.
    Es klopfte kurz und kräftig an der Tür. Hastig versteckte Dylinrae das Gerät wieder unter dem Kuttenärmel.
    „Ja?“
    Bruder Auguste trat herein. In seinen Händen trug er verschiedene Papiere.
    „Ich bringe Euch die gewünschten Listen, Schwester.“ Er sah sie aus traurigen Augen an. Dylinrae lächelte mitleidvoll. Auch ihm musste sie viel bedeutet haben.
    „Danke.“ Murmelte sie leise und nahm sie ihm ab.
    Er rührte sich nicht und machte keinerlei Anstalten die Zelle wieder zu verlassen. Es schien, als wolle er ihr unbedingt noch etwas sagen, fände aber die Worte nicht.
    „Bruder Auguste?“ Sie trat nahe an ihn heran und sah ihm forschend in das feiste Gesicht.
    „Ihr werdet ihn doch finden, oder?“ fragte er zaghaft und blickte zu Boden.
    „Wen finden?“ Für einen winzigen Moment fühlte sich Dylinrae in ihrer Scharade ertappt. Aber dann dämmerte ihr wieder, wer gemeint war. „Natürlich. Ich werde den Mörder finden.“ Versprach sie eilig.
    „Meint Ihr, das war der Mann, wegen dem Ihr gekommen seid?“ Er sah auf und in seinen Augen schimmerte es feucht. Dylinrae biss sich auf die Lippen. Diese Traurigkeit war überwältigend. Wie fast jede Weltenwanderin besaß auch sie eine leichte empathische Begabung. Normalerweise half es, die Stimmung ihres Gegenübers besser einzuschätzen, aber in diesem Fall verstärkte es den Seelenschmerz so sehr, dass sie meinte, ihn fast körperlich zu spüren.
    „Vielleicht…“ Sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück, um nicht so sehr zu spüren, wie er litt. „Aber das kann ich erst sagen, wenn ich die Listen durchgesehen habe.“
    Bruder Auguste nickte. „Schwester.. ich… Er brach den Satz ab und starrte mehrere Sekunden stumm auf den Boden. Dann drehte er sich unvermittelt um. „Viel Glück!“ murmelte er und verließ die Zelle.
    Sie sah ihm noch einen Moment hinterher und begann sich dann mit den Listen zu beschäftigen.
    In akribischer schnörkeliger Schrift waren die Namen all jener aufgeschrieben worden, die dem Kloster angehörten. Dahinter standen ihr Eintrittsdatum und ihre Funktion. Ein kleines Sternchen kennzeichnete jene, die an der Fahrt in die Hauptstadt teilnehmen sollten. Auf weiteren Listen hatte Vater Lombardes vermerkt, was ihm zu den einzelnen einfiel, welche Vorfälle es gab und welche Streitigkeiten. Die Jägerin ging sorgfältig die Listen durch. Doch innerhalb der letzten vier Wochen war niemand neu dazu gekommen.
    Enttäuscht lies sich Dylinrae auf ihrem Bett nieder. Es wäre auch zu einfach gewesen. Dennoch war sie überzeugt davon, dass Gammer damit zu tun hatte. Warum sollte eine junge Frau wie Marea an einem Herzinfarkt sterben? Und wovon stammte der Einstich? Ein Messer konnte es nicht gewesen sein, dafür war die Wunde zu rund. Es mutete mehr wie eine Verletzung mit einer Stricknadel an. Aber auch eine dicke Stricknadel war unmöglich an dieser Stelle für einen Herzstillstand verantwortlich.
    Sie ließ einen weiteren kurzen Scann auf Gammers Energiesignatur machen. Inzwischen musste er bis zu zwei Wochen hier sein in Gestalt eines anderen, was Energie kostete und sofern er sich nicht mit Energetic-Drogen auskannte, musste er früher oder später in seine eigentliche Gestalt zurück und Energie aus seiner Umwelt absorbieren.
    Doch der Scanner konnte nichts finden. Es zeigte sich zwar, dass die Energiebalance dieser Welt leicht gestört schien, aber es war nicht auszumachen, wer oder was die Ursache dafür war. Wütend hieb sie mit der Faust gegen die Wand. Es war zum verzweifeln. Jede ihrer Spuren verlor sich im Nichts.


    Immer noch grübelnd entkleidete sie sich. Ihre Waffe verbarg sie unter den Kleidern.
    Lange lag sie einfach da, starrte an die Decke und versuchte, die Puzzleteile zusammenzufügen. Erst viel später rollte sie sich unter der Decke zusammen und schlief ein.

  • Sie erwachte am frühen Morgen, als Bruder Auguste sie sanft wach rüttelte.
    „Schwester.. wir müssen aufbrechen…“ Dylinrae gähnte verhalten und hatte im ersten Moment, Probleme, seine Aussage einzuordnen. Übermüdet rieb sie sich die Augen. „Ich komme sofort.“ Murmelte sie und schob sich zur Bettkante.
    Sie fror erbärmlich. Vermutlich lag das an der Übermüdung, mutmaßte sie und zog sich bibbernd an, während Bruder Auguste die kleine Zelle wieder verließ.
    Fast hätte Dylinrae es wieder vergessen, dass heute die Reise in die Hauptstadt beginnen sollte.
    Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und warf einen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. Dunkle Ringe umrandeten die ohnehin geschwollenen Augen. Die ständige Hirsediät und die letzte Nacht hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie seufzte leise, goss dann kaltes Wasser aus der getöpferten Kanne in das kleine Becken und spritze sich das klare Nass ins Gesicht. Warum musste sie immer in den Welten landen, wo es keinen Kaffee gab?
    Missmutig griff sie nach ihrer Waffe. Sie starrte noch einmal in den Spiegel. Es dauerte ein paar Sekunden, wie so etwas wie Erkenntnis ihren Geist erhellte und sie sich umdrehte. Die Waffe war nicht mehr da.
    Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen. Das durfte nicht wahr sein. Da war sie ein einziges Mal so unvorsichtig, ihren Laser nicht unterm Kopfkissen zu begraben und jetzt war er in fremden Händen.
    Hastig durchsuchte sie den kompletten Raum, suchte unter dem Bett, in jedem Winkel. Doch die Waffe war und blieb verschwunden.
    „Verfluchte Scheiße!“ entfuhr es ihr. Zornig griff sie nach der Wasserkanne und warf ihn mit Schwung gegen die gegenüberliegende Wand. Die Kanne zersplitterte mit einem lauten Knall und die Teilchen flogen in alle Richtungen. Das Wasser spritze und rann die Wand hinunter, wo es eine kleine Pfütze bildete.
    Sie atmete schwer. Die Wut und der Frust schnürten ihr förmlich die Luft ab. Er war hier, unter Garantie… und jetzt hatte er sie auch noch im Schlaf entwaffnet. Sie hatte sich wie eine blutige Anfängerin beklauen lassen! Ihr ganzer Zorn, der sich die letzten Tage durch den Frust aufgestaut hatte, entlud sich nun. Wie ein gefangenes Tier lief sie im Zimmer auf und ab und überlegte fieberhaft, wer nun Gammer sein könnte.
    Eigentlich blieb nur Bruder Auguste. Er war es, der sie eben geweckt hatte. Dennoch – sie fühlte bei ihm keinen Hass, keinen Zorn, keine Angst.. es waren bisher nur positive Gefühle gewesen und Trauer, keinerlei Feindseligkeiten. Andererseits war sie aber auch kein echter Empath oder gar ein wandelnder Lügendetektor. Immerhin ging auch Bruder Auguste mit auf reise und so würde sie ihn in Ruhe beobachten können. Sollte sie ihre Waffe bei ihm finden oder ihn bei einer anderen unkoscheren Aktion erwischen, gab es noch genügend Möglichkeiten, ihn außer Gefecht zu setzen.
    Immer noch wütend verließ sie mitsamt ihren wenigen Habseligkeiten die Zelle und ging zu dem großen Speisesaal, wo bereits jene, die die heilige Mutter sehen wollten, sich versammelt hatten.
    Schwester Elesea tingelte offensichtlich gut gelaunt von einem zum anderen, verteilte Frühstück und schien ganz in ihrem Element. Als ihr Blick Dylinrae streifte, wurde er für einen Moment wieder grimmig – so wie eigentlich jedes Mal, wenn sie der scheinbaren Vegetarierin begegnete.
    „Ibrumas Segen..“ Die Jägerin grüßte einmal in die Runde und setzte sich dann ein wenig Abseits. Kurze Zeit später stellte ihr Schwester Elesea einen Pott mit dampfendem Kräutertee vor die Nase.
    „Hirse?“ Sie hielt ihr eine Schüssel mit gekochter Hirse unter die Nase. Die junge Frau zog die Stirn kraus und schüttelte den Kopf. Sie hatte definitiv die Nase voll von Hirse.
    Die Köchin zuckte mit den Schultern, stellte die Schüssel trotzdem hin und verließ dann den Tisch. Dylinrae schloss die Augen. Viel schlimmer konnte die Hölle auch nicht sein. Fehlte nur noch andauernde Fahrstuhlmusik und einem nie funktionierenden Kaffeeautomaten. Wenigstens das konnte sie in dieser Welt ausschließen.
    „Ibrumas Segen!“ grüßte Vater Lombardes betont fröhlich und setzte sich ihr gegenüber. „Ich freue mich schon richtig auf die Reise.“ Er plapperte, als habe es nie einen Trauerfall gegeben und alles sei in bester Ordnung. „Ich war schon seit bestimmt dreißig Jahren nicht mehr in der Hauptstadt.“ Er rieb sich die Hände, als die dicke Köchin herbeieilte und ihm Tee und einen Teller mit Würsten und Brot hinstellte. „Wunderbar.. Elesea, Ihr seid ein Engel.“ Elesea sah ihn einen Moment erstaunt und verwundert an – vermutlich war sie ein solches Kompliment nicht gewohnt – und lächelte dann breit.
    Dylinrae nippte an ihrem Tee und starrte auf den Tisch, um nicht die Würstchen sehen zu müssen. Es war schlimm genug, sie riechen zu müssen. Ihr Magen beschwerte sich lauthals. Peinlich berührt hielt sie sich den Bauch.
    Sie zählte die Sekunden, bis endlich das Frühstück beendet war und sie sich zum Aufbruch rüsteten.
    Die Reisegruppe bestand aus zwanzig jüngeren Mönchen und Nonnen, Bruder Auguste, Vater Lombardes und Dylinrae.
    Inzwischen wenigstens halbwegs wach musterte sie neugierig die einzelnen Personen.
    Da waren einmal Schwester Soraja und Bruder Nikodemus, das unzertrennliche Pärchen. Sie standen bei einer größeren Gruppe. Die meisten davon kannte Dylinrae nur dem Namen nach. Gemischte Gefühle gingen von der Gruppe aus. Aufregung, Zuneigung, und Freude empfing sie.
    Bruder Toklos, ein kleiner untersetzter Mann mit Nickelbrille redete pausenlos auf Bruder Karlos ein, der genervt den Zuhörer mimte, obwohl ihn das Thema sichtlich weniger interessierte als die Blicke, die ihm Schwester Jola zuwarf. Diese stand kichernd wie ein Schulmädchen mit Schwester Barett und Schwester Mikan abseits und unterhielt sich angeregt und mit vielen Gesten über die übrigen Anwesenden.
    Dylinrae ging die übrigen durch,. Niemand, von dem sie etwas anderes erspüren konnte als Freude und Aufregung.
    Sie sah sich nach Vater Lombardes um. Er stand mit Bruder Auguste an dem Karren, der den Proviant für die Leute enthielt und redete leise und eindringlich mit einem mürrisch aussehenden jungen Mönch.
    Ihrer Liste und ihren Erkundigungen nach musste das Bruder Mikesch sein. Er schien sich nicht sonderlich über die Reise zu freuen und starrte stur am Vater und Bruder Auguste vorbei.
    Die Jägerin versuchte sich auf die Gefühle zu konzentrieren, die von dieser Gruppe ausgingen. Sie lächelte. Tatsächlich.. neben Aufregung, Vorfreude, Trauer spürte sie noch etwas: Hass und Zorn.
    Sie wurde sich immer sicherer, dass Bruder Auguste nicht der war, der er zu sein schien.
    Auf Vater Lombardes Geheiß zogen sie los. Dylinrae achtete darauf, weit in der Mitte zu laufen, von wo aus sie aber immer noch einen guten Blick nach vorne hatte und den falschen Bruder im Auge behalten konnte.
    Der Marsch durch den tiefen Schnee war mühsam. Kalter Wind blies ihnen scharf von vorne ins Gesicht und Delynrae hasste diese Welt immer mehr.
    Anfangs noch gut gelaunt, kurz darauf angestrengt schweigend zog die Gruppe in Richtung Osten. Bruder Auguste hielt sich gemeinsam mit Vater Lombardes und dem jungen Mönch ganz an der Spitze. Ab und zu versuchte die Jägerin noch einmal, die Empfindungsschwingungen zu orten, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht irrte. Jedes Mal empfing sie wieder dieselbe Mischung aus Trauer, Hass, Aufregung und Zorn. Und jedes Mal lächelte sie zufrieden.
    „Sagt, Schwester…“ Bruder Toklos schloss mit eiligen Schritten zu ihr auf. „stimmt es, dass Ihr aus dem Geheimen Konzil der Heiligen Mutter seid?“ Die Jägerin blickte verwundert in das von der Kälte gerötete Gesicht des jungen Mannes, der sie mit neugierigen Augen unverhohlen musterte. Sie zwinkerte ihm zu.
    Er errötete. Für einen Moment fiel er wieder zurück, beeilte sich dann aber, wieder mit ihr auf einer Höhe zu laufen.
    „Dann kennt Ihr Euch aus in der Hauptstadt?“ Er schlang den langen Schal um seinen Hals ein weiteres Mal um sich.
    „Nein, nicht wirklich.. ich werde meistens außerhalb eingesetzt und reise daher mehr als ich in der Stadt bin.“ Sagte Dylinrae leise und bemühte sich dabei um einen verschwörerischen Ton. Toklos schwieg einen Moment fasziniert.
    „Aber die heilige Mutter habt ihr bestimmt bereits getroffen.“ Er sah sie erwartungsvoll an.
    Sie grinste. „Ein oder zwei mal..“ Es machte ihr Spaß, dem jungen Mann ein wenig zu imponieren, auch wenn es sich um ausgemachte Lügengespinste handelte.
    „Das klingt so wunderbar…“ Toklos schob sich die Nickelbrille ein kleines Stück höher. „Wisst Ihr, ich bin ja seit je her fasziniert von unserer Göttin Ibruma und ich konnte mir nie vorstellen, etwas anderes zu tun, als mein Leben in ihrem Dienst zu verbringen.“ Seine Stimme schwappte vor Begeisterung geradezu über. „Und jetzt reisen wir wirklich in die Stadt, um die heilige Mutter zu sehen. Ich meine: sie ist immerhin eine direkt durch Ibruma gesegnete. Sie muss eine faszinierende Frau sein.“
    Dylinrae lauschte dem begeisterten Geplapper des jungen Mannes nur mit halbem Ohr, nickte immer mal wieder an den passenden Stellen und konzentrierte sich ansonsten lieber auf den Weg.
    In der Stadt selber sah sie sich mit einem neuen Problem konfrontiert: ihre Tarnung konnte so nicht funktionieren. Früher oder später begegneten sie echten Mitgliedern des Geheimkonzils und dann würde der Schwindel auffliegen. Inzwischen war sie zu dem Schluss gekommen, dass Gammer oder seine Sekte unter Garantie einen Anschlag auf Leben der heiligen Mutter planten. Warum sonst sollte man eine Sektenanhängerin töten, wenn es nicht um mehr ging als um ein paar Flugblätter? Zudem schien sich der Hass auf die Unterdrückung durch Religion auch auf ihre Würdenträger zu beziehen. Das nächste Problem war also, dass sie nah genug an die heilige Mutter heran kommen musste, ohne dass man fälschlicherweise sie als Attentäterin verdächtigte. Und das, ohne das irgendwer alarmiert wurde, denn vielleicht lag Dylinrae auch falsch.
    „Toklos?“ Sie unterbrach ihn, als er gerade versuchte, eine Abhandlung für die Verbrennung von Sündern aller Art wieder zu geben, die ihn letzte Nacht sehr beschäftigt hatte. Verwirrt blickte er sie an. „Ja?“ „Ich bin abgereist, bevor das Fest geplant wurde.. kennst du den genauen Ablauf?“ Er sah sie erstaunt an. „Das Fest der Mitte wird doch jedes Mal gleich gefeiert, oder etwa nicht?“ Dylinrae spürte, wie sie rot wurde. Am liebsten hätte sie sich für ihre dumme Frage selbst geohrfeigt. „Ich meinte nur.. Es ist doch das letzte Mal, dass die Mutter auftreten wird.“ Toklons eben noch misstrauisches Gesicht hellte sich wieder auf. „Das ist natürlich wahr. Nein, ich weiß es nicht. Aber bestimmt werden sie es vor Ort noch sagen.“ Dylinrae nickte. Das machte natürlich Sinn, auch wenn es für sie unpraktisch war. Toklon verfiel wieder in sein Geplapper über Sünden und Feuerreinigung.
    Sie liefen noch eine Weile nebeneinander her, bis nach Stunden mühsamen Wanderns ein kleines Waldstück erreicht wurde. Die Bäume standen hier sehr dicht und ihre Nadeln hielten den meisten Schnee ab.
    „Wir machen Pause!“ Die heisere Stimme von Vater Lombardes hallte über die Schneeebene. Nach und nach trafen alle aus der Reisegruppe ein. Vater Lombardes zog seine Handschuhe aus und holte dann vom Handkarren einige Äpfel, die er verteilte.
    „Vater?“ Schwester Jola blickte leicht angewidert auf ihren Apfel. Der alte Mann sah missbilligend zu ihr. „Ja, Schwester? Ist der Apfel nicht gut?“
    Die junge Nonne schluckte. „Ist der aus dem Keller?“
    Genervt stemmte Vater Lombardes die Hände an die Seite. „Hört mal! Die Äpfel sind gut. Nur weil es aus irgendeinem Grund im Keller stinkt, sind diese Äpfel nicht automatisch schlecht. Keiner von ihnen hat auch nur eine dunkle Stelle!“
    Dylinrae betrachtete die pralle Frucht in ihren Händen. Er schien ihr durchaus genießbar zu sein. Und um das zu beweisen, bis sie herzhaft hinein.


    Schwester Elesea stapfte mit einem Besen und einer Fackel bewaffnet die schmalen Stufen zum Klosterkeller hinunter. Ihr Keller stank – das kam einer Gotteslästerung gleich. Empört hatte sie die Mönche beim Essen lästern hören und war nun wild entschlossen, endlich die Ursache für diesen merkwürdigen Geruch zu finden.
    Schatten tanzten durch den unruhigen Schein an der Wand aus unbehauenem Stein entlang. Gespenstische Stille umhüllte das riesige Gewölbe. Normalerweise war hier immer viel los: Weinfässer wollten gefüllt und gestapelt werden, Obst musste regelmäßig überprüft werden, Brot wurde auf Vorrat gebacken und hier gelagert – doch seit mehreren Wochen stank es hier so bestialisch, dass sich keiner freiwillig herein traute. Sie hatten anfangs, als der Geruch noch leicht süßlich und dezent war, sämtliche Vorräte durchgesehen. Aber sie konnten nichts finden. Mit der Zeit wurde der Gestank immer penetranter. Zeitweilig vermuteten sie, ein Tier sei irgendwo verendet und verweste nun, aber auch einen Kadaver konnten sie nicht finden.
    Langsam und den Besen im Anschlag, für den Fall, dass es tatsächlich eine Ratte wagen sollte, sich ihr in den Weg zu stellen, schlich Elesea an den gestapelten Obstvorräten vorbei.
    Der Gestank war überwältigend. Aber er schien noch stärker zu werden, als sie in Richtung der Weinfässer ging.
    Sie stockte. Tropfte es aus einem der Fässer? Misstrauisch ging sie weiter.
    Wie angewurzelt blieb sie schließlich vor dem fraglichen Fass stehen und sah fassungslos auf die kleinen weißen Maden, die aus dem Schankhahn tropften.
    Panisch drehte sie sich um, ließ den Besen fallen und lief hinaus.

  • Nach der Pause wanderte die Gruppe sofort weiter, um bis zum Einbruch der Dunkelheit in ein kleines Dorf zu gelangen, wo sie in einer kargen Herberge Unterschlupf fanden. Während die anderen der Gruppe fest und friedlich schliefen, saß Dylinrae unruhig am Fenster und starrte hinaus in den vollen, blutroten Mond, der umrahmt von unendlich vielen Sternen am Himmel stand.
    Der Schnee schimmerte geheimnisvoll im Mondlicht. Es hatte inzwischen wieder angefangen zu schneien und Eiszapfen hingen von den toten und kahlen Ästen der nahen Bäume, funkelten, sobald sie von einem fahlen Lichtstrahl getroffen wurden.
    Müde stützte sie den Kopf auf die Hände und dachte nach. Wie könnte sie Gammer dazu bringen, sich zu erkennen zu geben? Und warum konnte sie keine Energiesignatur von ihm empfangen? Immer wieder ging sie ihre Listen durch und suchte nach einem Anhaltspunkt. Schließlich find sie sogar an, frühere Fälle durch zu gehen in der Hoffnung, dort etwas Ähnliches zu finden.
    Das knirschende Geräusch hastiger Schritte im Schnee ließen sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Zwei Gestalten entfernten sich von der Hütte. Schemenhaft konnte sie erkennen, dass der eine mittelgroß und relativ schlank war, der andere klein und dünn – Bruder Mikesch und Vater Lombardes.
    Lautlos schwang sich Dylinrae auf den Fenstersims und kletterte hinaus. Vorsichtig schlich sie sich an der Hauswand entlang, verbarg sich weitgehend im Schatten und ließ dabei die beiden nicht aus den Augen.
    „Wir können ihm nicht vertrauen!“ zischte der Vater leise. „Er benimmt sich merkwürdig – seit dem das erste Mal Blätter von dieser Sekte bei uns aufgetaucht sind, benimmt er sich.. ich weiß nicht, als wäre er nicht er selber!“ Bruder Mikesch nickte zustimmend. „Marea erwähnte des Öfteren, dass sie Angst vor ihm hatte.“ Er klang heiser. „Er hat sie immer so merkwürdig beobachtet. Aber.. ich meine.. hat Schwester Dylinrae schon einen Verdacht?“ Der andere Mann zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, gesagt hat sie jedenfalls nichts. Aber wenn ich ihre Blicke richtig deute, dann …“ Er legte eine kunstvoll Pause ein, um dann leise fort zu fahren. „Dann verdächtigt sie auch Bruder Auguste. Er hat Marea gefunden …“ Er sprach nicht weiter, aber sein Gegenüber nickte verständnisvoll.
    „Ich befürchte, er ist gefährlich …“ Vater Lombardes drückte dem jungen Mann irgendwas in die Hand. „Das fand ich bei ihm - es scheint mir eine Waffe zu sein. Behalt sie – trag sie – und im Zweifelsfall: benutz sie.“ Schweigen breitete sich für wenige Augenblicke aus. „Ich bin zu alt und zu schwach. Ich kann diese Gruppe nicht beschützen, dass musst du übernehmen.“ Was auch immer er dem Bruder gab, er steckte es schnell weg. Dylinrae kniff die Augen angestrengt zusammen, konnte aber nichts erkennen. Die beiden machten kehrt und gingen zur Hütte zurück. Wie ein Schatten folgte die Jägerin ihnen und huschte wieder zum Fenster herein.


    Entgeistert starrte Bruder Frederice die Köchin an, die am Holztisch saß und stumm ein Glas Magenbrand nach dem anderen herunterstürzte.
    „Also, Schwester Elesea!“ Er versuchte, möglichst streng zu klingen, obwohl ihn die Vorstellung einer betrunkenen Schwester Elesea sehr amüsierte. „Meint Ihr nicht, das reicht langsam?“
    Schwester Elesea verzog ihr Gesicht zu einer finsteren Mine. „Dasch hier.. ischt MEINE Küche. Und in MEINER Küche trinke isch schoviel isch will!“ fauchte sie ihn zornig an. Dann schenkte sie sich noch einen Klaren in den winzigen Tonbecher und leerte ihn mit einem Zug.
    Es gab wenig, was Schwester Elesea nicht vertrug. Alkohol gehörte dazu, genau wie die Vorstellung von aberhunderten Maden in einem Weinfass.
    Sie starrte mit gläsernen Augen in die Flammen, die im Herd munter vor sich hinprasselten.
    „Schwester Elesea?“ Bruder Frederice war inzwischen mehr besorgt als verärgert und tippte ihr auf die Schulter.
    „Maaaaden…“ Elesea schüttelte angewidert den Kopf, nahm den nächsten Becher voll und trank weiter. „Aaaaallesch voller Maaaaaaaden!“ Es klang wie ein einziges lang gezogenes Heulen. Die Nonne schüttelte sich angewidert und starrte den alten Mönch an, der sich neben sie gesetzt hatte. „Isch geh da nie wieder runter…“
    Er nickte verständnisvoll, obwohl er immer noch nicht wusste, worüber sie redete.
    „Wir werden einfach morgen jemanden schicken, der wird die bösen Maden beseitigen…“ Er legte freundschaftlich seinen Arm um sie, als sie ihren Kopf an seine Schulter legte. Er kannte diese Frau seit bestimmt dreißig Jahren, aber so betrunken hatte er sie noch nie erlebt. „Das ist doch alles kein Problem… „ versuchte er sie weiter zu trösten. Ein leises Schnarchen ließ ihn mißtrauisch zu ihr herunter blicken und verwundert lächeln, als er sah, dass die raubeinige Köchin friedlich eingeschlafen war.
    Maden.. wo sollen die denn herkommen? Er schüttelte immer noch verwirrt den Kopf. Schwester Elesea sollte wirklich die Finger von ihrem Selbstgebrannten lassen.



    Der nächste Tag begann bereits vor dem Morgengrauen. Die Gruppe sammelte sich zu einem kurzen Frühstück und zog dann wieder raus in die Kälte. Dylinrae fröstelte es. Sie zog den dicken Umhang enger um sich und beobachtete misstrauisch Bruder Auguste, der von Bruder Mikesch und Vater Lombardes in die Mitte genommen wurde.
    Bruder Toklos schwieg zu ihrer Erleichterung. Auch er wirkte angespannt und nervös, wie der Rest der Gruppe. Es lag bereits Vorfreue verstärkt in der Luft, gepaart mit Neugierde und auch ein wenig Angst. Ganz unscheinbar konnte Dylinrae einen Hauch von Angst ausmachen. Sie lächelte.
    Die Sonne stand blass am weißen Himmel. Es schneite nicht mehr, dafür war es merklich kälter geworden und die Schneedecke gefror. Vater Lombardes hatte dicke Felljacken und Handschuhe ausgeteilt.
    Stumm stapften sie hintereinander durch die weißen Lande. Ein Schrei erklang und zerriss die Stille. Abrupt blieben die Reisenden stehen. Instinktiv fuhr Dylinraes Hand an den schmalen Dolch in ihrem Gürtel, der in Ermangelung ihrer Laserwaffe die einzige Bewaffnung darstellte. Hinter einer Schneewehe sprangen drei wild aussehende Gestalten vor.
    Vater Lombardes hob die Hände. „Wir sind friedliche Gläubige und haben kein Geld!“ versicherte er mit zitternder Stimme.
    Die drei Angreifer umrundeten die vor Angst und Kälte zitternden Menschen mit gezogenen Schwertern. Die Brüder und Schwestern drängten sich nah aneinander. Sie waren offensichtlich überfordert mit der Situation, obwohl sie in der Überzahl gewesen wären.
    „Bitte…“ Schwester Jola weinte panisch. „Tut uns nichts..“


    Es war bereits Nachmittag, als Schwester Elesea mit ungeheuerlichen Kopfschmerzen erwachte. Stöhnend hielt sie sich den Kopf, wälzte sich aus ihrem Bett und starrte auf den Boden, der sich langsam zu drehen schien.
    „Verzeih, Ibruma!“ murmelte sie und übergab sich dann geräuschvoll in ihre Waschschüssel.
    Ihr Lebtag hatte sie sich noch nicht so elend gefühlt und noch nie zuvor hatte sie sich dermaßen geschämt wie an diesem Tag. Mit einem Ekelerregenden Geschmack auf der pelzigen Zunge wankte sie mit unsicheren Schritten aus ihrer Zelle und schleppte sich in ihre Küche.
    Was war nur in sie gefahren? Sie versuchte verzweifelt sich zu erinnern, aber denken entpuppte sich als ein momentan sehr schmerzhafter Vorgang.
    Erschöpft setzte sie sich an den großen Tisch und starrte auf einen kleinen Becher und einen Krug, der halb gefüllt war mit Magenbrand.
    Sie verzog ihr Gesicht als einzelne Erinnerungsfetzen an ihr Bewusstsein gelangten.
    „Och ne!“ stöhnte sie und ließ den Kopf auf die Tischplatte fallen.


    Dylinrae zog ihren Dolch, verbarg ihn aber noch im Ärmel. Irgendwas sagte ihr, dass diese drei Männer keine normalen Räuber waren und dass ihnen das Geld, was sie bei sich führten, herzlich egal war.
    Ohne weitere Vorwarnung holte der Mann, der Jola am nächsten stand mit dem Schwert aus. Schwester Jola duckte sich und verbarg das Gesicht in ihren Händen in Erwartung des Schlages der Folgen würde. Als dieser ausblieb, lugte sie vorsichtig durch ihre Hände hindurch.
    Der Mann starrte entsetzt in Richtung der Jägerin. Sein Schwert fiel zu Boden und er hielt mit beiden Händen den Griff des Dolches umklammert, der aus seinem Hals ragte. Sekunden, die wie Minuten erschienen, vergingen, bis er auf die Knie ging und dann zur Seite stürzte.
    Für Momente schien alles wie erstarrt.
    Dylinrae musterte ihre Gegner. Der, der direkt neben ihr stand, löste sich am schnellsten aus seiner Starre, hob das Schwert und stürzte sich mit einem wütenden Schrei auf die blonde Frau, die eben seinen Kumpanen in den Tod geschickt hatte.
    Dylinrae duckte sich unter dem Hieb seitlich weg und schlug ihrerseits in die nunmehr ungeschützte Seite des Mannes. Er schien kein sonderlich erfahrener Kämpfer zu sein und so hatte sie ein leichtes Spiel mit ihm.
    Er zuckte vor Schmerz zurück. Sie packte ihn am Kragen, drehte sich um und warf ihn durch die Hebelbewegung aus dem Gleichgewicht gebracht über ihre Schulter zu Boden. Schnell griff sie seinen Schwertarm, legt ihn quer über ihr Knie und schlug ihn mit aller Kraft und Wucht gegen, bis sie ein leises Knacksen hörte und er das Schwert losließ.
    Inzwischen hatte auch der letzte der Angreifer sie erreicht und noch bevor sie aufstehen konnte, stieß er mit dem Schwert zu. Schnell rollte sie sich zur Seite über den gebrochenen Arm des anderen, der vor Schmerz aufschrie, und hob beim Aufstehen dessen Schwert auf.
    Sie grinste ihn angriffslustig an. „Komm her, Arschloch…“
    Ein wenig verunsichert, plötzlich doch einen ernst zu nehmenden Gegner vor sich zu haben, trat der Mann unruhig von einem Bein aufs andere. Diese Frau vor ihm in der Kutte einer normalen Nonne schien mehr Erfahrung zu haben als er gedacht hatte. Er fluchte leise.
    Sie stellte sich gerade hin, ließ das Schwert scheinbar gedankenlos in der rechten Hand baumeln, streckte die linken nach vorne und winkte ihn heran.
    Er schnaubte wütend, ging in Angriffsposition über und machte dann einen Ausfall nach vorne. Die Jägerin wich aus, drehte sich seitlich an seinem Schwert vorbei, nutzte den Schwung und schlug ihrerseits mit voller Kraft auf Schulterhöhe zu.
    Sie beendete die Drehung, blieb stehen und senkte das Schwert. Ihr Brustkorb hob und senkte sich beim Atmen und ihre Augen glänzten kampflustig.
    Ein hilfloses Gurgeln ertönte, als der Mann hinter ihr sich umdrehen wollte. Der Kopf fiel hinunter und rollte auf der vereisten Schneedecke ein Stück weiter. Der Körper schien erst einen Sekundenbruchteil später zu begreifen, dass ihm etwas Lebenswichtiges fehlte und klappte dann in sich zusammen.
    Langsam und würdevoll rückte Dylinrae ihre Kutte wieder gerade und erwiderte die erstaunten und entsetzten Blicke ihrer Begleiter mit einem freundlichen Lächeln.
    Dann schritt sie auf den Mann mit dem gebrochenen Arm zu. Sie ließ beim Gehen das Schwert betont nachlässig auf dem Boden schleifen und zog so eine Furche hinter sich.
    „Soso.. harmlose Wanderer überfallen...“ spöttelte sie und stellte sich neben den am Boden liegenden Kerl, der sich mit schmerzverzerrtem, Gesicht den Arm hielt. Sie hielt ihm die Spitze des Schwertes an die Hauptschlagader.
    „Dann erzähl mal… und gib mir einen Grund, dich nicht auf besonders unangenehme Art und Weise zu töten.“ Der kalte Stahl drang bereits durch die Haut des Mannes, der Dylinrae mit seinen Blicken fixierte. An ihm schien nichts Außergewöhnliches: seine Statur war mittelmäßig, seine Größe, sein Aussehen - alles durchschnittlich. Er schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf.
    Die Jägerin zuckte mit den Schultern. „Na dann..“ meinte sie leichthin und ließ das Schwert weiter nach unten gleiten. Versonnen blickte sie dem Verletzten ins Gesicht. „Was denkst du? Längs oder Quer?“ Mit diesen Worten strich sie mit Nachdruck mit der Schwertspitze einmal längs und einmal quer über den Bauch.
    Die wasserblauen Augen des Kerls starrten sie entsetzt an. Sie lachte leise und schüttelte den Kopf.
    „Natürlich, du hast recht: beides ist besser.“ Sie hob das Schwert wieder.
    „Warte!“ Der entsetzte Ruf des Besiegten ließ ihr Schwert wenige Millimeter über seiner Bauchdecke stoppen.
    „Ja?“



    „Trink erstmal einen Tee.“ Mit besorgter Miene stellte Bruder Frederice einen Becher mit warmen Kräutertee vor die aufgelöste Köchin.
    „Ich hab einen Kater..“ wiederholte diese mit entsetzter Stimme zum dritten Mal. „Ich hatte noch nie einen Kater. Ich war noch nie betrunken. O meine Göttin, ist mir das peinlich!“ Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie konnte ich nur so viel trinken? Ich fasse es nicht!“
    Milde lächelnd streichelte Bruder Frederice ihr über den breiten Rücken. „Du warst gestern sehr aufgelöst.“ Er sprach leise, um ihre Kopfschmerzen nicht noch weiter steigern. „Du erzähltest etwas von Maden, und dass du nie wieder irgendwo runter wolltest.“
    Die Köchin starrte nachdenklich auf die alte Tischplatte, wo sich die Gebrauchsspuren vieler Jahrzehnte fanden. Sie fuhr eine besonders tiefe Rille mit der Fingerspitze nach. Maden? Ihr Gehirn versuchte in den Untiefen des Bewusstseins den gestrigen Abend Revue passieren zu lassen.
    Die Mönche, die über den Gestank im Keller lästerten, ihre kleine Expedition und das Fass.. Sie sah mit weit aufgerissenen Augen hoch und blickte Bruder Frederice direkt ins Gesicht.
    „In dem einen Weinfass sind Maden... so viele, dass sie herausfallen…“ flüsterte sie schockiert. Bruder Frederice verzog angewidert das Gesicht. „Nicht im Ernst!“ „Doch!“ Die Köchin nickte angeekelt. „Und genau daher kam auch dieser widerliche Gestank. Da muss ein totes Tier oder so etwas rein gefallen sein.“
    Bruder Frederice schluckte. „Und die Maden kamen aus dem Schankhahn?“ Die Köchin nickte. „Das heißt, das Fass war bereits…“ „angebrochen.“ Vollendete die Köchin nickend den Satz des zunehmend blasser werdenden Mönches. „Das heißt, wir haben..?“ Die Köchin nickte wieder.
    Bruder Frederice starrte sie einen Moment lang stumm an.
    Schließlich krächzte er mühsam: „Reichst du mir bitte mal den Magenbrand?“


    Vorsichtig ging Dylinrae einen Schritt zurück. Das war genau das, was sie sich gedacht hatte: unzufriedene aus der Bevölkerung begannen eine Hatz auf Anhänger der Ibrumanen-Kirche. Die Vorboten einer Revolte.
    Sie sah zu der Gruppe, die sie entsetzt anstarrten.
    „Was denn?“ Sie hob fragend die Augenbrauen. Jeder wich ihrem Blick aus. Sie zuckte mit den Schultern, ging zu der Leiche einer der Angreifer und nahm dieser die Schwertscheide ab. Dann verstaute sie das Schwert unter ihrer Kutte. Wer weiß, wozu da noch nützlich war. Dann zog sie ihm ihren Dolch aus dem Hals, wischte ihn an seinen Klamotten und steckte ihn wieder in ihrem Gürtel.
    Dann richtete sie sich nachdenklich wieder auf und blickte zur Sonne. Es war bereits Nachmittag. In wenigen Stunden würden sie in der Stadt sein. Und spätestens dort sollte sie Gammer stellen.
    Sie spürte vorwurfsvolle Blicke in ihrem Rücken. Genervt drehte sie sich zu ihnen um, ging würdevoll an ihnen vorbei und schüttelte den Kopf.
    „Schwester Dylinrae, ihr habt…“ Die nervige Stimme von Toklos erklang als erstes.
    „Was denn?“ Die Jägerin zog fragend wieder die Augenbrauen hoch. „Habt Ihr erwartet, dass ich das mit denen ausdiskutiere?“ Betretenes Schweigen folgte.
    „Na also.“ Sie musterte ihre Begleiter wütend. Dann ging sie ohne ein Wort zu verlieren an ihnen vorbei weiter in Richtung Hauptstadt.

  • Erst am späten Abend fanden sich einige Brüder, die sich bereit erklärten, dass Fass mit den Maden zu öffnen und die Plage zu beseitigen. Ein Krug Magenbrand wurde bereits vorher in der Küche geleert, wo Schwester Elesea immer noch halb apathisch saß und vor lauter Ekel kaum ein Wort sprach.
    „Bleib ruhig hier!“ Bruder Frederice verfluchte einmal mehr die Tatsache, dass er die Vertretung des Klostervorstandes übernommen hatte. Doch die alte Frau schüttelte den Kopf. Sie wirkte sehr blass und trotz ihrer Körperfülle schien es dem Mönch so, als könne sie jeden Moment zusammenbrechen. „Ich muss Euch das Fass zeigen…“ sagte sie tonlos. Natürlich hatte sie die Möglichkeit, oben zu bleiben, aber die Neugierde war noch quälender als der Gedanke daran, einen Schwall Maden und ihre Ursache sehen zu müssen.
    Mit Fackeln und Beilen bewaffnet stiegen sie in den Keller herunter. Bruder Phillipado erreichte als erster das Fass, vor dem sich bereits ein kleiner ansehnlicher Haufen von Maden gebildet hatte. Angewidert sah er auf die kleinen Tierchen herab.
    Dann hob er das Beil, während die anderen in ausreichendem Abstand verharrten.
    Mit einem wuchtigen Schlag zersplitterte das Holz und eine Woge Wein, in dem kleine weiße Körper schwammen, floss heraus und umspülte seine Schuhe. Ein weiterer Schlag zerstörte das Fass und ließ es auseinander brechen. Maden fielen nach allen Seiten und gaben den Blick frei auf die Überreste eines menschlichen Körpers.
    „Große Göttin!“ hauchte Elesea und drückte ihr Gesicht an Bruder Frederices Schulter.
    „Heilige Mutter, steh uns bei!“ entfuhr es Bruder Phillipado und ließ das Beil zu Boden fallen. „Das kann doch nicht sein…“ Er starrte entsetzt und wie paralysiert auf das tote Gesicht des Mannes, den er gestern noch verabschiedet hatte. Einem inneren Impuls folgend kniete er nieder und begann zu beten.


    Keiner sprach ein Wort. Stumm liefen sie durch den Schnee. Schneefall hatte wieder eingesetzt und Dylinrae verspürte den unbändigen Wunsch nach einer Pause.
    Auch wenn das Anschweigen unangenehm schien, bot es ihr doch die Möglichkeit, besser nachzudenken.
    Sie erinnerte sich an eine Vorlesung an der Akademie, wo einer ihrer Dozenten eines Morgens einen kleinen schwarzen Kasten mitbrachte. Er forderte alle auf, ihre Scanner einzuschalten und seine Energiesignatur aufzunehmen. Dann machte er einen kurzen Sprung. Jeder von ihnen hatte seine Signatur eindeutig identifizieren können. Dann schaltete er das Gerät ein. Eine kleine grüne Leuchtdiode glühte auf.
    Verblüfft stellten die Studenten fest, dass seine Signatur nicht mehr wahrnehmbar schien.
    Das merkwürdige Gerät stellte sich als PSI-Verstärker heraus, ein höchst illegales Hilfsmittel zur Verstärkung von leichten Energiesignalen. Dabei wurde die Signatur dermaßen verzerrt, dass man sie nicht mehr ausfindig machen konnte.
    Dylinrae hatte damals verblüfft gefragt, ob das Gerät von allen Springern eingesetzt würde. Der Professor hatte verneint. Mit einem Knopfdruck sprang aus dem Kasten eine dicke Nadel raus.
    Die Energie, so erklärte der Dozent damals, die das Gerät selber brauchte, war nicht mit Batterien oder künstlich herzustellen, sondern nur mit purer Lebensenergie möglich. Daher sei das Gerät nicht nur in allen bekannten Welten verboten, selbst asoziales Gesindel wie Springer hätten meistens Hemmungen, es einzusetzen.
    Er ließ ein kleines Kaninchen hereinbringen. Mit einem Griff zwang er es zum stillhalten und rammte ihm die Nadel in die Seite. Die entsetzten Todesschreie des kleinen Nagers blieben Dylinrae noch lange in Erinnerung.
    Bisher hatte sie noch keinen Springer gejagt, der ein solches Gerät einsetzte. Aber in diesem Fall schien es, als habe Gammer Marea als Energiequelle genutzt, als er sie endgültig zum Schweigen brachte.
    Sie ballte die Hände wütend zu Fäusten, während sie über diese Möglichkeit nachdachte. Wie konnte ein intelligenter Mann eine so verabscheuungswürdige Tat begehen? Ein zorniger Seitenblick traf Bruder Auguste, der sie fragend ansah.
    Solange er ihre Laserpistole hatte, sollte sie ihn lieber nicht offen angreifen. Sie fürchtete, er sei in der Lage, die komplette Gruppe umzubringen. Sie musste ihn am besten irgendwie von den anderen trennen – und das war am besten in der Stadt möglich.
    Sie wanderten bis tief in die Nacht hinein, bis sie an die letzte Station vor der Stadt kamen. Dylinrae verfluchte innerlich diese Pause. Es brannte ihr unter den Fingernägeln, Gammer endlich zu stellen und gefangen zu setzen.
    Sie wartete, bis alle schliefen, bevor sie sich zum Bett von Bruder Auguste herüber schlich. Mit einer Bewegung, als wolle sie die Decke glätten befestigte sie einen kleinen Bewegungsmelder an ihm. Sie gab die Frequenz auf ihrem Armpad ein und schlich sich dann auf Zehenspitzen zu ihrem eigenen Lager. Mit der Gewissheit, dass sie bei der kleinsten Veränderung seiner Koordinaten geweckt werden würde, schlief sie schließlich ein.


    Mit einigen Mühen hatte man den Leichnam gesäubert und eingeölt. Die bereits vorhandenen Verwesungen hatten die Schwestern und Brüder von der Krankenstation gereinigt und mit einer schweren Salbe soweit versiegelt, dass der Vorgang so lange aufgehalten wurde, wie der Gottesdienst dauern würde. Schwester Elesea stand neben dem aufgebahrten Leichnam, den man neben dem von Schwester Marea aufgebahrt hatte und betete leise und inständig zur Göttin.
    Was für ein Teufelswerk war hier zugange? Wenn er tot war, wie konnte er in die Hauptstadt reisen? Sie hatte mit ihm gesprochen, ihm Essen gemacht und gebracht – und hier lag ein Toter, der nach Schätzung von Bruder Frederice schon seit Wochen nicht mehr unter den Lebenden Weilte.
    Zum ersten Mal in ihrem Leben zweifelte Schwester Elesea an der Richtigkeit ihres Verstandes und ihres Glaubens.


    Bereits am Vormittag des nächsten Tages erreichten die erschöpften Wanderer die Stadt der Heiligen Mutter. Bunte Fahnen hingen von den kunstvoll geschwungenen Dachfirsten, seidene Bänder flatterten von schmalen Bäumchen, die den Straßenrand säumten. An allen Ecken standen Händler, die Essen, Getränke und Souvenirs feilboten. Menschenmassen drängelten sich durch die pittoresken Gassen und ein Duft von Rosen durchzog die Stadt und mischte sich unter die fremdartigen Gerüche verschiedenster Speisen und Gewürze.
    Schwester Soraja sah sich mit offenen Mund um und stieß immer wieder mit einem quietschenden „Schau mal!“ Bruder Nikodemus an. Jeder Erschöpfung, die sie alle verspürt hatten, schien mit einem Mal von ihnen abzufallen und durch einen Drang zur Erkundung der Umgebung ersetzt zu werden. Schwester Jola und Schwester Baret entfernten sich bereits unmerklich von ihnen.
    Vater Lombardes rief sie kurz zusammen, erklärte ihnen, wo sie die Herberge fänden und schlug dann vor, dass sie alle die Stadt auf eigene Faust begutachteten. Dylinrae atmete tief durch. Das war einfacher als sie dachte. Der Vater nahm ihr damit den eigentlich schwersten Teil der Arbeit ab. Mit leichtem Groll beobachtete sie, wie Bruder Auguste mit Bruder Mikesch um die nächste Ecke verschwand. Sie nickte Vater Lombardes freundlich zu und machte sich dann an die Verfolgung.
    Es war nicht leicht, unauffällig durch die Stadt Leuten zu folgen. Zu viele Menschen waren unterwegs und sie musste sich häufig auf gut Glück einen Weg bahnen, verlor immer wieder beide Mönche aus den Augen, bsi die zwei die Belebten Plätze verließen und in Richtung des Hafens gingen.
    Dylinrae hielt sich im Schatten, während sie ihnen weiter folgte. Es schien, als würden sie angeregt miteinander diskutieren.
    Sie hoffte inständig, dass Gammer nicht plötzlich ihre Laserwaffe ziehen und den jungen Mönch töten würde. Während sie versuchte, unauffällig näher zu kommen und dabei die zwei keinen Moment aus den Augen zu verlieren, erreichten sie einen vereinsamten Platz. Sie blieben stehen.
    Die Jägerin spannte jeden Muskel in ihrem Körper an, bereit, jeden Moment hervor zu stürzen.
    Die beiden diskutierten heftiger, die gesten wurden ausladender. Der junge Bruder Mikesch schrie ihn mit hochrotem Kopf an: „Mörder! DU hast sie auf dem Gewissen!“ Bruder Auguste griff unter seine Kutte. In diesem Moment sprang Dylinrae aus ihrem Versteck mit gezogenem Schwert vor.
    „Es ist aus, Gammer!“ rief sie und schlug mit der Knaufseite nach Auguste.
    Dieser wich überraschend behände aus. „Was?“ Er starrte sie verblüfft an. Mit einer hastigen Bewegung versuchte er, seine Hand wieder unter der Kutte herauszuziehen. Dylinrae schlug zu, noch bevor sie komplett sichtbar war.
    Blut raste in ihren Schläfen, als die Hand zu Boden fiel. In den leblosen Fingern hielt sie ein Stück Pergament.
    Bruder Auguste starrte geschockt auf seinen Armstumpf und sah dann zu Dylinrae. Er machte den Mund auf, bekam aber kein Wort heraus. Dann drehte er die Augen nach oben, so dass man nur noch das Weiße sehen konnte und kippte lautlos zur Seite.
    Bruder Mikesch keuchte erschrocken. „O meine Göttin, Ihr seid rechtzeitig gekommen!“ Er atmete schwer vor Schock. „Er gehört zu dieser Sekte!“
    Dylinrae hob stumm das Stück Pergament auf. In krakeliger und zittriger Schrift standen dort Warenmengen.
    „Er .. er lebt noch..“ Mikesch beugte sich über ihn.
    „Da hat sein Schutzengel gut aufgepasst.“ Dylinrae versuchte die Unterschrift auf dem Zettel zu entziffern.
    „Sein.. Schutz- was?“ Verständnislos blickt der Mönch sie an.
    „Sein…scheiße…“ Sie sah ihn an, blickte auf den Zettel, ließ ihn fallen und rannte los.

  • Sie sind keine unterschiedlichen Rassen.. es sind alles Weltenwanderer.. nur die Springer sind die, die illegal springen, also zu ihrem eigenen Vorteil..
    Und neeee.. der lebt noch ^^
    ____________________________________


    Sie rannte den ganzen Weg, den sie gekommen waren, wieder zurück. Aber nirgendwo konnte sie den Mönch ausmachen.
    Wie hatte sie nur so dämlich sein können?
    Ihr schoss der Moment durch den Kopf, als er Schwester Elesea beim Frühstück einen Engel nannte – Ibrumanen kannten den Begriff Engel nicht. Und diese Schrift.. warum war ihr das nicht aufgefallen, dass es nicht seine war? Warum hatte sie keinen Vergleich gemacht?
    Innerlich fluchend sah sie sich um. Er hatte immer noch ihre Waffe und das bedeutete, dass sich die Heilige Mutter in akuter Gefahr befand. Sie sah sich um. Menschen eilten an ihr vorbei und würdigten sie keines Blickes, alle waren mit sich selber beschäftigt.
    Sie nahm Anlauf und sprang an einer Hauswand hoch. An einem Fenstergiebel konnte sie sich festhalten und so begann sie schnell hinauf zu klettern. Die zahlreichen Verzierleisten und Erker machten ihr es dabei besonders leicht.
    Oben angekommen, hielt sie kurz inne, um tief durchzuatmen und sich umzusehen.
    Die Heilige Mutter sollte auf der Mitte des Platzes direkt vor dem Palast der Kirche ihren Platz auf einem goldenen Thron einnehmen und dann traditioneller Weise Bittsteller empfangen.
    Anstehen und warten, ob er auserwählt werden würde, würde vermutlich Gammers Geduld überfordern.
    Sie richtete sich langsam auf.
    Warum hatte sie nur seine Gefühle gespürt, die so gar nicht zu ihrem Bild von ihm passten? Ihr Fehler oder ein anderer Grund? Spielte es eine Rolle?
    Wenn er sie also aus der Ferne erschießen wollte, dann hatte er einen Umkreis von etwa 50m. Sie nahm Anlauf und sprang auf das benachbarte Dach.
    Er war zu alt und damit zu langsam, um aus der Menge heraus zu schießen, er würde sich eher einen leicht erhöhten Platz suchen, von wo aus er in Ruhe zielen konnte.
    Sie lief auf dem schmalen Dachfirst weiter und sprang auf das nächste Dach.
    Nahe der Tribüne gab es ein Gebäude, von wo aus man den perfekten Blick hätte. Dylinrae blieb einen Moment stehen, sah sich um, welcher Weg der kürzeste wäre und nahm dann wieder Anlauf. Zu ihrem Glück hatten die Einwohner sehr nah beieinander gebaut, so dass die Lücken zwischen den Dächern selten mehr als vier Meter Breite hatten. Zügig gelangte sie immer näher. Bereits auf dem Gebäude davor konnte sie Lombardes ausmachen, wie er auf dem Dach lag und mit zusammengekniffenen Augen auf den Thron zielte. Die Musik setzte ein, die heilige Mutter trat aus dem Palast, sah sich würdevoll um und schritt langsam auf den Thron zu.
    „Gammer!“ Dylinrae schrie seinen Namen, doch er verlor sich im aufbrausenden Jubel der Bevölkerung. Angestrengt zielte Gammer auf die alte Frau, die ihren Anhängern Kusshände zuwarf. Entschlossen sprang Dylinrae los und stürzte sich auf den alten Mann.
    Hektisch versuchte dieser Aufzustehen, bevor ihn die Jägerin erreichte, verlor jedoch beinahe das Gleichgewicht und hielt sich am Dachfirst fest. Die Pistole entglitt ihm, als Dylinrae auf ihn stieß und rutschte das Dach hinunter.
    „Nein!“ Er schrie verzweifelt und schlug um sich. „Nein.. ich muss es doch beenden!“ Er schlug wie wild um sich und rutschte ebenfalls das Dach hinunter, bevor die Jägerin ihn fassen konnte. Mit einem Schrei landete er in einem Stand mit Obst und Gemüse. Dylinrae richtete sich wieder auf. Der alte Mann sprang unverletzt auf und hastete kopflos und panisch in das Labyrinth aus schmalen Gassen.
    Parallel zu ihm rannte Dylinrae auf den Dächern weiter auf eine Gelegenheit wartend, ihn außer Gefecht setzen zu können.
    Er bog um eine Ecke, stoppte kurz ab und zog dann einen kleinen schwarzen Kasten unter seiner Kutte hervor. Ein blaues Flackern bildete sich in Kopfhöhe von ihm und vergrößerte sich zusehend. Fluchend rutschte Dylinrae seitlich bis zum Dachrand und sprang dann hinunter. Gammer sah sich zu ihr um.
    „Ich muss es tun.. du weißt nicht, was du anrichtest..“ Er redete wild gestikulierend auf sie ein, während sie sich mit langsamen Schritten näherte.
    „Gammer, Ihr seid festgenommen wegen unauthorisiertem Springen, Diebstahl und Mord.“ intonierte sie atemlos. Gammer schüttelte den Kopf. Das Loch hinter ihm hatte schon die Größe eines Fensters erreicht. Er setzte zum Sprung an. Dylinrae reagierte sofort und machte einen Hechtsprung auf ihn zu.
    Mit Mühen bekam sie sein eines Bein zu fassen. Wütend trat der Mann nach ihr und traf sie an der Schläfe. Bunte Lichter bildeten sich vor den Augen der Jägerin und sie ließ für einen Moment nach. Er nutzte diesen Augenblick, trat ein weiteres mal nach ihrem Kopf und zog dann sein Bein zurück.
    Das Fenster schloss sich. Dylinrae lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und rollte sich stöhnend zur Seite. Ihr Kopf dröhnte. Ihre Nase schmerzte und schwoll bereits an. Erst, als sie versuchsweise die Augen wieder öffnete und neben sich den kleinen schwarzen Kasten sah, lächelte sie. Immerhin hatte er den PSI-Verstärker verloren. Und es gab in allen Universen, in allen Welten nur einen Ort, wo man ein solches Ding kaufen konnte.


    Es war beruhigend zu wissen, dass die Putzen, wie man die Cleaner spöttisch nannte, dafür sorgen würden, dass man die Vorfälle während ihrer Anwesenheit größtenteils wieder vergaß. Dylinrae zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und sah sich um.
    Die verschieden Abgesandten der Völker aller Universen waren hier auf dem neutralen Ratsplaneten zu finden. Die meisten, die sich im Ratsteil des Planeten aufhielten, waren hohe Diplomaten, die ihre Gefechte verbal und friedlich austrugen. Doch fernab von der glänzenden und schönen Seite gab es ein kleines verkommenes Gebäude. Die Fenster waren zerbrochen und teilweise zugenagelt. Dachziegel hingen teilweise lose herab, Schutt und Müll sammelten sich an den Ecken des Hauses, dass der Schwerkraft zum Trotz tatsächlich nicht zusammenzufallen schien. Ein Schild aus verwittertem Holz stand unweit vorm Eingang. Wer sich die Mühe machte, dort zu lesen, konnte folgenden Satz entziffern:
    „Wenn du leben willst: Geh weiter! Unbewaffnete erhalten keinen Zutritt!“
    Die Kaschemme war das erste Gebäude der Wilden Seite des Ratsplaneten. Ab hier begann das Grenzland, wo gewann, wer am Ende noch lebte. Dylinrae hielt sich gerne hier auf, zumal man hier immer Informationen kaufen konnte, die ihr weiterhalfen.
    Sie öffnete die brüchige Tür der Kaschemme, duckte sich unter zwei heran fliegende Äxte hinweg und ging dann hinein. An zwei merkwürdigen lila Gestalten mit Schnabelartigen Mündern, die sich scheinbar in einer hitzigen Diskussion über den kosmischen Kommunismus befanden, schob sie sich vorsichtig vorbei, um dann auf einem Hocker an der Bar Platz zu nehmen. Eilfertig kam ein kleines Wesen auf sie zu, etwas Einszwanzig hoch, das nur aus Knochen zu bestehen schien.
    „Hallo Filibert.“ Dylinrae reichte ihm die Hand. Der kleine Knochendämon deutete einen Handkuss an. „Habe die Ehre, meine Verehrteste. Womit kann ich dienen? Cappuccino, Latte Macciato oder lieber ein paar Informationen?“ Er säuselte und man konnte an seiner Stimme erkennen, dass, wenn er Lippen gehabt hätte, äußerst charmant gelächelt hätte. Die Jägerin erwiderte das unterstellte Lächeln und legte den Kopf schräg.
    „Einmal Cappuccino und eine Info…“ Sie holte einen Beutel aus ihrem Umhang hervor, der aufgrund seiner Form und des verführerischen Klimperns bei jeder Bewegung jede Menge Credits versprach. Filibert schien zwei Zentimeter zu wachsen. Mit leuchtenden Augen sah er zu dem Geldbeutel. „Milchschaum oder Sahne?“ Er kicherte, als er Dylinraes empörtes Gesicht bei der Frage sah und kam ein Stück näher. „Was für Infos?“ flüsterte er verschwörerisch. Die junge Frau senkte ihre Stimme ebenfalls. „Ich muss wissen, wer hier alles PSI-Verstärker verkauft…“
    Der kleine Dämon dachte eine Weile nach und eilte dann wortlos davon. Kurze Zeit späte tauchte ein kleiner Gobblin auf, stellte einen großen Cappuccino mit Milchschaum vor sie und legte einen braunen Umschlag daneben. Mit einem zufriedenen „Gollum gollum“ zog er mit den Taschen voller Credits wieder ab.
    Die Jägerin steckte den Umschlag ein und nippte an dem heißen Getränk.
    Zwei lauthals miteinander streitenden Biber liefen an ihr vorbei und griffen sich die Nüsse, die ein einer Schale auf dem Tresen standen. Bei Filiberts unglücklichem Gesichtsausdruck musste Dylinrae fast lachen. Er bereute ganz offensichtlich, die Nüsse kostenlos hingestellt zu haben.
    Eine winzige Kapuzengestalt stolperte sichtlich betrunken an ihr vorbei. Leicht lächelnd betrachtete sie das bunte Treiben, nippte dabei immer wieder an ihrem Getränk.
    Gerade, als das kleine Ding der Frau Biber auf den Schwanz stieg, diese laut um Hilfe brüllte, während das Kuttenwesen sich dann die Nase am Fell von Herrn Biber putzte und ein paar Tische weiter ein kommunistisches Koalabärchen verprügelt wurde, stieg Dylinrae ein merkwürdiger Duft in die Nase. Sie schnupperte konzentriert. Das war eindeutig Schwefelgeruch. Viele Springer verursachten bei ihren Sprüngen durch eine unausgereifte Technik diesen Geruch – andererseits befand sie sich in der Kaschemme, wo es Kreaturen gab, die diesen Duft morgens als After Shave nahmen. Misstrauisch sah sie sich um. Der Geruch wurde stärker, als sich eine in den Boden eingelassene Falltür öffnete und riesenhafter Kerl mit eindeutig dämonischer Herkunft dem Keller entstieg. Er maß weit über zwei Meter, wobei jeder Zentimeter aus Muskeln pur zu bestehen schien. Die dunkelrote Haut glänzte ölig im schimmernden Schein der Lampen. Mit kleinen, bösartigen, gelben Augen sah sich der Neuankömmling um und strich sich dabei über den kahlen Schädel.
    Drei riesige Hörner ragten aus dem Kopf. Er entblößte eine Reihe nadelspitzer Zähne, als er schallend lachte. Filibert zuckte merklich zusammen. Er sah ein wenig ängstlich zu dem Fremden, dann zu Dylinrae. Diese verstand zwar nicht, spürte aber eine tiefe Abneigung des Dämons gegen sich. Sie sah mit den Augen auffällig zur Tür, fragte stumm, ob sie besser gehen sollte. Filibert nickte dankbar.
    Ein wenig verwirrt stand sie auf und verließ den Laden.

  • boah. ihr sei so Übertreiber *freu wie ein Keks*
    - ist jetzt nur ein kleines Stück mehr, sry.. hatte zu wenig Zeit :(


    und vorab: ja, ich erklär das noch mit den Gestaltenwandeln usw :)
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    Würziger Geruch erfüllte die Luft, wildes Stimmgewirr und fremd klingende Musik vermischten sich miteinander und bildeten eine laute Geräuschkulisse für den Bazar von Sar Azrim.
    Dylinrae stand auf der Veranda einer kleinen Absteige und beobachtete die Passanten. Sie hatte sich den örtlichen Gegebenheiten teilweise angepasst und trug nun einen weit geschnittenen blauen Anzug und einen Turban, der ihr Gesicht durch ein Tuch größtenteils verhüllte. Sie lehnte betont lässig an einer Holzsäule und fixierte einen Stand, der unweit von ihr augenscheinlich exotisches Obst verkaufte. Nur hin und wieder sah sich der dickliche Verkäufer, ein schuppiger Veraner, ein wenig nervös um, wenn er eine prall beladene Obsttüte einem Kunden reichte.
    Langsam schritt .sie zu dem Stand herüber.
    „Grüße, Biros Karnusta.“ Sie schob das verhüllende Tuch zur Seite und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln. „Filibert schickt mich. Ich suche etwas „Spezielles“.“ Der Veraner kratzte sich mit einem seiner vier Arme am kahlen Schädel und neigte ihn leicht zur Seite.
    „Was kann ich denn für dich tun, Menschlein?“„Ich suche einen PSI-Verstärker…“ Sie senkte die Stimme ab und deutete auf einen Beutel, der offensichtlich reichlich credits beinhaltete.
    Biros sah sich nervös um.
    "Das ist ein hochgefährliches Instrument.. das ist verdammt teuer. Kannst du dir das leisten, Menschlein?“ er schnarrte leise, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er sich unwohl fühlte. Die Jägerin nickte und öffnete kurz den Beutel. „Ich denke, das sollte reichen.“
    Biros nickte und begann eine Tüte mit Obst zu füllen.
    „Nicht hier…“ Dylinrae hob abwehrend die Hände. „Das ist zu auffällig. In einer halben Stunde in der Kilikergasse.“ Sie schob ihm eine großzügige Anzahlung hin und verschwand dann in der Menge.


    Pünktlich dreißig Minuten später konnte man den Obsthändler Biros Karnusta in die kleine Kilikergasse hineingehen sehen. Wäre nicht der übliche Straßenlärm gewesen , so hätte man vermutlich einen dumpfen Schlag, einen leisen Schrei und ein leises Fluchen hören können. So aber konnte ein aufmerksamer Beobachter nur sehen, wie der Veraner die Gasse wieder verließ. Wenn der imaginäre Betrachter genau hinsah, konnte er eine leichte Veränderung im Gang des Hehlers und einen leichten Duft von Wildblumen wahrnehmen.


    Ein alter Mann näherte sich dem Obststand. Man konnte von weitem schon sehen, dass er sehr mitgenommen war, als habe er vor kurzem einen Kampf hinter sich gebracht.
    Der Obsthändler lächelte, als er das Blut eines Wächters an der Kleidung seines Kunden roch.
    "Was darf es sein?“ Die Stimme schnarrte deutlich.
    „Ich suche einen PSI-Verstärker. Man sagte mir, Ihr wäret der einzige Händler hier, der so was führt.“ Der alte Mann beugte sich vertrauensvoll vor und sah sich gehetzt um. „Ich brauche ihn unbedingt – es geht um das Leben, das Universum und den Rest.“
    Der Hehler nickte verständnisvoll und suchte Obst zusammen, dass er in eine braune Tüte stopfte.
    Dann zog er einen kleinen schwarzen Kasten aus der Tasche und legte ihn mit hinein. Unauffällig sah er sich um, beugte sich ebenfalls vor.
    Er sah sich nochmals um und winkte mit dem Zeigefinger, dass der Alte sich noch mehr zu ihm vorbeugen solle. Gammer blickte ihn misstrauisch an und näherte sich seinem Gesicht bis auf wenige Zentimeter.
    „Ja?“
    Es klickte leise, als sich das Halsband um seinen Hals schloss.
    „Du bist festgenommen, Gammer.. „ flüsterte sein Gegenüber und gab ihm spöttisch einen Kuss auf die Nase. Gammer riss erschrocken die Augen auf.
    „Verdammt.. ich ..“ Wie erstarrt blickte er auf die Gestalt des Veraners, von der silberne Partikelchen abfielen, sich zu einem wilden Reigen um sie bildeten und den Blick schließlich auf Dylinrae freigaben.
    Sie grinste und strich sich die bläulichen Haare aus dem Gesicht. Schimmernde, transparente Flügelfäden umschwebten ihren Körper und ihre alabasterfarbene Hand schloss sich kräftig um Gammers Handgelenk.
    „Überraschung“.
    Noch bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie bereits einen Bruch in die Realität gerissen und ihn mit hindurch gezogen. Mit einer lässigen Handbewegung ließ sie einen Neutralisationskapsel fallen und verließ noch vor dem blauen Blitz, der den ganzen Bazar durchzog, den neutralen Ratsplaneten.

  • daaaanke.. ihr seid echt Zucker :)


    Ehm.. das Konzept der Geschichte habe ich natürlichvorher ausgearbeitet, die Story selber schreibe ich dann zwar abschnittsweise (so, wie ich sie dann poste), aber ich weiß natürlich schon wo ich hinwill. Ab und an ändert sich zwar auch mal was.. aber ganz allgemein kenn ich den Handlungsrahmen ^^ btw.. das wäre hier ungefähr.. Mitte erstes Drittel der ganzen Geschichte *kicher* Ihr werdet mich also noch eine ganze Weile damit ertragen müssen ^^
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    Auf einer kleinen Waldlichtung blitzte es, silberne Teilchen schimmerten in den frühen Sommersonnen. Ein Schrei durchbrach die Stille, als zwei Gestalten aus dem Spalt in die Welt stolperten.
    Der alte Mann fiel zu Boden. Dylinrae sah mitleidlos herab, während sie wieder ihre menschliche Gestalt manifestierte.
    „Gammer, Ihr seid festgenommen wegen Mordes, illegalem Springen und Widerstand gegen die Executive der Hohen Fünf.“ Sie wischte sich den Staub von ihren Sachen und genoss die energiereiche Umgebung. Das Verwandeln schlauchte sie jedes Mal.
    „Ihr kennt die Prozedur: mir folgen, in meiner Nähe bleiben, ab zehn Meter Distanz explodiert der Sprengsatz in dem chicken Halsband.“
    Sie verfluchte in Gedanken die Tatsache, dass sie ihr Crossbike auf Kosmia gelassen hatte und nun gut anderthalb Tage mit ihrem Gefangenen zu Fuß gehen durfte.
    „Ich bin kein Verbrecher!“ Gammer schnappte nach Luft und rappelte sich auf. „Bitte, Ihr müsst mir glauben – ich bin kein Verbrecher.“
    Gelangweilt zog Dylinrae die Augenbrauen hoch. „Na, das ist ja mal was ganz Neues! Alle sein Missverständnis? Ich nehme an, das ganze ist eine riesige Verschwörung und Vater Lombardes hat sich selbst umgebracht.“
    Ohne ihren Gefangenen weiter zu beachten, begann sie ihren Marsch in Richtung der Palaststadt.
    „So glaubt mir doch.. Lombardes… ja. Ihn habe ich getötet. Aber es ging doch um eine höhere Sache!“ Gammer beeilte sich, mit der Jägerin Schritt zu halten. „Und es ist eine Verschwörung.. eine unglaubliche.. ein Verbrechen an den Völkern dieser Welt!“
    Dylinrae hörte kaum hin, sondern marschierte straff weiter. Sie hatte schon so oft dieses Gestammel gehört, in jeder nur erdenklichen Version. Über die Freiheit des Einzelnen, nach seinem Wesen zu leben ohne Rücksicht auf andere Völker. Über das Recht des Stärkeren, die Ungerechtigkeit der Ausgleichs-Philosophie und die böse Verschwörung der Regierung.
    „Ich weiß, Ihr kennt die Geschichten. Ich kann mir denken, dass Ihr mehr Lügen gehört habt als ein normaler Mitbürger. Dennoch: ich lüge nicht. Ich kann es auch beweisen.“
    Dylinrae blieb abrupt stehen, so dass Gammer, der zügig hinter ihr her lief, beinahe gegen sie geprallt wäre.
    „Wen ihr es beweisen könnt, Gammer.. warum seid Ihr dann gesprungen?“ Ihre Stimme wurde schärfer. „Wenn Ihr so redliche Absichten hattet, warum habt Ihr dann versucht, die Ikone einer ganzen Weltenreligion zu töten?“
    „Weil dort das ganze Übel beginnt..“ Gammer seufzte leise. Dylinrae setzte ihren Weg fort. Gammer schüttelte seinen Kopf und schlurfte hinterher.
    „Seht, unser Volk beherrscht Techniken, von denen andere Völker nur träumen. Wir können unserer Umgebung Energie entziehen, um in die verschiedensten Welten zu springen. Wir können unser Äußeres verändern, wenn auch nur mit Mühen in uns wesenfremde Arten, aber es geht. Wir könnten leicht das Universum beherrschen. Dennoch besteht unsere Philosophie darin, dass Universum zu schützen. Völker, die eigentlich vernichtet werden würden, werden behütet und beschützt. Anstatt der Natur ihren Lauf zu lassen, merzen wir die schlimmsten Fehler aus.“ Seine Stimme wurde immer lauter, bis er am Ende fast schrie.
    Dylinrae zuckte mit den Achseln. „Was soll daran verkehrt sein? Sollen wir hingehen und die anderen unterjochen? Aus ihrem Schaden unser Glück ziehen?“
    „Das tun wir bereits.“ Murmelte Gammer leise, dennoch hörbar. „Wir tun nichts anderes.“
    Die junge Jägerin stockte. Das war zumindest mal ein neuer Ansatz.
    „Warum?“
    „Weil wir ihnen Fesseln angelegt haben. Und wir hindern jeden daran, der die Macht hätte, sich aufzuschwingen und Macht zu übernehmen.“
    Er schwieg. Nachdenklich betrachtete Dylinrae das wettergegerbte Gesicht des Mannes neben ihr. Er sah nicht aus wie ein Verrückter. Vielleicht ein wenig verwirrt, aber einen Psychopathen hatte sie sich einfach anders vorgestellt.
    Einige Stunden lang schwiegen beide. Erst als die Zwillingssonnen hoch am Himmel standen, gestattete Dylinrae ihnen beiden eine Pause im Schatten einiger Bäume am Wegesrand.
    „Erklärt es mir.“ Forderte Dylinrae schließlich den Alten auf. „Wie legen wir – ausgerechnet wir – anderen Völkern fesseln an?“
    Der alte Mann räusperte sich. „Durch die Philosophie des Ausgleichs. Dadurch, dass wir uns einmischen, wenn ein Volk zu stark wird.“
    Er strich sich durch die schütternden grauen Haare. „Seht.. Wir hindern vor allem Welten, die sehr an ihren Religionen und Traditionen hängen daran, sich weiter zu entwickeln, weil wir jedes Mal, wenn ein Stärkerer sie erobern könnte, eingreifen.“
    Dylinrae lehnte sich an einen alten Baumstamm und hörte ihm gebannt zu. Auch wenn es unglaublich klang, war es zumindest eine interessante Abwechslung zu dem sonstigen Gejammer ihrer Gefangenen. „Und deshalb wolltet Ihr diese Religionen beseitigen? Wäre das nicht ein viel größerer Eingriff?“
    Die Sonnen schienen warm und erste Schweißtropfen bildeten sich auf Gammers faltiger Stirn. Er schüttelte den Kopf. „Diese Religionen – sie hätten niemals existieren dürfen. Zumindest die meisten von Ihnen nicht. Wir haben sie erschaffen.“
    Dylinrae stockte kurz der Atem, sah den Mann verblüfft an und lachte dann los.
    „Lacht nicht.. ich meine es ernst.“ Fauchte Gammer beleidigt. „Ich habe Beweise gefunden, die belegen, dass die fünf großen Meister unserer Philosophie nichts anderes waren als Scharlatane, die ihre eigenen Taschen füllten und dafür skrupellos in der Geschichte anderer Völker herumpfuschten.“
    “Ihr geht allmählich ein Stück zu weit!“ ermahnte die Jägerin ihn im scharfen Ton. Ausreden waren amüsant, aber die Hohen Fünf als Betrüger zu bezeichnen war etwas, dass sie nicht dulden konnte.
    „Seht Ihr? Seht Ihr?“ Gammer japste aufgeregt. „Und genau das ist der Grund, warum ich bisher niemandem was davon erzählt habe. Aber ich habe Beweise, ich habe sie. Und darum will man mich töten. Und darum musste ich fliehen. Und darum musste ich versuchen, das Übel auf andere Weise anzugehen!“ Hektische rote Flecken hatten sich auf seinen Wangen gebildet. Er holte tief Luft, um weitere Erklärungen abzugeben, aber ein Blick in das finstere Gesicht der Jägerin ließ ihn stocken. Den Rest der Pause und noch eine ganze Weile des weiteren Weges schwieg er.
    Am späten Abend, als sie ihr Nachtlager aufschlugen, setzte er noch einmal an.
    „Sagt mir nur eines, Dylinrae Dlen del Vorsa. Wenn ihr Beweise hättet, dass ich die Wahrheit sage: was würdet Ihr tun?“
    Die Jägerin sah genervt und müde zu ihm herüber. „Ich würde dafür sorgen, dass es alle erfahren. Ich würde zumindest nicht in eine Welt gehen und Unschuldige töten.“
    Er nickte. „Das tut gut zu wissen.“ Er lächelte und sah zu den Sternen empor. „Ich hatte von Euch gehört, wisst Ihr? Ich weiß, Ihr seid eine der Besten.“ „Danke.“ Erwiderte Dylinrae trocken. Auch die Nummer mit der angeblichen Bewunderung war ihr nicht neu.
    „Ich glaube, Ihr könntet es sogar schaffen.“ Er stand langsam auf. Die Jägerin sah überrascht zu ihm. Ihr Instinkt ließ sie alle Muskeln anspannen. Er würde doch nicht .. ?
    „Machts gut, Jägerin.. viel Glück..“ Er lächelte melancholisch. Noch bevor Dylinrae die Waffe ziehen und ihn aufhalten konnte, rannte er wie besessen von ihr weg.
    „Nein…“ flüsterte sie entsetzt.
    Unter dem Stein am Halsband piepste es leise, als er sich aus ihrem Sicherungskreis entfernte. Es explodierte mit einem durchdringenden Knall. Der Körper des Schriftgelehrten fiel zu Boden. Dylinrae schloss die Augen für einen kurzen Moment. Das waren Augenblicke, in denen sie ihren Job hasste.

  • Es war anstrengend gewesen, die Leiche des Gelehrten zum Quarantänehaus zu tragen. Entgegen ihrer sonstigen Angewohnheiten genoss sie die Tage und nutzte sie zur Erholung. Am Morgen des dritten Tages reiste sie von dort aus weiter mittels der unterirdisch verlaufenden Magnetschienenbahn in Richtung der Palaststadt.
    Sie war eine der wenigen heimkommenden Jäger zu dieser Zeit und so hatte sie ihr Abteil komplett für sich. Nachdenklich starrte sie in das Dunkel des Tunnels. Gammer war und blieb ihr ein Rätsel. Es er gab für sie keinerlei Sinn, dass er sich umbrachte. Andererseits war er offenbar ohnehin nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Immerhin hatte er mindestens einen Unschuldigen umgebracht aufgrund einer wahnwitzigen Verschwörungstheorie. Zu gerne hätte sie gewusst, was es mit diesen angeblichen Beweisen auf sich hatte, falls es sie überhaupt gab. Denn wenn es sie gab, dann hätte er sie einweihen können, versuchen können, sie zu überzeugen. Aber er hatte es nicht einmal wirklich versucht.
    Sie seufzte leise.
    Ihr Armcom piepste und holte sie aus ihren trübsinnigen Gedanken. Eine neue Nachricht war eingetroffen. Man beorderte sie umgehend nach ihrer Ankunft in die Zentrale zu einer Berichterstattung. Verärgert klickte sie die Message weg. Wie sie die Zentrale kannte, würde das wieder eine Ewigkeit dauern.


    Sie hatte Recht, auch wenn sie es in diesem Fall nur ungern hatte. Als sie die Zentrale wieder verließ, war es dunkel geworden und ihr dröhnte der Kopf.
    "Warum hat Gammer sich umgebracht?" Immer wieder dieselben Fragen. "Was hat er Euch als Motiv genannt? Stundenlang, wie ein Verhör einer Kriminellen. Sie rieb sich müde die Schläfen.
    Ein lauer Wind kam auf und brachte eine frische Brise in die abgestandene Luft der Stadt. Froh über die milden Temperaturen entschloss sie sich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Bestimmt würden Miramar, ihre beste Freundin, und Kristo, ihr Mitbewohner, schon auf sie warten, um mit ihr in eine der angesagten Clubs zu gehen, die die beiden so gern besuchten. Sie lächelte beim Gedanken an die beiden und ging einen Schritt schneller.
    Schon aus der Ferne sah sie das Licht im Haus brennen. Zwei Silhouetten tanzten wild durch die Räume und auch aus der Entfernung konnte man den rhythmischen dumpfen Bass tief in der Magengrube spüren.
    Kaum hatte sie die Tür aufgeschlossen, als eine braungelockte Frau ihr um den Hals fiel. "Dy.. endlich! Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr.." Sie quietschte fröhlich und umarmte die Jägerin so fest, dass diese beinahe ihr Gleichgewicht verlor.
    "Man, Dy.." Die nörgelnde Stimme von Kristo tönte aus dem Nachbarraum. "Jetzt haben wir schon die Rush Hour verpasst.."
    "Freut mich auch, dich wieder zu sehen, Süßer!" rief Dylinrae grinsend zurück und machte sich von Miramar los. "Gebt mir nur fünf Minuten, dass ich was anderes anziehen kann, ok?" Kristo lachte. Er schlurfte zur Tür und lehnte sich an die Wand. Theatralisch griff sich der hochgewachsene, schlanke Mann sich an die Stirn. "Das bringt uns die Cocktails zum halben Preis auch nicht zurück.." ächzte er.
    "Ist ja schon gut!" erwiderte Dylinrae lachend, während sie an ihm vorbei die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hoch lief. "Ich lad euch ein..." "Na denn.. werd ich mich heute besaufen!" grinste Kristo, umgriff Miramar an der Taille und wirbelte mit ihr quer durch den Flur. Minuten später kam die Jägerin ganz in Zivil die Treppe herunter. Ihre staubige Kleidung hatte sie nach einer kurzen, aber wohltuenden Dusche gegen knallenge dunkle Jeans und ein knappes Oberteil aus einem glänzenden roten Stoff getauscht.
    "Vorzeigbar?" Sie posierte demonstrativ auf der untersten Stufe. Kristo beäugte sie Sekundenlang kritisch und zeigte dann mit dem Daumen nach oben.


    Der zur Zeit bei Kristo und Miramar favorisierte Schuppen nannte sich "Bellehar". Auf über sieben Ebenen spielten sie jede Art Musik, die man sich vorstellen konnte. Trotz der Größe und der horrenden Preise für Eintritt und Getränke war der Laden jeden Abend proppevoll. Der Türsteher begrüßte Kristo mit einem Küsschen auf die Wange und ließ die drei vor der Schlange der Wartenden hinein.
    "Sag nicht, das ist dein Neuer!" platzte es aus Dylinrae raus, als sie den Innenraum betreten hatten. Sie warf noch einen Blick zurück zu dem Kerl, der mehr Ähnlichkeiten mit einem Gorilla hatte als mit einem Weltenwanderer. "Ach was.." Kristo machte süffisant lächelnd eine abwehrende Handbewegung. "Ich warte doch immer noch ganz züchtig darauf, dass Miras Schatzi Collin endlich seine wahren Neigungen erkennt."
    Er zuckte zusammen, als ihn ein herzhafter Schlag mit dem Ellenbogen in der Magengrube traf. Er blickte grinsend zu der wütenden Miramar herunter. "Mein Freund ist nicht schwul!" zischte sie wütend. "Oh doch.." Kristo wich lachend einem weiteren Schlag aus. "Er weiß es nur noch nicht, aber seine Zukunft liegt bei mir..."
    Dylinrae spähte in die Menge. Die meisten der Anwesenden kannte sie nicht. An der Bar sah sie einen jungen Mann sitzen, der genussvoll Erdnüsse schälte und verspeiste, während er einen Mujito trank. Er strich sich über das sorgfältig frisierte Haar und lächelte still vergnügt vor sich hin.
    "Appropos Collin.." schrie Dylinrae, um den Lärm der Musik zu übertönen. "Da drüben sitzt er.." Sie deutete in seine Richtung. Miramar warf Kristo noch einen weiteren wütenden Blick zu und machte sich in die angegebene Richtung auf.
    Kristo lachte, während er sich die schmerzende Seite hielt.
    "Komm schon.." Die Jägerin zerrte ihn am Arm in Richtung der Tanzfläche. "lass uns schauen, ob wir für uns was Feines finden.. " Kristo hörte auf zu lachen und wischte sich kurz übers Gesicht.
    "Ah.. da muss ich nicht lange suchen.. sieh mal zu der Wand da drüben.. der Kerl mit dem Ledermantel und den blonden Haaren.." Er kicherte. "Den seh ich schon seit einigen Abenden hier.. der ist Zucker, sag ich dir.. und heute geh ich nicht ohne ihn!" Dylinrae sah in die Richtung der Wand. Es war nicht schwer, auszumachen, wen Kristo meinte. Ein durchtrainierter, sonnengebräunter Mann mit blitzenden blauen Augen in einem schwarzen Ledermantel lehnte lässig an einer Säule und beobachtete die Tanzenden.
    "Seit wann stehst du denn auf so was?" Dylinrae rümpfte die Nase bei soviel aufgesetzter Coolness. "Schatzi.. ich will ihn nicht heiraten, ich will nur ein wenig Spaß.." Kristo zwinkerte ihr kokett zu. "Für dich wäre übrigens sein ständiger Begleiter was. Ein wirklich lecker Kerlchen, wenn man auf düster steht - so wie du. Und leider sehr hetero."
    Er sah zu dem Blonden, probierte einen sehr aufreizenden Augenaufschlag und winkte ihm zu. Überrascht, aber sichtlich erfreut lächelte dieser zurück.
    "Komm schon..." Noch bevor Dylinrae gegen seine ständigen Kupplungsversuche protestieren konnte, hatte er sie am Arm gepackt und an den Tänzern vorbei zu dem blonden Schönling gezerrt. "Du bist öfter hier..." eröffnete Kristo das Gespräch. Dylinrae blickte sich verlegen um und bekam das Gespräch nur mit halbem Ohr mit. "Du aber auch..." tönte die sonore Stimme des anderen. Er zeigte auf Dylinrae, die sichtlich geistig abwesend war. "Deine Begleiterin?" "Meine Mitbewohnerin.." korrigierte Kristo lächelnd.
    Der Blonde blickte sich um. Dann tippte er einen der umstehenden Männer auf die Schulter. "Urstan? Schatzi? Ich will dir mal jemanden vorstellen.." Der Angesprochene drehte sich genervt um. "Ja?"
    Dylinrae musste schlucken. Der Mann war gut einen Kopf größer als sie. Die langen braunen Haare hatte er sorgfältig zu einem Zopf gebunden. Aus einem blassen, kantigem Gesicht blitzen ihr strahlend grüne Augen entgegen. Von der Statur her war er etwas breiter als sein Begleiter, wirkte dabei aber nicht künstlich wie dieser.
    Ehm.. hi.." Sie spürte, wie sie rot anlief. Eine dümmere Begrüßung konnte es gar nicht geben.
    "Grüße.." Urstan reichte erst Kristo und dann ihr die Hand. "Mein Nachbar..." erklärte der Blonde augenzwinkernd. "Er ist noch neu hier und ich zeige ihm grade unser Nachtleben..."
    Man merkte, wie unangenehm es Urstan war, vorgeführt zu werden.
    "Oh.. das Nachtleben würde ich mir von dir auch mal gerne zeigen lassen... " Kristo lächelte dem Blonden verschmitzt zu. Dylinrae merkte, dass das ihr Stichwort war.
    "Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich würde dringend gerne was an der Bar trinken gehen..." Urstan sah die zwei Männer, die sich bereits vielsagende Blicke zuwarfen noch einmal kurz an und nickte dann. "Warte.. ich komme mit..." Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg durch die Menge.
    Erst als sie die Bar erreichten, atmete Dylinrae auf und strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie lachte, als sie sich umblickte und weit hinten Kristo mit seiner Neueroberung verschwinden sah.
    "Bei allen Fünfen!" entfuhr es ihr. "Die legen ja ein Tempo vor..." Urstan lachte ebenfalls. "So ist Kay eben. Was willst du trinken?" Er sah sich nach dem Barkeeper um.
    "Frozen Magheritha bitte..." Sie lachte immer noch. "Nicht nur Kay.. Kristo genauso.." Sie lehnte sich an den Tresen, während er bestellte. Die Getränke kamen prompt, er bezahlte und reichte ihr ein Glas.
    Dann mal auf unsere Bekanntschaft.. ehm.." er blickte sie fragend an. "Dylinrae." Sie lächelte. "Urstan." Erwiderte er, ebenfalls lächelnd. "Dann auf unsere Bekanntschaft und eine schöne Sommernacht." Sie stießen miteinander an. Dylinrae nahm einen Schluck und setzte sich dann auf einen freien Barhocker. Kristo hatte eindeutig Recht - Urstan war ganz genau der Typ Mann, den sie anziehend fand.
    Der DJ meinte es gut und legte Musik auf, bei der man kaum stillstehen konnte. Urstan blickte abschätzend zur Tanzfläche und dann prüfend zu seiner neuen Bekanntschaft. "Wollen wir?"
    Die Jägerin neigte den Kopf leicht zur Seite, überlegte einen Moment und nickte dann. "Gerne." Sie mischten sich unter die übrigen und begannen, sich zu der Musik zu bewegen. Insgeheim beschloss Dylinrae, Kristo dafür das nächste Mal einen auszugeben. Dem schnellen Lied folgte ein langsames. Urstan fasste um ihre Taille und zog sie an sich heran. Sie schloss genießerisch die Augen und schmiegte sich an ihn an. Gegen Ende des Liedes beugte er sich zu ihrem Ohr herunter. "Gehen wir kurz raus? Luft schnappen?" Sie nickte und löste sich wieder von ihm.
    Draußen konnte man noch die Musik dumpf klingen hören. Der Wind war merklich abgekühlt und es fröstelte Dylinrae. Urstan legte wärmend seine Arme um sie und grinste.
    "Egal in welcher Welt.. ihr Frauen friert irgendwie immer schnell." Überrascht zog sie eine Augenbraue hoch. "Du bist Jäger?" "Seit kurzem, ja.." Er strich versonnen mit seinem Handrücken über ihre Wange. Dann hob er sanft ihr Kinn an und küsste sie vorsichtig. Sie erwiderte den Kuss zärtlich. Wohlige Schauer liefen ihr über den Rücken.
    "Muss ich jetzt wirklich diese saublöde Frage stellen?" Er blickte ihr mit gespielter Verzweifelung in die Augen. "Da Key vermutlich mit Kristo bei uns zu Hause ist.. nein.." Dylinrae erwiderte seinen Blick und bemühte sich dabei, ernst zu bleiben.
    Er lachte leise. Dann drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. "Macht es dir was aus, auf einer Moonracer zu fahren?" Die Jägerin lächelte wehmütig, als sie an ihr Crossbike dachte, dass immer noch auf einer einsamen Ebene von Kosmia stand und schüttelte den Kopf. Arm in Arm schlenderten sie zu seiner Maschine. Sie stieg hinter ihm auf und schlang ihre Arme um seinen Oberkörper. Mit einem lauten Röhren starteten er und fuhr los.


    Der Morgen graute. Die ersten Vögel zwitscherten mit einer für diese Uhrzeit verbotenen Fröhlichkeit ihre ersten Lieder und zarte Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch leichte Nebelwolken. Mit einem vergnügten Lächeln spazierte Dylinrae durch die verschlafene Stadt. Urstan hatte sich zwar erboten, mit ihr Frühstücken zu gehen und sie dann heim zu fahren, aber sie hatte abgelehnt. Die Nacht war schön gewesen, dennoch war ihr jetzt nach ein wenig Einsamkeit. Anrufen würde sie ihn trotzdem die kommenden Tage.
    Außer ihr war kaum jemand auf der Straße zu sehen. Nach der Hälfte der Strecke zog sie sich ihre hochhackigen Schuhe aus und lief barfuss weiter. Die kühlen Steine unter ihren Sohlen wirkten erfrischend. Leise summend bog sie um die Ecke in die Straße, in der sie wohnte. Im Haus brannte noch Licht - offenbar hatten Key und Kristo die Nacht durchgemacht.
    Sie wollte grade die Tür aufschließen, als eine fremde Stimme sie stocken ließ. "Nach oben!" befahl sie scharf. Alle Alarmglocken in Dylinrae schrillten. Vorsichtig steckte sie den Schlüssel wieder ein und schlich um die Ecke zum nächsten Fenster. Mit dem Geschick eines Blinden in einer bekannten Umgebung ging sie um das knarrende Kellergitter herum, stieg über den aufgerollten Gartenschlauch im viel zu hohen Gras und lehnte sich dann lautlos an die Außenwand. Durch den kleinen Spalt im Vorhang konnte sie die Silhouette von vier Leuten erkennen. Der eine war schlank und groß - Kristo. Der andere musste Key sein. Er hielt etwas in der Hand, das Dylinrae nicht erkennen konnte. Seinem Gebaren nach musste es jedoch eine Waffe sein.
    "Lass die beiden da raus..." Kristo stellte sich schützend vor Collin und Miramar. "Was immer du willst, die beiden haben garantiert nichts damit zu tun..."
    "Ich sagte: nach oben!" herrschte Key ihn an. Miramar brach in leises Schluchzen aus. Collin legte seinen Arm um sie. "Komm schon.. besser, wir tun, was er sagt..." Er ging mit seiner Freundin voran in Richtung Treppe. Ergeben folgte ihm Kristo. Key ging als letzter, blieb am unteren Absatz einen Moment stehen und lauscht. Dann schüttelte er den Kopf und ging weiter.
    Dylinraes Herz raste vor Aufregung. Was hatte das zu bedeuten? Wenn sie nur an ihre Waffe käme...Aber die lag in dem kleinen Tresor in ihrem Zimmer. Vorsichtig schlich sie um die Ecke und kletterte den alten Apfelbaum hoch, den Kristo vor Ewigkeiten schon hatte lasen wollen. Von der ersten Astgabel aus konnte sie in das obere Stockwerk des Hauses sehen, während das Laub ihr genügend Deckung gab.
    Sie sah, wie die vier das Kristos Schlafzimmer betraten. Key schubste Miramar mit einer kräftigen Bewegung an die linke Wand außerhalb von ihrem Blickfeld, hob die Waffe und schoss. Dylinrae stockte der Atem. Collin schrie auf. "NEIN!" "Halts Maul!" Erbost schlug Key mit dem Kolben der Waffe Collin ins Gesicht. "Ihr hättet mir nur sagen müssen, wo sie es aufbewahrt." "Wir wissen doch nicht einmal, wovon du redest.." Kristo traten die Tränen in die Augen. "Das ist jetzt nicht mehr mein Problem!" geiferte Key. "Normalerweise hätte ich nur sie verschwinden lassen müssen.. aber so geht's auch.." Er ging zwei Schritte rückwärts. "Ihr habt eure Zuneigung zueinander entdeckt und beschlossen, seine Freundin zu beseitigen.. Sie hat euch dabei inflagranti erwischt." Er zielte auf Collin, der sich seine schmerzende Wange hielt. "Da sind ihr die Sicherungen durchgebrannt." Er drückte ab. Collin fiel wie ein Stein zu Boden, Blut lief aus einer Wunde auf seiner Stirn.
    "Schade, mein Süßer..." Er zwinkerte dem vollkommen paralysierten Kristo zu und schoss ein weiteres Mal. Kristo brach tot zusammen.
    Dylinrae klammerte sich an dem Ast fest. Sie konnte nicht fassen, was sie mit ansehen musste. Sie schüttelte den Kopf. Was ging da vor sich?
    Key aktivierte seinen Armcom. "An alle Stadtwächter. Mord in der 34. Avenue. Haus 45. Drei Tote. Die mutmaßliche Täterin, Dylinrae Dlen Del Vorsa, ist flüchtig und gefährlich. Von der Schusswaffe ist Gebrauch zu machen. Capitain Corelli Ende."

  • Für einen Moment fürchtete Dylinrae, das Gleichgewicht zu verlieren und hinunter zu stürzen. Warum tat man ihr das an? Ein Capitain, ein Ausführender der Sicherheit der Palaststadt.. Ihr schwindelte. Sie musste schleunigst weg von hier. Vorsichtig hangelte sie sich am Baumstamm herunter. Ein kleiner Ast brach mit einem leisen, verräterischen Knacksen. Sie hielt den Atem an. Hoffentlich hatte er es nicht gehört.
    Corellis Kopf erschien am Fenster. Für einen Moment blickten sich beide in die Augen. Dylinrae löste sich mit einem Ruck aus der Starre und sprang die letzten zwei Meter hinunter, landete in der Hocke, verharrte einen kurzen Moment und rannte dann los. Kopflos lief sie die Strasse hinunter. Schüsse fielen, doch keiner traf das Ziel.
    Sie rannte weiter, weg von der Straße auf das Nachbargrundstück. Als Corelli auf die Straße stürzte, war von ihr nichts mehr zu sehen.
    Was war hier los? Es fühlte sich unwirklich an. Mit einem gekonnten Sprung landete sie in einem verwilderten Garten. Wenn das eine Verschwörung war, deren Ziel sie war, dann kannte sie mindestens einen, der da mit drinnen steckte. Und dem würde sie jetzt einen Besuch abstatten. Warum hatte er nicht einfach auf sie gewartet? Was immer er auch von ihr hätte haben wollen, im Austausch gegen das Leben ihrer Freunde hätte sie ihm alles, aber auch wirklich alles gegeben.
    Sie rannte quer durch die Vorgärten den Anwohner. Wenn sie wenigstens eine Waffe dabei hätte, oder zumindest mehr als die paar Credits, die ihr nach dem Besuch im „Bellehar“ geblieben waren. Warum hatte sie verdammt noch mal nicht gespürt, dass man sie hereinlegen wollte? Sie war darauf geschult, die Gefühle und Gesinnung der anderen zu spüren – warum hatte es dieses Mal versagt? Gut, bei Corelli war es schwierig, ihn hatte sie nur in einer Menschenmenge getroffen. Aber bei diesem Urstan hätte es ihr auffallen müssen.
    Sie fluchte leise, als sie an den Zaun des letzten Grundstückes trat, bevor die große Fußgängerzone begann. Hier in der Palaststadt konnte sie keine fremde Gestalt annehmen. Jede andere als die energiearme „natürliche“ Erscheinungsform oder die parallele als Mensch waren zu aufwendig. Selbst wenn es die Bannsiegel nicht gäbe, würde man so ihre Energiesignatur zu schnell aufspüren können. Sie atmete tief durch und ging langsam los. Nur nicht rennen – nur keine Aufmerksam auf sich ziehen.
    Sie brauchte unbedingt andere Kleidung – mit dem leuchtend roten bot sie ansonsten eine perfekte Zielscheibe. Sie durchquerte mit klopfendem Herzen die Straße. Irgendwo hier in der Nähe war seine Wohnung gewesen, da war sie sich sicher.
    Als sie bei dem Haus ankam, sah sie eine ältere Frau aus der Haustür kommen. Schnell eilte sie zu ihr, bevor die Tür ins Schloss fiel. Dann huschte sie die Treppe hoch in den dritten Stock.


    Es klingelte. Noch reichlich verschlafen und herzhaft gähnend schlurfte Urstan zur Tür. Übermüdet rieb er sich die Augen und fuhr sich durch das zerzauste Haar. Wer wagte es, ihn zu dieser frühen Stunde zu wecken? Misslaunig sah er auf den Monitor und stutzte, als er Dylinrae dort stehen sah, die sich unruhig umsah. Er grinste. Vermutlich hatte sie etwas Wichtiges vergessen.
    „Na, Süße,.. hast was vergessen?“ Er öffnete die Tür und lehnte sich grinsend an den Türrahmen.
    „Kann man so sagen.“ Dylinrae erwiderte das Lächeln. Dann trat sie ihm mit einem gekonnten Kick in die Magengrube. Überrascht durch den plötzlichen Angriff und durch die Wucht des Trittes wurde er in den Flur zurück geschleudert. „Was zum.. ?“
    „Ach , halts Maul!“ Dylinrae schloss wütend die Tür hinter sich. „Du steckst doch mit denen unter einer Decke! Was bei allen Höllen geht hier vor sich?“
    Verwirrt rappelte sich Urstan wieder hoch. Er verstand nicht ein Wort von dem, was sie ihm aufgeregt entgegen schrie. „Was meinst du?“ Er hielt sich immer noch den Bauch.
    „Kann es sein, dass du ein wichtiges Detail bei deinem tollen Nachbarn vergessen hast zu erwähnen?“
    Verständnislos sah Urstan sie an. „Capitain Key Corelli…!“ Sie sah sich wütend um. Ob sie hier abgehört wurden? Sie stapfte an ihm vorbei ins Wohnzimmer.
    Allmählich erreichte Urstans Bewusstsein eine wichtige Nachricht: Dylinrae war wohl aufgeregt und konnte gut zutreten – aber sie war unbewaffnet, kleiner und schwächer als er. Er richtete sich auf und verschränkte die Arme.
    „Suchst du etwas Bestimmtes?“ rief er ihr hinterher.
    Ein wütendes Fauchen folgte als Antwort.
    „Hey.. Dy.. egal, was passiert ist, jetzt beruhig dich erstmal und dann klären wir das.. ok?“
    Langsam näherte er sich der Zimmertür. Er konnte nicht sehen, wie Dylinrae hektisch das Zimmer nach seinem Geldbeutel, den sie am Abend vorher noch meinte gesehen zu haben durchsuchte. Endlich, unter der achtlos hingeworfenen Jacke, fand sie es.
    „Da gibt es nichts zu klären..“ Sie steckte das Portemonnaie ein und verließ das Zimmer wieder. „Wenn dein toller Nachbar fragen sollte: er findet mich im Hafen bei den Docks. Und wenn er klug ist, kommt er alleine, sonst lass ich alles auffliegen.“
    Sie atmete tief ein. Natürlich bluffte sie. Sie wusste nicht, was sie hätte auffliegen lassen können – aber vermutlich glaubte Corelli das.
    „Süße, willst du mir nicht endlich sagen, was los ist?“ fragte Urstan leise. Er hielt die rechte Hand hinter dem Rücken und lehnte an der Wand.
    Die Jägerin überlegte einen Moment. Konnte sie ihm vertrauen? Er schien tatsächlich nicht zu wissen, worum es ging, dennoch ging eine gewisse Feindseligkeit von ihm aus. Sie schüttelte den Kopf. „Besser nicht. Sag einfach Corelli Bescheid, dann ist es schon gut.“ Sie wandte sich zur Tür um zu gehen. Doch kaum hatte sie die Tür einen Spalt offen, als Urstan sie nachdrücklich wieder schloss.
    „Ich denke nicht, dass du gehen solltest.“
    Er zog die Hand hinter dem Rücken vor und richtete die Mündung seiner Laserwaffe auf sie.
    „Ich glaube, du solltest besser mit mir auf Key warten und es ihm selber sagen.“
    Urstan lächelte wehmütig. „Sorry Dy, aber ich kann dich nicht so einfach gehen lassen.“
    Dylinrae schluckte hörbar.
    „Leg die Waffe weg, Urstan.. bitte..“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was hier vor sich geht, aber ich denke, du sitzt im Schlamassel und ich denke nicht, dass du es besser machst, wenn du wegläufst. Egal, was es ist, das lässt sich sicher klären….“
    „Klären?“ Dylinrae lachte verächtlich auf. „Das kann man nicht klären. Es geht nicht um einmal Falschparken!“ Nervös fuhr sie sich durch die Haare. „Lass mich einfach gehen, ok?“
    Sie näherte sich ihm langsam. „Das kann ich nicht..“ antwortete Urstan leise. „Hast du erwartet, du kannst hier auftauchen, mir in den Bauch treten, mein Geld klauen und einfach wieder gehen?“ Dylinrae zuckte mit den Achseln. „Ja?“ Sie fixierte ihn für einen Moment mit ihrem Blick. Er war zwar ebenfalls ein Jäger, aber noch recht unerfahren. Auch ohne zu wissen, ob er begabt war oder nicht, wusste sie, dass ihre Chance, ihn zu überwältigen lediglich vom Überraschungsmoment abhing. Es tat ihr fast leid, dass sie rabiat werden musste. War sie auch anfänglich davon überzeugt gewesen, dass er wusste, was Corelli tat, so hätte er sie schon längst einfach erschießen können. Blitzschnell stieß sie seinen Arm mit der Waffe leicht zur Seite, ergriff ihn am Kragen und Arm, drehte sich duckend um und schleuderte ihn so die Hebelkraft nutzend zu Boden.
    Mit einem Keuchen wurde Urstan die Luft aus den Lungen gedrückt, als er auf den Boden fiel. In Windeseile hatte sie ihm die Waffe entrissen und zielte nun auf ihn.
    „Schuldige..“ Sie zwinkerte ihm noch einmal zu, stellte den Laser auf Betäubung und schoss.
    Leise seufzend betrachtete sie den bewusstlosen Körper, überlegte noch einmal kurz und ging dann über ihn hinweg in sein Schlafzimmer und suchte sich aus seinen Sachen ein Oberteil heraus. Es war ihr viel zu groß, dennoch war es weniger auffällig als das rote Top, dass sie trug.
    Die Türklingel schrillte. Die Jägerin erstarrte für einen Moment und hielt die Luft an. Es klopfte an der Haustür. „He.. Urstan.. ich bin es, Key.. schon wach?“ Die ungeduldige Stimme von Corelli erklang gedämpft.
    „Scheiße…“ fluchte Dylinrae leise. Hektisch eilte sie zum Balkon und sah herunter. Bis zur Straße waren es gut sechs Meter – zu hoch, um auf gut Glück zu springen. Dafür befand sich allerdings direkt unter ihr ein weiterer Balkon. Ohne lange zu überlegen kletterte sie über die Brüstung und ließ sich ein Stockwerk tiefer fallen. Ein Mann sah erschrocken zur Balkontür hinaus. Sie winkte freundlich, zwinkerte ihm zu und sprang dann über die Brüstung auf den Balkon des ersten Stockes und von dort auf die Straße.
    Eine alte Frau sah sie erstaunt an. Die Jägerin murmelte eilig etwas von „Ehefrau kam nach Hause.“ Und rannte dann los in Richtung Hafen.

  • Sie hatte keinen genauen Plan. Sie wusste nicht einmal, was sie genau mit Corelli besprechen sollte, wenn er kam. Sie sah keinerlei Möglichkeit, ihm den Mord an ihren Freunden zu beweisen. Immerhin war er ein Capitain der Sicherheit. Aber vielleicht konnte sie in Erfahrung bringen, hinter was er her war. Was auch immer es war, es musste einen brisanten Inhalt haben, der den Tod dreier Weltenwanderer rechtfertigte. Und was auch immer sie damit decken wollten, sie würde ihnen einen Strich durch die Rechnung machen – jetzt erst recht aus Prinzip.


    Der Hafen war menschenleer. Niemand schien heute am frühen Morgen arbeiten zu müssen. Die melancholischen Schreie der Wasservögel hallten durch die Stille. Delynrae rieb sich die Stirn. Leichte Kopfschmerzen hatten eingesetzt. Schon fast ohne hinzusehen schaltete sie die Laserwaffe von Betäubung auf tödlich. Urstan würde frühestens in zehn Minuten zu sich kommen, bis hier her brauchte Key, der vermutlich motorisiert war, keine Viertelstunde… Nachdenklich schritt sie zu einer Leiter, die an einem alten Lagerhaus lehnte. Vom Dach aus hätte sie einen guten Überblick. Es gab ihr auch genügend Deckung – sofern er alleine und ohne Luftunterstützung kam. Das wiederum war eher unwahrscheinlich.


    Für einen Moment hielt sie inne.


    Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als ihr umherstreifender Blick auf das kaputte Schloss einer verlassenden Lagerhalle fiel.


    Kurze Zeit später bog ein schwarzer Stadtbooster auf die Docks. Er parkte und Key Corelli stieg aus. Er sah zerknittert und mitgenommen aus. Die durchgemachte Nacht schien ihm nicht gut getan zu haben. Er zückte seine Dienstwaffe, sah sich suchend um und ging vorsichtig ein paar Schritte.


    „Del Vorsa?“ Ich weiß, Ihr seid hier!“ rief er in alle Richtungen. Dylinrae richtete sich am Fenster auf.


    „Ich bin hier.“ Antwortete sie laut. Wie schon erwartet, hob Corelli seine Waffe und schoss. Dylinrae ließ sich nach hinten fallen. Er hatte gar keine andere Wahl, als dass zu ihr zu kommen, und nachzusehen, wenn er wissen wollte, ob sie tot war und dabei hatte, was er suchte, was auch immer das war.


    Sie kroch hinter zwei große Kisten, als sie seine Schritte hörte. Von hier aus konnte sie den Eingangsbereich gut im Auge behalten. Die Waffe hielt sie im Anschlag, den Atem hielt sie flach.


    Als sie die Gestalt des Capitain in der Tür stehen sah, zielte sie kurz und schoss dann.


    Corelli duckte sich, als aus dem Hinterhalt ein Laserschuss kam und ihm die Haare versengte.


    Er suchte Deckung hinter nahe stehenden, aufgeschichteten Paletten.


    „Ich glaube, Ihr habt etwas, dass ich haben sollte..“ rief er in die Richtung aus der er attackiert worden war.


    „Erzählt mir erst genau, warum es Euch so wichtig ist, dass Ihr dafür das Leben dreier Unschuldiger opfert!“ kam Dylinraes scharfe Erwiderung. Schnell wechselte sie nach der Antwort die Deckung.


    Schüsse wurden in ihre Richtung abgefeuert.


    Ein heiseres Lachen erklang. „Wie kleingeistig seid Ihr, dass Ihr unsere Gesellschaft als weniger wert als das Leben dreier ersetzbarer Seelen wertet? Ich denke, Ihr wisst nicht, was Ihr in Euren nichtswürdigen Fingern haltet. Aber es spielt auch keine Rollen. Gebt es mir und ich werde so tun, als habe ich Eure Spur verloren.“


    „Meine Spur?“ Dylinrae schnappte zornig nach Luft. „Ihr bringt meine Freunde um, hängt mir das an und erwartet, dass ich es Euch gebe und den Rest meines Lebens fliehe für irgendwelchen belanglosen gesellschaftspolitischen Scheißdreck?“


    Sie schloss für einen Moment die Augen, als eine erneute Schussfolge dicht über ihrem Kopf in die Wand hinter ihr einschlug. Putz rieselte auf sie herunter.


    „Wenn es keine Rolle spielt, ob ich weiß, was ich habe oder nicht, dann könnt Ihr es mir auch erklären!“ rief Dylinrae in die Feuerrichtung.


    „Ihr verschwendet nur meine Zeit. Ich habe Euch ein großzügiges Angebot gemacht – das beste in Anbetracht dessen, was Euch blüht, wenn man Euch fasst!“ Dylinrae antwortete Ihrerseits mit einer Schusssalve. Weniger, um ihn wirklich zu treffen, mehr, um ihm zu zeigen, was sie von seinem Gelaber hielt.


    „Großzügig? Macht Euch nicht lächerlich. Ich werde mein Leben lang auf der Flucht sein. Für nichts und wieder nichts! Meine Freunde sind tot.. Und Ihr wagt es von Großzügigkeit zu reden?“ Die Jägerin redete sich langsam in Rage. „Ihr kotzt mich an! Ihr und Eure selbstgerechte, verlogene Art!“ Sie lief fast lautlos hinter den Kisten entlang, bis sie an di Außenwand gelangte. Mit einigen schnellen Klettergriffen erklomm sie den Stapel und balancierte gut versteckt hinter weiteren Paletten an der Wand entlang. Corellis Lachen erstarb. „Wer hier selbstgerecht ist, das ist dann noch die Frage. Jemand, der sein Leben über das von Tausenden anderen stellt oder jemand, der diesen einen opfert, um das Leben der Tausenden zu schützen?“ Von ihrem Weg aus konnte Dylinrae sehen, wie sich Corelli suchend umdrehte. Er hatte sie aus den Augen verloren.


    „Kommt raus und gebt es mir!“ rief er ungeduldig. „Ihr könnt es nicht ändern. Das Schicksal ist bereits besiegelt!“


    Sie verließ die Deckung. Er konnte sie nicht einfach erschießen, schließlich wollte er etwas. „Ich habe es nicht dabei.“ Sagte sie in einem gefährlich ruhigen Ton.


    Auch Capitain Corelli kam hervor. Für einige Sekunden blickten sich beide stumm an, die Waffen auf den jeweils anderen gerichtet.


    „Wenn Ihr es nicht hier habt, wo finde ich es dann? Ihr wollt es mir doch geben. Ihr habt keine Chance, aus der Sache unbeschadet heraus zu kommen. Die Morde sind auf Eurem Konto. Die Fahndung ist bereits herausgegeben. Ich kann Euch nur einen kleinen Vorsprung anbieten. Oder Euch gleich töten.“ Er zuckte mit den Achseln. Die Jägerin starrte ihn entgeistert an. Er hatte Recht, es gab keinerlei Chance, ihre Unschuld zu beweisen, sofern er sie nicht bestätigte. Und er hatte keinerlei Grund dazu.


    Sie drückte ab.


    Überrascht ließ der Capitain seine Waffe fallen und sah auf seine Brust, wo sich in rascher Geschwindigkeit ein Blutfleck bildete und immer größer wurde.


    Keuchend atmete er aus. Dann verlor er das Gleichgewicht und fiel nach vorne auf die Knie.


    „Ich hätte Eure Rettung sein können…“ Flüsternd starrte er zu ihr auf, pures Unverständnis in den Augen.


    Die Jägerin ging langsam auf ihn zu, beugte sich dann zu ihm hinab, bis ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren und lächelte dann kalt.


    „Drei Leben habt Ihr genommen, eines zerstört. Ich werde einen Weg finden, die Wahrheit zu beweisen. Aber dafür brauche ich Euch nicht.“ Sie sprach leise und ging dann einen Schritt rückwärts. Sie hob ihre Waffe ein weiters Mal und zielte auf seinen Kopf.


    „Was genau soll ich haben.. antwortet mit Bedacht und wählt zwischen einem schnellen und einem langsamen Tod!“ Sie hob ihren Kopf gen Decke, als sie meinte, ein Geräusch wie einen Fußschritt gehört zu haben. „Fuck…“ Sie fluchte leise und sah zu dem matt grinsenden Corelli. Sie zog die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Dann drückte sie ab.


    Wenn sie sie schon wegen Mordes jagten, sollten sie auch einen Grund bekommen. Sie sah sich um. Die Lagerhalle wurde just in diesem Moment umstellt. Weder Tür noch Fenster bot eine Fluchtmöglichkeit. Sie atmete tief ein. „Ruhig bleiben, nur keine Panik!“ beschwor sie sich selber in Gedanken. Die innere Anspannung wuchs.


    „Dlen Del Vorsa! Wir wissen Ihr seid da drinnen! Kommt mit erhobenen Händen heraus!“ Die durch das Megaphon verzerrte Stimme schallte blechern durch die Halle. Die Jägerin strich sich erschöpft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie saß definitiv in der Scheiße. Irrwitzigerweise brachte genau dieser Gedanke sie auf eine Idee. Sie sah kurz zu dem Gullydeckel in der Mitte des Lagerhauses. Wie gut, dass hier nahe am Hafen alle Hallen und Häuser einen direkten Anschluss an die Kanalisation hatten. Es kostete einige Mühen, den schweren Betondeckel anzuheben und zur Seite zu schieben.


    „Dlen Del Vorsa! Eure letzte Chance! Ansonsten wird das Gebäude gestürmt!“ Die Drohung hallte durch das Gebäude. Dylinrae sprang in das Abflussloch hinunter, zeigte, auch wenn die Sicherheit das nicht sehen konnte, ihren Häschern den Mittelfinger und schloss den Deckel hinter sich.


    Es stank bestialisch in der Kanalisation. Mehrfach musste die Jägerin allen Willen aufbringen, um sich nicht zu übergeben. Das Dreckwasser ging ihr bis knapp über die Knöchel. Unrat und Fäkalien schwammen an ihr vorbei. Eine kleine Ratte huschte im Finstern vorbei und quiekte leise. Das Herz der Jägerin schlug so laut, dass sie meinte, in der Ferne ein Echo hören zu müssen. Regentropfen fielen stetig von der Decke und rundeten die unheimliche Atmosphäre ab.


    Für ein paar beruhigende Sekunden glaubte Dylinrae sich in Sicherheit. Dann stutzte sie. Es wurde wärmer hinter ihr. Wie erstarrt blieb sie stehen. Ein zischendes Geräusch wie von einem mittelalterlichen Ungeheuer und Benzingestank erfüllten die Luft. Langsam drehte sie sich um.


    Eine Stichflamme schoss um die Ecke und füllte den Gang nebenan komplett aus. Gequältes Schreien der dort hausenden Nager ging im Lärm der Maschine unter, die nun ein Stück weiter rollte und Anstalten machte, um die Ecke zu biegen.


    „Scheiße….“ Entfuhr es Dylinrae. Die Kanalreinigung und Ungezieferbeseitigung.


    Der überdimensionale und vollautomatische Flammenwerfer drehte sich in ihre Richtung. Es kam ihr wie Zeitlupe vor, dass sie sich umdrehte und losrannte.

  • Flammen füllten den Gang und leckten an ihrer Haut. Schmerzhaft heiß schien die Luft und das Atmen fiel schwer. Die Jägerin sprintete zu der nächsten Einbuchtung und warf sich dann an die Wand. Wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht schossen die Flammen vorbei und verbrannten, was sich ihnen in den Weg stellte. Sie atmete flach und hektisch. Erst als die schwere Maschine an ihr vorüber gerollte war, normalisierte sich ihr Puls wieder einigermaßen. Sie überlegte kurz und beschloss dann, dass es einfach zu gefährlich war, in der Kanalisation weiter zu wandern. Sie musste eine Möglichkeit finden, aus diesem Bannkreis zu kommen, der die Stadt umgab. Und dann weiter zum Ratsplaneten. Wenn ihr jetzt noch jemand helfen konnte, dann war es Filibert. Vielleicht konnte er ihr sagen, hinter welcher Sache die Leute her waren und wer genau dahinter steckte. Sie fiel in einen leichten Dauerlauf, bis sie den nächsten Ausstieg erreichte.
    Vorsichtig schob sie den Gullydeckel zur Seite und lugte aus dem Dunkel heraus. Sie war offensichtlich unter einer Brücke gelandet. Keine Menschenseele war zu sehen bis auf ein paar Betrunkene, die etwas weiter entfernt zusammenkauerten und sich eine Flasche in einer braunen Papiertüte teilten. Schnell kletterte Dylinrae wieder an die Oberfläche und verschloss den Gully wieder. Sie rümpfte leicht die Nase, als sie merkte, wie viel an Duft sie aus der Kloake an sich hängen hatte. Sie sah sich suchend um.
    Die Sonne schien bereits hell am Zenit und ein lauer Wind frischte die heiße Luft auf. Noch im Gehen zog sie die Credit-Scheine aus dem Portemonaie, dass sie Urstan gestohlen hatte. . Einen Moment lang war sie versucht, zu versuchen, noch einmal zu sich nach Hause zu kommen, um ihre Ausrüstung zu holen. Aber das war wahnwitzig.
    Zufrieden stellte sie fest, dass Urstan einiges an Barem hatte – ein typischer Jäger eben. Die Scheine steckte sie in ihre Hosentasche, den Geldbeutel warf sie im vorübergehen in einen Briefkasten. Die Waffe verbarg sie in ihrem Hosenbund unter dem weiten Hemd.
    Mit schnellem Schritt überquerte sie die nächste Straße und mischte sich unter die einkaufswütigen und geschäftigen Passanten einer anschließenden Fußgängerzone.
    Um die Stadt zu verlassen brauchte sie entweder eine gute Tarnung oder extrem gute, starke und viel zu teuere Waffengewalt, mit der sie vermutlich den einen oder anderen Unschuldigen erwischen würde.
    Zielstrebig durchschritt sie die Türen des Einkaufshauses. Alles, was sie brauchte, würde sie hier finden. Solange sie nichts wandelte, konnte man ihre Signatur nicht ausmachen. Das hieß aber nicht, dass sie sich nicht verändern konnte. Schnell, aber ohne Hektik nahm sie einen Einkaufskorb und ließ ihn neben sich her schweben.
    Haarfärbemittel, Scheren, eine schwarze Hose im Workerstyle, ein schwarzer Rollkragenpullover, eine Reisetasche, ein rosa Kostüm, Lippenstift und Nagellack wanderten in den Korb. Nachdenklich betrachtete sie das eingepackte Chaos, nahm dann noch in der Modeschmuckabteilung riesige, bobonfarbende Creolen mit und bezahlte dann an der Kasse bei einer sehr verdutzen Verkäuferin, die es sich nicht verkneifen konnte, mit der Nase zu rümpfen. Eigentlich konnte Dylinrae es ihr nicht übel nehmen, sie stank tatsächlich erbärmlich. Dennoch warf sie ihr einen zornigen Blick zu. Ihr war klar, sobald ihr Bild in den Monitoren erscheinen würde, war diese Frau die erste, die sich bei der Sicherheit melden würde.
    Sie lächelte freundlich, als ihr die Sachen in zwei große Tüten gepackt überreicht wurden. „Beehren Sie uns bald wieder!“ zwitscherte die Frau an der Kasse und ließ ihren Kaugummi laut schnalzen. Dylinrae nickte bestätigend und machte sich auf dem Weg hinaus.
    Allerdings nur, um im nächsten Geschäft wieder Farbe, Kleidung, Schminke zu kaufen. Dazu Batterien, einen Drahtschneider und einen Bratenwender. Das wiederholte sie in noch zwei weiteren Geschäften. Jedes Mal holte sie Farbe, Kleidung, Schminke und noch ein paar Kleinigkeiten. Sie war sich sicher, dass die Stadtwächter sich fragen würden, in welcher Verkleidung sie über die Grenze zu gehen gedachte.
    In einem kleinen FastFood-Restaurante zog sie sich auf die Toilette zurück und begutachtete ihre Ausbeute. Hastig verteilte sie die Färbungsmittel auf den Haaren – rot, schwarz, braun und ein grelles wasserstoffblond. Es dauerte keine fünf Minuten, bis sie sie waschen konnte. Mit einem Grinsen betrachtete sie das Ergebnis im Spiegel, griff in die nächste Tüte und schnitt sie sich dann zunächst auf halber Länge, dann kurz über dem Ansatz ab. Den Rest von wenigen Millimetern färbte sie komplett in schwarz. Dann zog sie die schwarze Hose und den Rollkragenpullover an, stopfte das Hemd und die rosa Jacke in die kleine Reisetasche und machte aus dem Rest der Sachen einen kleinen Scheiterhaufen. Das Make-Up steckte sie ungenutzt ein. Mit einer fließenden Bewegung machte sie ein Feuerzeug an, warf es auf den Klamottenhaufen und verließ den Waschraum. Die künstlichen Stoffe fingen sofort an zu brennen, Flammen fraßen sich durch den Stoff und dicke Rauchwolken bildeten sich.
    Als Dylinrae den Laden verließ, hörte man innen bereits aufgeregte Stimmen, die nach Feuerlöschern riefen.
    Sie war fast zufrieden. Das einzige, was ihr noch fehlte, waren Waffen und Sprengstoff. Sie machte sich nicht die Illusion, dass sie in einen solchen Laden marschieren konnte, einkaufte und ihn wieder verlassen würde. Nicht ohne freundliche Nachhilfe…
    Sie schlich sich kurz vor Ladenschluss bis hin zu der Ladentür. Kein Kunde war mehr drinnen, niemand, der sich störend einmischen konnte. Der Verkäufer stand hinter der Theke und säuberte ein Gewehr, das alleine durch sein Kaliber schon beeindruckend war.
    Einmal noch atmete sie tief durch, stellte ihren Laser auf Betäubung, trat ein und schoss mit einer einzelnen fließenden Bewegung den Mann nieder, mit einer zweiten die Hilfskraft, die sie durch den Spiegel in der oberen Ecke hinter einem Regal hervorstürmen sah.
    Sie musste nicht lange suchen, sie marschierte direkt in das Lagerräumchen hinter den Verkaufsräumen, packte einen groben Leinensack und füllte ihn mit Sprengstoff und Zündern. Beim Rausgehen legte sie ein paar Credits auf die Kasse – nicht genug, um alles zu bezahlen, aber zumindest einen Teil.


    Als sich die Nacht über die Palaststadt senkte und die Zwillingsmonde hoch am Himmel standen, war jeder Ausgang, jede Straße hinaus umstellt. Bewaffnete Angehörige der Wache warteten und hielten Ausschau nach einer Person, deren Aussehen sie nicht kannten. Urstan stand, ganz entgegen der Gewohnheit eines Jägers, ein wenig Abseits, ebenfalls seine Waffe im Anschlag und beobachtete jede Bewegung seiner Umgebung. Was auch immer wirklich passiert war – wenn Dylinrae hier versuchte durch zu kommen, würde er sie festnehmen. Mit Argusaugen behielt er die Umgebung im Blick. Er spürte förmlich, dass sie kommen würde… Er meinte einen leichten Veilchengeruch zu bemerken, ein Zeichen einer geänderten Energiesignatur, einer veränderten Gestalt. Oder bildete er es sich nur ein?
    Es raschelte im Gebüsch. Der Wächter neben ihm sah ihn fragend an. Er nickte. Seine Finger krampften sich um die Waffen. Die Blätter wurden beiseite geschoben, Äste knackten und eine Gestalt mit einer rosa farbenden Jacke schob sich zu ihnen durch. Urstan stutzte.
    „Nicht schießen!“ Er hob die Hand. Hier stimmte was nicht.
    „Identifizieren Sie sich!“
    „Bin nur ich…“ Die alkoholschwangere Stimme einer alten Frau erklang. „Bin nur ich, die alte Narna..“ Die alte Frau kicherte.
    „Was haben Sie hier zu suchen?“ fauchte einer der Wächter sie an. Urstan sah sich um. Was plante sie? Was würde sie versuchen? Oder war sie Dylinrae? Er aktivierte seinen Energiescann am Armcom.
    „Ich habe eine Botschaft… für den Jäger…“ Die Frau strich sich über den faltigen Hals und musterte allesamt.
    Der Armcom piepste leise, und teilte übers Display mit, dass es keine Signaturänderungen in der näheren Umgebung gab. Misstrauisch blickte Urstan auf. „Was für eine Botschaft?“
    Die Frau lachte. „Kaboom.“
    Sie lachte heiser. Urstan sah sie verständnislos an. „Kaboom?“ Sie nickte bestätigend. „Kaboom.“
    Eine Explosion erschütterte die Umgebung. Einer der Transportbooster explodierte mit einem riesigen Feuerball. Erschrocken drehten sich die Wächter um. Der Jäger machte einen Schritt in die Richtung des Transporters, dann wurde er von der Druckwelle einer weiteren Explosion zurückgerissen. Fasziniert starrte er auf die Flammen die aus dem Wrack des Boosters schossen. Verdammt.. wie hatte sie nur? Er drehte sich um.
    „Wo ist die alte Frau hin?“
    Erstaunte Gesichter, aber keine Antwort folgte.


    Dylinrae rannte, dass ihr die Luft in den Lungen brannte. Ihre Ablenkung dauerte nur wenige Augenblicke, aber die reichten ihr, die rosa Jacke abzustreifen und loszurennen. Sie kam durch die Absperrung, erst dann wurde realisiert, wer das alte versoffene Weib wirklich war und die ersten Schüsse fielen, da war sie bereits hinter der Grenze. Sofort bog sie scharf rechts ab, schlug sich in die Büsche und hetzte immer weiter.
    Man nahm die Verfolgung auf, Wächter und Hunde rannten hinter ihr her, Schüsse fielen, doch Dylinrae duckte sich gut unter dem Beschuss weg. Sie riss sich während dem Lauf die Maske herunter und ihr schwarz geschminktes Gesicht verschmolz wie der Rest ihrer Kleidung fast mit der Dunkelheit ihrer Umgebung. Sie sprang in den nahen Fluss, um ihre Fährte zu verwischen, lief im seichten Wasser eine weile weiter, lief dann wieder in den Wald hinein. Niedrige Äste peitschten ihr ins Gesicht, dennoch fühlte sie sich unvergleichlich lebendig.
    Ein Schuss streifte sie am Arm. Sie taumelte, fing sich wieder und rannte weiter. Sie wusste, wenn man sie jetzt erwischte, war sie verloren und würde nie erfahren, um was es eigentlich ging – und sie würde nie den Tod ihrer Freunde rächen können.
    Sie rannte, als seien leibhaftige Dämonen hinter ihr her. Gehetzt blickte sie sich um. Sie konnte ihre Verfolger nicht sehen, jedoch die Hunde konnte sie noch hören. Ihr Bellen und Jaulen waren weithin durch den Nebelschleier zu hören. Dylinrae strauchelte und rutschte ungelenk einen kleinen Abhang herunter. Ihre Schuhe gruben sich in weiche Erde und hinterließen tiefe Spuren. Sie fluchte innerlich. Dann lief sie weiter, immer weiter. Sie musste es schaffen… Sie wusste, auf etwa dem fünfzehnten Kilometer hinter der Grenze gab es einen Fluss, der tief genug war, dass man schwimmen konnte und dessen Strömung stark genug war, dass man sich treiben lassen konnte. Wenn sie ihn erreichen würde, war die Miete halb gewonnen. In den Schilfbewachsenen Ufern konnte man sich gut verstecken und mit wenig Kraft größere Strecken zurücklegen.
    Die Beine begannen zu schmerzen. Auch wenn sie durch ihren Beruf immer im Training war, war auch für sie diese Anstrengung ungewohnt. Sie zwang sich zum weiterlaufen. Das Laub raschelte und knisterte bei jedem Schritt, das Blut pochte in ihren Schläfen und ihr Atem rasselte leise.
    Endlich, nach einer halben Ewigkeit, die sie meinte zu rennen, als sie schon längst am Ende ihrer Kräfte war und immer noch meinte, die jaulenden Hunde hinter sich u hören, lag der gurgelnde Fluss vor ihr. Hastig sprang sie hinein und ließ sich vom kalten Nass umfassen und mitreißen.


    Mit unbewegtem Gesicht war Urstan an der Stadtgrenze zurückgeblieben. Er wusste bereits, dass es keinen Sinn machte, ihr zu folgen.
    Aber er ahnte bereits, wo sie als erstes hin gehen würde. Und er würde dort auf sie warten. Niemand durfte ihn ungestraft an der Nase herumführen!



    Die Musik ging im Lärm der der tobenden Meute unter. Ein konterranischer General bekämpfte verbal eine Theorie über die kommunistischen Ansätze seiner Regierung, während sein Gesprächspartner, eine Mischung aus Mensch und Lederbeutel, seine Argumentation durch Lautstärke und wilden Drohgebärden untermalte. Weiter hinten war eine Schlägerei bereits im vollsten Gange. Niemand scherte sich um das Gewitter, den scharfen Wind, der das kleine Gebäude jedem Naturgesetz zum Trotz nicht einmal zum Wackeln brachte oder die Blitze, die zielsicher immer ein Stück weiter links einschlugen.
    Die Tür schwang auf und eine triefnasse Gestalt trat herein. Niemand schien sie wahr zu nehmen, wenngleich man sich sicher sein konnte, dass alle Augenpaar kurz aufblickten, feststellten, dass die Person insgesamt harmlos wirkte und sich dann weiter mit sich beschäftigten.
    Die junge Frau ging langsam durch die kämpfende und schreiende Menge hindurch, kämpfte sich bis an den Tresen vor und setzte sich erschöpft.
    Filibert, der kleine Knochendämon eilte sofort herbei.
    „Das ist kein guter Zeitpunkt…“ zischte er ihr zu. „Stimmt genau…“ Sie griff zu den Nüssen, die in einer kleinen Schale auf der Theke standen und aß sie hungrig. „Es ist ein beschissener Zeitpunkt. Filibert, mein Freund, ich brauche deine Hilfe.“
    Er schüttelte entsetzt den Kopf. „Du verstehst mich nicht: es ist kein guter Zeitpunkt!“ Er sah sie eindringlich an und deutete mit dem Kinn unauffällig in Richtung der Hinterzimmer. Sie hob die Augenbrauen. Unter den Gerüchen aus Alkohol, Schweiß und undefinierbarem lag ein Hauch von Schwefel.
    „Filibert, deine Freunde in Ehren, aber ich habe ein Problem.. verflucht..“ Sie zog Filibert näher zu sich ran. „Ich muss mich irgendwo verstecken, irgendwo, wo mich nicht mal ein Jäger findet, verstehst du?“
    Er schluckte. „Wenn er dich hier sieht, dann … „ Er ließ den Satz unvollendet, drehte sich um und starrte zu der riesigen Gestalt, die sich eben aus dem Hinterzimmer nach vorne begab. „Verschwinde besser…“
    „Das kann ich nicht…“ Dylinrae zeigte auf ihren Arm, der immer noch stark blutete. „Ich brauch irgendeinen freakigen Arzt, der keine Fragen stellt. Ich brauche einen Unterschlupf. Und ich brauche jemanden, der mir einen PSI-Verstärker besorgt.“
    Die Augen des Knochendämons wurden immer größer. Er war hin und her gerissen zwischen seinem Bedürfnis, ihr zu helfen – immerhin kannten sie sich seit Jahren – und seiner Furcht, was passierte, wenn sie hier entdeckt wurde. Ein lautes Brüllen riss ihn aus seinen Überlegungen.
    „Jägerin!“ Der Ruf übertönte alles und von einem Moment auf den nächsten wurde es mucksmäuschenstill in der Kaschemme. Ein Bierkrug fiel zu Boden, zersplitterte und der Inhalt verteilte sich auf den Holzdielen. Niemand sah dorthin, alle Blicke richteten sich zu der großen roten Gestalt mit den Hörnern.
    Dylinrae stand auf, ging langsam auf den Dämon zu und legte den Kopf schief.
    „Ich bin nicht geschäftlich hier, also lass mich einfach meine Sachen erledigen, dann bin ich weg.“
    Ihre Stimme klang sanft, dennoch fehlte nicht eine gewisse Bestimmtheit, die jedem jeglichen Widerspruch verleidet hätte. Jedem, nur keinem Dämonen.
    Er packte die junge Frau am Kragen und hob sie, ohne dass sie sich wehrte, einige Zentimeter vom Boden hoch.
    „Ich mag euch Jäger nicht!“ zischte er wütend. Er hob sie soweit hoch, dass ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter auseinander waren und sie ihm direkt in die Augen sehen konnte. „Ich mag auch keine Springer.“ Antwortete Dylinrae ruhig. „Aber nun bin ich selber einer, also lass mich…“ Ihr Satz blieb unvollendet. Ein schwerer Veilchenduft lag in der Luft. Neben ihr öffnete sich die Realität und Urstan trat hindurch.
    Sie fluchte leise. Dann holte sie aus und verpasste dem überraschten Dämon eine Kopfnuss, so dass er sie fallen ließ.
    Urstan sah sie mit unbewegtem Gesicht an, richtete die Mündung seiner Waffe auf sie und musterte sie ausführlich.
    „Die Frisur sieht scheiße aus.“ Sagte er schließlich, holte einen silbernen Halsreifen aus der Tasche und warf ihn ihr vor die Füße.
    „Machen wir es kurz und schmerzlos: anziehen und mitkommen. Du bist verhaftet wegen Mordes in vier Fällen sowie Widerstand gegen die Sicherheit und illegalem Springen.“
    Dylinrae hob eine Augenbraue. Mit ihrer linken Hand versuchte sie hinter ihrem Rücken unauffällig an ihre Waffe zu kommen. „Du hast was vergessen…“
    Sie grinste.
    „Zerstörung von Staatseigentum, …“ Sie entsicherte die Waffe. Und wenn es das letzte war – lebend würde er sie nicht bekommen.
    Filibert griff unauffällig und langsam nach seinem Impulsgewehr und der Theke. Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung zog Urstan eine zweite Waffe und richtete sie auf Filibert, ohne ihn dabei anzusehen.
    „Lass lieber stecken, Kleiner.“ Filibert hielt in seiner Bewegung inne und warf dem Dämonen einen flehentlichen Blick zu, der wiederum ergeben seufzte.
    Wie von einer unsichtbaren Faust getroffen taumelte Urstan zurück. Eine Hand griff nach Dylinrae und zog sie mit sich. Bevor sie begriff, was passierte, war sie bereits in einem lagen dunklen Gang. Der Dämon zerrte sie hinter sich her.
    „Jetzt komm schon, der Kerl wird nicht lange brauchen, um uns zu folgen…“ Er hetzte sie und trieb sie mehr zur Eile an. Ihr schwindelte. Er zerrte an ihrem verletzten Arm, und wie merkte immer mehr, dass sie am Ende ihrer Kräfte war, auch wenn ihre Beine wie automatisch weiterliefen.
    „Nicht schlappmachen!“ Sie hörte seine Stimme nur noch wie durch dicke Watte, fühlte den freien Fall, als sie stolperte und die Beine unter ihr nachgaben und spürte die Dunkelheit, die ihr Bewusstsein vernebelte.


    Das erste, was sie wieder fühlte, waren Schmerzen. Ihr Arm brannte höllisch und ihr Hals fühlte sich rau an. Mühsam öffnete sie die Augen und rechnete fest damit, entweder in einer Kerkerdimension des Dämons oder in Haft zu sein. Angenehm überrascht stellte sie fest, dass sie in warmen weichen Laken lag, in einem abgedunkelten Zimmer und man ihre Wunde versorgt hatte.
    Sie versuchte, sich auf zu setzten, gab dann aber erschöpft auf. Im Schatten des Zimmers regte sich eine große Gestalt, vermutlich der Dämon, der sie mit sich gezogen hatte.
    „Ist es schlimm?“ Seine Stimme klang leicht besorgt und die Frage richtete sich nicht an sie, wie sie mit Verwunderung feststellte, sondern an eine kleine Gestalt neben ihm.
    „Nein.. sie wird es überleben. Es ist nur ein Streifschuss.“ Die Stimme, die antwortete, war ihr nicht bekannt. Sie klang alt und weiblich, aber auch bestimmt und energisch.
    Die Jägerin versuchte sich bemerkbar zu machen, aber ihre Zunge fühlte sich rau, pelzig und leblos an. Sie schloss müde wieder die Augen.
    Erst Stunden später erwachte sie abermals. Verwundert richtete sie sich auf und sah zu ihrem dämonischen Begleiter, der auf einem Stuhl neben ihrem Bett eingeschlafen war. Das Zimmer erschien ihr unwirklich: klein geblümte dunkle Tapeten, schwere Samtvorhänge, antike Möbel – und mittendrin ein zwei Meter großer Dämon, der leise vor sich hin schnarchte.
    Leise schlug sie die Decke zur Seite und ließ sich aus dem Bett gleiten. Mit einer gewissen Verwunderung stellte sie fest, dass sie ein bodenlanges Nachthemd aus weißen Leinen trug. Einen Moment lang fragte sie sich, wer ihr da angezogen haben mochte, sah zu dem Dämon und schüttelte dann den Kopf, um diesen bizarren Gedanken zu verjagen. Auf Zehenspitzen schlich sie sich zu dem Fenster und schlug vorsichtig die Vorhänge zur Seite. Sie hatte gehofft, erkennen zu können, wo sie sich befand, aber das Fenster bot einen Ausblick in einen kleinen Innenhof. Die gegenüberliegende Mauer sah leicht verwittert aus und war mit Efeubewachsen. Aber sie sah aus wie eine Mauer, die überball stehen konnte. Keine Hinweise darauf, wo sie war.
    „Du bist hier in Sicherheit.“ Die tiefe Stimme ließ sie herumfahren und in das gähnende Gesicht ihres Retters blicken.
    „Wo ist das?“ Sie sah ihn misstrauisch an. Hatte er sie nicht vor kurzem am liebsten durch ein Fenster werfen wollen?

  • Er kicherte, was ihn reichlich undämonisch wirken ließ. „Bei meiner Mutter.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Katala-Ursotonasopos, Herr der Schwefelgärten, Fürst der Finsternis.“ Verblüfft ergriff sie die dargebotene Pranke und schüttelte sie. „Dylinrae Dlen del Vorsa.“ Er nickte. „Ich weiß. Filibert hat mir von dir erzählt.“ Sie ging langsam um ihn herum zurück zu dem Bett und setzte sich. Ihr schossen so viele Fragen durch den Kopf. Warum half er ihr? Was hatte der kleine Kaschemmenbesitzer erzählt? Was erwartete er als Gegenleistung? Was wusste er? Sie seufzte leise. „Danke.“
    Er zuckte mit den Schultern. „Ich kann Filibert selten etwas abschlagen. Also bild dir keine Falschheiten ein. Ich tu es ihm zu Gefallen.“
    Dylinrae nickte ernsthaft. „Das ist für mich durchaus in Ordnung.“
    Er fuhr fort, während er sich weiter gähnend streckte. „Deine Sachen sind dort in der Kommode. Ich wusste nicht, ob du sie behalten willst, obwohl sie ja ziemlich kaputt sind. Aber zumindest dein Armcom ist da und ich denke, die Disk ist auch noch in Ordnung.“
    Die Jägerin nickte. Das war gut zu wissen. Dann stutze sie. Disk? Sie zog die Augenbrauen hoch und es dauerte einige Momente, bis sie sich am liebsten selber geohrfeigt hätte. Wie von der Tarantel gestochen fuhr sie hoch und eilte sie zu der kleinen Holzkommode. Mit zitternden Händen durchwühlte sie ihre Sachen, bis sie den Armcom fand. Sie schaltete ihn ein, und starrte auf das kleine Display.


    Chroniken der Wanderer – Von den Anfängen der Reise


    Sie starrte auf den Schriftzug. Das war es? Das war es, wonach gesucht wurde? Die Chroniken der Wanderer lernte doch jeder Weltenwanderer bereits in der Grundschule.
    Sie sah verblüfft auf den Titel. Das konnte nicht das Geheimnis sein, das es wert war, dass Wanderer dafür starben. Das konnte nicht der Skandal sein, den Gammer meinte aufdecken zu müssen. Sie scrollte im Text weiter herunter. Der Anfang war der ihr bekannte Lehrtext über die Anfänge der Philosophie, aber bereits wenige hundert Zeilen später ging das ganze in eine andere Sprache über. Sie stutzte. Das schien das Original zu sein. Es war die Alte Sprache, die kaum noch jemand sprach, geschweige denn verstand. Sie blätterte kurz drüber, fand Anmerkungen von Gammer, kurze Kommentare, Verweise und Notizen.
    Ihr schwindelte leicht. Sie setzte sich auf das Bett und fuhr sich durch das kurz geschorene Haar.
    „Verdammte Scheiße…“ Sie flüsterte es nur, aber es schien den ganzen Raum auszufüllen. Alles Blut war ihr aus dem Gesicht gewichen und ihr Puls raste. Sie starrte immer wieder auf das Display, auf dem ihre ganze Weltanschauung in Frage gestellt wurde und wünschte sich, die Zeit zurück drehen zu können.



    Der Kopf schmerzte. Man hatte ihm einige Splitter herausziehen müssen und eine Platzwunde genäht, wo er gegen die harte Wand geknallt war. Urstan fluchte leise. Er lag in einem Bett eines kleinen Gasthauses auf dem Ratsplaneten, die Dokumente über die Jägerin um sich herum verteilt. Dieser Dämon hatte ihn überrascht- ein unverzeihlicher Anfängerfehler. Dennoch.. er fand in keinen seiner Notizen über die Arbeit und das Leben von Dylinrae eine logische Verbindung zu diesem Kerl. Und in der Kaschemme hatte selbstverständlich nie jemand je etwas von ihr oder ihm gesehen oder gehört.
    Und dann ließ auch nichts darauf schließen, was sie dazu bewegt haben mochte, ihre Freunde und einen Capitain der Sicherheit zu töten. Er dachte immer wieder daran, was sie zu ihm gesagt hatte, als sie in seiner Wohnung aufgetaucht war:
    „Das kann man nicht klären. Es geht nicht um einmal Falschparken!“
    Immer wieder fragte er sich, was sie damit gemeint hatte. Es passte alles nicht. Es war einfach unlogisch. Warum hatte sie ihn nicht umgebracht? Die Möglichkeit hatte sie gehabt. Stattdessen hatte sie ihn nur betäubt. Er war zwar versucht, es auf ihre gemeinsame Nacht zu schieben, aber so eitel und selbstverliebt war nicht einmal er. Es schien ihm falsch, sie als Mörderin zu sehen. Es konnte nicht sein. Andererseits sprachen alle Beweise gegen sie. Und es war nicht seine Aufgabe, über ihre Schuldigkeit zu urteilen, er musste sie lediglich festsetzen.
    Er seufzte und sah auf das Bild von ihr. Das war leichter gesagt als getan. Sie hatte es ihm nicht gesagt, dennoch hatte er bereits geahnt, dass er es nicht mit einer Anfängerin oder Dilletantin zu tun hatte. Dylinraes Fangquoten waren mit die besten aller Jäger. Sie kannte garantiert jeden Kniff, sich unsichtbar zu machen und zu verschwinden. Und durch diesen Kerl.. er musste eine Möglichkeit gehabt haben, seine Signatur zu vertuschen, denn nirgends hatte er ihren Sprung ausfindig machen können. Er fürchtete, dass sich dieser Auftrag als sehr langwierig rausstellen würde.