KGW 2011 - Eure Geschichten

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  • Gewinner


    Ich möchte nicht behaupten, dass ich ein guter Mensch wäre. Es wäre vermessen zu behaupten, ich hätte nicht schon das Meiste gesehen. Der Geruch des Gerichtssaales ist mir vertraut – Holz, vermischt mit dem Angstschweiß der Angeklagte und den Tränen der Zeugen. Kalt sah ich immer, wie man weinte, weil ich sie attackierte, sie umkrempelte, befragte und letzten Endes als Lügner darstellen ließ. Alles zum Wohle meiner Mandanten, die mir immerhin Essen, Haus und Mercedes zahlen, denen ich ein Versprechen gab – das Versprechen, sie zu verteidigen und sie raus zu holen, oder zumindest das Strafmaß so zu reduzieren, dass sie schnell wieder aus dem Bau kommen würden. Es war einer dieser normalen Anfragen gewesen, denn Mordfälle hatte ich schon allzu oft gehabt in meiner langen Karriere als Verteidiger. Mich fasziniert es, diese Fälle zu hinterfragen, und ja, es ist mir egal, ob ich nicht einen Mörder auf freien Fuß lasse. Es ist ein Spiel, und ich bin gerne der Gewinner. Ich BIN ein Gewinner. Jetzt aber...

    Ich sehe diese kalten Augen nicht zum ersten Mal. Ich habe sie seit Wochen, seit Monaten wieder und wieder gesehen. Zuerst war ich wie angezogen von diesem Mann. Nicht auf eine sexuelle Art – sondern von seinem Geist. Martin Jenneck, ein normal wirkender Mann Mitte Dreißig, gepflegt, freundlich. Doch es waren diese Augen, die so anders und fremd wirkten in diesem Gesicht. Ich wusste, vom ersten Moment an, dass dieser Mensch schuldig sein musste. Etwas lauerte in den Tiefen des grauen, eisigen Blickes, der mich gleichermaßen erschauern wie lächeln ließ. Leise, ja höflich, unterhielt er sich mit mir. Er könne es doch gar nicht gewesen sein, war seine Behauptung von Anfang an. Er sei nicht in der Nähe gewesen, er könne sich nicht erinnern. Er log. Ich bin immerhin schon seit 25 Jahren in diesem Geschäft, man entwickelt ein Gespür. Ich behielt das jedoch für mich. Es war nicht einmal die Tatsache, dass er log, was mich interessierte, sondern wie. Glatt, kalt. Keine Schweißausbrüche. Jenneck hatte keine Angst. Dabei waren die Vorwürfe schwerwiegend, er sollte immerhin 8 Frauen auf ziemlich ekelhafte Art und Weise umgebracht haben. Hätte er die Augen geschlossen gehabt – ich hätte nicht gedacht, dass er zu derartiger Gewalt fähig wäre. Zu fein waren diese Hände, zu gelackt der ganze Mann.

    „Herr Dr. Varga, bitte kommen Sie zu Ihrem Schlusswort.“ Der Richte hatte gesprochen. Wie so viele Male in meiner Karriere stehe ich auf, und räuspere mich. Aber die Worte kommen nicht wie sonst. Jenneck sieht mich an, freundlich lächelnd, wie ein Raubtier. Hatte er diese Frauen auch so angelächelt, als wären sie seine Beute? Ein Schauder läuft mir über den Rücken. Ich habe die Bilder gesehen – voll Blut, voll Entsetzen. Ich hatte mich erst einmal übergeben müssen. Zum ersten Mal in meiner Karriere.
    Zuerst wurden sie bewusstlos geschlagen. Dann mit Stacheldraht gefesselt, nackt natürlich. Er hat sich Zeit gelassen, jedes Opfer war mindestens noch 5 Stunden am Leben in seiner Gewalt. Dann...
    Ich möchte es ausblenden und ich kann es einfach nicht so, wie ich es sollte. Ich habe ein perfektes Plädoyer, das Einzige, welches Sinn machte. Geistige Unzurechnungsfähigkeit, es gab genug Anzeichen dafür. Aber ich weiß, zu gut, dass er genau wusste, was er tat. Denn – eines Tages, es war kurz vor der Verhandlung, hat er plötzlich geredet. Und dabei dieses Lächeln im Gesicht getragen.
    „Ich weiß, mir droht der Stuhl. Aber es hat sich gelohnt. Oh ja... Und wie.“ Der graue Blick hat genau den meinen getroffen, und meine Beine drohten nachzugeben. Ich hatte mich gezwungen, das Lächeln zu erwidern.
    „Das ist die Aufgabe Ihres Verteidigers, Herr Jenneck. Machen Sie sich keine Gedanken darum.“

    Nun stehe ich hier, mein Mund öffnet sich. Ich habe das natürlich mehrmals geprobt und aufgesagt, ich muss nicht einmal in die Unterlagen sehen. Es ist klar, was ich sagen würde, immerhin bin ich ein Gewinner. Man hängt an meinen Lippen, über die eine Schweißperle rinnt. Ich sehe den faszinierten Blick meines Mandanten, sehe, wie er dem Tropfen folgte, bis er von meinem Kinn tropft. Hat er alle Frauen so angesehen? Hatten sich alle so gefühlt wie ich – ein zu sezierendes Insekt? Ich vergesse einen Moment die inszenierten Worte, vergesse, dass wir im Gerichtssaal sind, als sein eindringlicher, geradezu eindringender Blick langsam meine Wut entfacht. Er hat nicht das Recht, mich so anzustarren, er hat nicht das Recht, mich so fühlen zu lassen, er hat gottverdammt noch einmal nicht das Recht...
    „Herr Dr. Varga? Würden Sie nun bitte beginnen?“ Die Worte des Richters treffen mich wie eine kalte Dusche. Ich wende mich fast abrupt von Jenneck ab und vermeide es, ihn anzusehen.
    „Verzeihung, ehrenwertes Gericht. Wir sprechen hier von grausamen Taten, welche einwandfrei meinem Mandanten, Herrn Martin Jenneck zur Last zu legen sind. Doch ich möchte zu bedenken geben, dass kein Mensch gesundes Geistes Derartiges vollbringen kann. Ich habe Ihnen die Gutachten bereits vorgestellt. Eine derartige Störung....“ Ich rede und rede, mechanisch, ohne Feuer, mein schlechtestes Plädoyer, das ich je gehalten habe. Immer diese Augen im Rücken spürend. Der Schweiß rinnt an mir hinunter, als fühlte ich diese Kälte. Fast krampfhaft schaue ich weg von ihm, und schließlich – ein Alptraum – endet mein Plädoyer.
    „Daher beantrage ich, nicht dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft stattzugeben, sondern beantrage die Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie.“ Ich zittere. Ich habe noch nie gezittert. Ich drehe mich nicht zu meinem Mandanten um, als sich schließlich das Richterkollegium zur Beratung zurückzieht. Die leise, angenehme Stimme Jennecks erklingt.
    „Vielen Dank, Dr. Varga. Mehr kann ich nicht erwarten.“ War da Ironie in seinen Worten? Jetzt muss ich mich umdrehen und ihn ansehen. Er wirkt gelassen, fast heiter. Trotzdem ist mir, als wäre dort etwas, das mich anspringen will, die Kehle aufreißen. Ein zweiter Schatten scheint um ihn zu sein, oder bilde ich mir das ein? Ich brauche Luft. Abstand.
    „Ich werde einen Kaffee trinken. Seien Sie unbesorgt, wir werden schon gewinnen.“ Eine Flucht, wenn auch nur kurz. Ich will nicht zurück. Ich will diesen Menschen nicht mehr sehen, will das Urteil nicht hören. Ich schmecke den Kaffee nicht einmal, den ich in einem der kleinen Aufenthaltsräume des Gerichtsgebäudes trinke. Ich lasse mir Zeit, viel Zeit. Diese Bilder – ich werde sie nicht mehr los, würde es niemals wieder. Es ist eine Stunde vergangen, als ich zurückkehre in die Arena. Es ist noch immer viel zu früh, und Jennecke sitzt summend, mich erwartend, auf seinem Platz, flankiert von zwei fast lächerlich großen Polizisten. Reden will er wenigstens nicht, somit scheine ich meine Unterlagen zu sortieren. Gemurmel kündigt die Rückkehr des Publikums an, und dann erscheinen auch die Richter wieder. Das Prozedere beginnt, aber das Ende ist endlich nahe. Abstand zu ihm, konzentrieren auf die Worte des Richters. Mein Mantra der Stunde.
    „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte Martin Jennicke wird des Mordes in 8 Fällen unter besonders schweren Umständen schuldig gesprochen. Da kein Milderungsgrund sichtbar ist, wird er zum Tode durch den elektrischen Stuhl verurteilt.“ Ich höre die Urteilsbegründung gar nicht mehr. Ich höre nur das leise Kichern meines Mandanten. Ich habe verloren.




    P.S.: Ich habe diese Geschichte in der letzten Nacht geschrieben, als das Thema verkündet worden ist. Daher konnte ich bereits posten. Diese Geschichte ist vollkommen selbst geschrieben und nicht plagiiert oder bereits früher entstanden.

    The post was edited 1 time, last by Cassandra Vandales ().

  • Der Gerichtsprozess

    Mein Name ist Morgan, Morgan Stillman. Ich habe 34 Jahre als Richter im Bundesstaat New York gearbeitet. Ich habe bereits vieles gesehen und erlebt. Von Taschendiebstählen bis hin zum heimtückischen Mord. Doch der Fall, von dem ich euch jetzt erzähle, stellt alles was ich bis jetzt gesehen und gehört habe in den Schatten…

    Es begann am 21.04.2003. Dieses Datum werde ich nie vergessen. Ich bekam den Anruf, einen Mordprozess zu übernehmen. Motiv, Anzahl der Morde, alles sei bereits bekannt. Der Richter, der vorher mit dem Fall betraut wurde, verstarb unerwartet an einen Herzinfarkt. Ohne groß zu zögern willigte ich ein, endlich mal eine Abwechslung zum tristen Alltagleben.

    Ich machte mich früh auf zum Gerichtssaal, um mich mit dem Fall vertraut zu machen. Ich studierte die Akten. „Alter: 38 Motiv: Hass auf lateinamerikanische Frauen“, stand in einem Absatz. Als ich die Einzelheiten der Morde las, stockte mir der Atem. Die Morde unterschieden sich mehr als Tag und Nacht, und ähnelten sich im Grunde wie ein Ei dem anderen. „Frau zerstückelt im Wald gefunden“, „Mexikanerin tot aufgefunden, Kopf bis heute nicht aufgetaucht“, hieß es in den Akten. Ich las mir alle 35 Fälle durch. Alle waren sie dunkelhaarig, alle weiblich. Seine Frau betrog ihn seit Jahren mit einem anderen, bis er sie im Ehebett erwischte. Sie war sein erstes Opfer. Ich weiß noch, wie die Zeitungen über diesen Mord schrieben. „Brasilianerin tot in einem Bach aufgefunden. Motiv bislang unklar. Polizei tappt im Dunkeln“, titelte die New York Times vor 14 Jahren. 14 Jahre dauerte es, bis die Morde aufgeklärt und der Übeltäter geschnappt wurde.

    Ich studierte die Akten weiter. Wie sind sie ihm auf die Schliche gekommen? In der Öffentlichkeit schwiegen die Polizisten darüber, Täter und Opferschutz hieß es offiziell. Irgendwann entdeckte ich den Absatz, in den beschrieben war, wie sie ihn entdeckten. Ein 17 jähriges Mädchen aus Argentinien, frisch in die USA eingereist, verschwand spurlos als sie mit ihrer Freundin einkaufen gehen wollte. Man fand sie später im Wald mit einem Messer im Rücken. Der Täter dachte, sie sei tot oder er wollte sie einfach verbluten lassen. Doch sie überlebte. Man lieferte sie in ein Krankenhaus ein, sie befand sich in einer Art Wachkoma. Diese Todesangst, die sie gehabt haben muss, wünscht man niemanden. Nach und nach verbesserte sich ihr Zustand und sie begann langsam wieder zu sprechen. „Mein Name ist Maria“, sagte sie zu den Polizisten und Ärzten, die sich langsam um ihr Bett versammelten. Immer wieder rief sie den Namen ihrer Mutter, teils aus Angst, teils auch aus Verzweiflung. Langsam fing sie an, sich wieder an die Geschehnisse zu erinnern. „Es ist dunkel… Er hält mich gefangen, es ist eng, ich spüre einen Luftzug. Meine Hände sind gefesselt. Bald will er kommen, sagte er mir. Er will mich dafür bestrafen, ihn so verletzt zu haben. Er nennt mich immer Lucia, wer ist Lucia? Ich habe ihn nichts getan! Was will er von mir? Was?!“, rief sie mit panischer Stimme. Sie schien sich an die Geschehnisse zu erinnern und es noch einmal zu durchleben. „Wo befindest du dich, Maria? Bist du entkommen?“, fragte ein Ermittler des FBI, der mittlerweile eingetroffen war. „Er kam zu mir. Er meinte, er müsse mir weh tun, so wie ich ihn verletzte, damit kein anderer Mann mich will. Er meinte, er muss mich bestrafen. Ich darf ihn nie wieder verletzen. Er befreite mich von meinen Fesseln, holte ein großes Fleischermesser aus seiner Umhängetasche. Dann wollte er mich küssen. Als er mir nahe kam, entdeckte ich ein weiteres, kleineres Messer in seiner Tasche. Ich zog es heraus, ich rammte es ihn in seinen Bauch. Er rief immer nach einer Lucia, doch ich rannte um mein Leben. Es waren viele kleine Räume, durch die ich rannte, überall waren Knöpfe, kaputte Computer. Ich kam endlich am Ausgang an. Ich riss die Tür auf und lief eine fast nicht enden wollende Anzahl von Treppen hinauf. Ich befand mich auf einem leeren Kornfeld, weit und breit nichts zu sehen. Hinter mir befanden sich Bahngleise. Ich rannte die Bahngleise entlang, in der Hoffnung, ich käme in eine Stadt. Doch er lief mir hinterher. Immer wieder hörte ich seine Rufe. Ich war schneller als er, rannte immer weiter. Irgendwann sah ich das Ende des Feldes, sah eine Straße, ein paar Häuser. Meinen Verfolger habe ich schon aus den Augen verloren, ich weiß nicht, wie nah er ist. Seine Rufe haben nachgelassen. Ich rief den Menschen auf der Straße zu, doch sie hörten mich nicht. Plötzlich spürte ich, wie er mich von hinten den Mund zu drückte. Er hat mich eingeholt. Er verschleppte mich in ein angrenzendes Waldstück, dort, wo uns niemand sah. Er holte ein Messer raus und streichelte mir über mein Gesicht, als ob er es nur gut meint. Die letzten Worte die ich hörte… waren…“, ihr Blutdruck erhöhte sich rasant, da sie die Angst, die sie in diesem Moment empfand, wieder in sich spürte. „Er sagte mir, dass… dass ich nicht weglaufen darf. Ich muss bestraft werden. Ich… ich spürte nur noch einen kurzen Schmerz im Rücken, ich wurde Ohnmächtig“, sie war kaum mehr ansprechbar. Die Polizei und das FBI wussten nun, was sie wissen wollten. Sie ließen das Mädchen schlafen, um sich zu erholen. Nun rätselten sie, wo genau diese Einrichtung sei, wo das Mädchen versteckt wurde. „Sie ist auf keinen Fall mehr als 2 Meilen gelaufen, also können wir das Suchgebiet eingrenzen“, sagte ein Polizist. „Zirka eine Meile von ihrem Fundort entfernt befindet sich ein Unterirdischer Bunker, der im Kalten Krieg von Ranghohen Mitarbeitern des FBI benutzt wurde. Von dort aus kommandierten sie Einheiten in Osteuropa. Er steht allerdings seit den Neunzigern leer“, sagte der Ermittler des FBI. Sofort begaben sich alle dorthin. Sie stürmten mit dutzenden Männern den Bunkern, suchten nach dem Täter und möglichen weiteren Opfern. Sie fanden ein Zimmer tapeziert mit Zeitungsartikeln. Alle Zeitungsartikel hatten seine Morde zum Thema. In der Mitte des Raumes saß er, der Täter. Außer psychopathisches Lachen bekamen die Ermittler nichts von ihm zu hören. Ohne Regung ging er mit ihnen mit. Hier endete die Akte. Es war nun an mich, seine Schuld zu beweisen und ihn zu verurteilen. Erhobenen Hauptes und voller Hass gegen den Angeklagten ging ich in den Gerichtssaal. Dennoch war es meine Aufgabe, dem Täter einen fairen Prozess zu machen. Der Prozess begann, seine Verteidiger berieten sich. Sie forderten Freispruch, da nicht eindeutig geklärt wurde, dass er der Mörder ist. Im Zweifel für den Angeklagten, sagten sie, sie forderten handfeste Beweise, obwohl es auf der Hand lag, dass er es ist. Doch was sollte ich tun? Maria war seit einigen Tagen nicht mehr ansprechbar, nachdem sie einen Rückschlag bekam. So war die einzigste Chance, ihn seine gerechte Strafe zu geben, vertan. Der Prozess zog sich mehrere Wochen hin.

    Die Verteidigung blieb bei ihrem Urteil – Freispruch. Die Geschworenen waren sich uneinig. Und die einzigste, die dieses Schwein zum elektrischen Stuhl bringen kann, lag noch immer im Koma. Plötzlich, mitten in einem der letzten Prozesstage, bekam ich den Anruf, der den ganzen Prozess maßgeblich entschieden hat. Maria war aufgewacht. Ich fuhr zu ihr, nahm sie mit in den Gerichtssaal. Die Ärzte waren damit einverstanden, dass sie ihre Aussage machen kann. Ängstlich und nervös betrat sie den Zeugenstand. Sie galt nun als Schlüsselfigur im ganzen Prozess. Als sie ihre Aussage machte, war es im ganzen Saal still. Ihre traurige Stimme ertönte im ganzen Saal. Selbst die Verteidigung, die vorher auf Freispruch plädierte, schaute nun angewidert auf den Boden. Marias Wille, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, waren jedoch schlussendlich größer als ihre Angst. Sie schilderte im Detail genau, was sie erlebte und identifizierte ihn als Täter. Endlich konnte ich den Fall herumreißen. Die Geschworenen berieten sich, ihr Urteil war einstimmig - Schuldig. Doch der Angeklagte saß reglos am Pult. Wie sehr muss er diese Lucia geliebt haben, dass sie ihn so verletzte, dass er zu so etwas wurde? Doch nichts konnte meine Entscheidung, die Todesstrafe auszusprechen, verhindern. In New York wurde seit 1963 niemand mehr zum Tode verurteilt. Ich war es, der nach 40 Jahren jemanden durch den Todestrakt schicken wollte. Aber mein Kopf füllte sich mit Gedanken, Gedanken, die mich davon abbringen wollten. Ich bin doch nicht viel besser, Tot mit Tot zu vergelten, dachte ich mir. Doch das Urteil musste gefällt werden. Ich musste mit meiner Entscheidung leben. Ich betrat zum letzen mal den Gerichtssaal. Ich bat alle, sich zu erheben, um das Urteil fällen zu können. „Hiermit verurteile ich, Morgan Stillman, Sie, den Angeklagten, aufgrund der vielen, grausamen Morde, die Sie an insgesamt 35 Frauen begingen, und wegen Entführung und versuchten Mord an Maria Cruz, zur Todesstrafe durch den elektrischen Stuhl“, waren die Worte, die ich sprach.

    Sein krankes, lautes Lachen und seine Rufe nach Lucia werden mir nie wieder aus den Kopf gehen, sie werden mich bis an mein Lebensende verfolgen…

    Kurz nach dem Urteil kaufte ich mir ein Stück Land in Montana. Weit weg aus dem Großstadtdschungel, weg vom Verkehr, von dem hektischen Leben. Dieser Fall hat mir gezeigt, dass das Leben zu kurz ist, um mein Leben im Gerichtssaal zu verbringen. Ich konnte diesen Fall nie verarbeiten. Maria blieb einige Zeit in der Klinik, sie musste lernen, wieder mit ihr Leben zu Recht zu kommen. Doch wie ich gehört habe, lebt sie heute wieder in Argentinien und ist inzwischen verheiratet.

    Und so endete der schlimmste Fall in meiner langen Karriere…

    *Geschichte ist von mir, nicht kopiert. Der Täter hat mit Absicht keinen Namen.

    Und Sorry wegen den Rechtschreibfehlern, es war Spät XD

    The post was edited 2 times, last by Dragy ().

  • Mein erster fairer prozess

    Heute ist ein mieser Tag oder nein sollte ich eher sagen heute ist mein Tag?
    Aber nun gut ihr fragt euch sicherlich wer ich bin und warum dies mein Tag ist.
    Meine Person ist schnell beschrieben ich bin ein durchschnittlicher junger Mann der gerade erst seit einem Jahr Anwalt ist und derzeit in einem Gerichtssaal hockt, neben sich einen Mann hat der des Massenmordes angeklagt wurde. Was der Richter vor mir und der rechts hockende Staatsanwalt nicht wissen ist das mein Mandant mir vor 5 Minuten mit einem breiten lächeln erklärt hatte, wie und mit welchem Spaß er die Leute umgebracht hatte. In genau diesem Moment wusste ich, was zu tun ist und gerade als ich meinen Entschluss gefasst hatte, stand auch schon der Richter mit seiner schwarzen Robe auf. Als er an seinem Platz stand, sagte er: „ Heute ist der Verhandlungstag des Massenmörders James Karefi Klock, Herr Staatsanwalt bitte fangen Sie an“. Nach diesem Satz hockte er sich in seinen großen Sessel und schaute zu dem Staatsanwalt hin, wie er aufstand und die Anklageschrift vorlas. „ Herr James Karefi Klock Sie werden angeklagt wegen des Mordes an 13 Personen und wegen des versuchten Mordes an Laura Meck. Auf was plädieren Sie?“
    Widerwillig stand ich auf und musste den Wunsch meines Mandanten erfüllen und sagte „ Wir plädieren auf nicht schuldig“.
    Als ich dann wieder langsam in meinen Stuhl glitt, fing der Staatsanwalt schon an seine Beweise vorzulegen und holte mehrere Dokumente sowie Bilder aus seiner Aktentasche heraus. Er befestigte sie dann auf eine Magnettafel rechts im Saal. Zeigend auf den Beweis Nr.1 fing er an zu reden: „Herr Richter schauen Sie auf dieses Foto, was zur Tatzeit und am Tatort des letzten versuchten Mordes durch eine Überwachungskamera aufgenommen wurde. Man kann hier den Täter auf dem Foto erkennen wie er eine gelbe Jacke mit grasgrüner Hose trägt und das Opfer mit einer Kokosnuss versucht zu erschlagen. Das Opfer Laura Meck konnte nur überleben, weil ein Passant den Täter von seinem Opfer weg zerrte und vertrieb. Minuten später wurde dann der Angeklagte mit genau den selben Klamotten von einer Polizeistreife gefasst.“
    Der Staatsanwalt wartete kurz und erklärte dann die anderen Beweise, eines nach dem anderen.
    Ich selbst war schockiert wie belastend die Beweise waren und schaute zu meinem Mandanten, ob er ebenso empfand, aber was ich sah schockierte mich noch mehr. Er grinste. Ich fand es unglaublich er grinste wirklich und schien sich wohl zu amüsieren während seine Taten beschrieben wurden.
    Als der Staatsanwalt alle Beweise erklärte und dem Richter zeigte, sagte er: „Die Staatsanwaltschaft beantragt lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung“.
    Nach diesem Satz schaute mich der Richter an und fragte „Haben Sie irgendwelche Gegenbeweise oder Anmerkungen?“. Eigentlich hatte ich auf diesen Satz gewartet, als ich gestern vor der Verhandlung mit meinem Mandanten sprach und er mir versichert hatte, dass er nicht der Mörder sei. Aber als ich vor der Verhandlung erfuhr, dass er es doch ist und er es genoss wie all die Opfer sich quälten, steckte ich die Mappe mit den Beweisen für die falsche Beweisaufnahme der Kripo wieder in meinen Aktenkoffer rein und dachte mir dabei „Nein diesmal werde ich die illegal erworbenen Informationen nicht vorführen, und mich an die Gesetze halten, so wie es ein fairer Prozess verlangt.“ Diesmal hatte ich ein breites Grinsen, als ich dem Richter sagte „Nein wir haben keine Gegenbeweise, aber ich hab die Anmerkung das die Verteidigung auf geistige Unzurechnungsfähigkeit plädiert und der Angeklagte in eine Psychiatrie sollte, bis er geheilt ist.“ Der Richter vernahm dies und verkündete sein Urteil mit einer gelassenen Stimme „ Der Angeklagte James Karefi Klock wird lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.“
    Während mein Mandant von Polizisten festgenommen wurde stand ich auf, lief in den Flur und dachte an meine alte Schulfreundin Laura Meck.


    *bitte nicht zu hart mit der geschichte umgehen XD die wurde schnell im halbschlaf geschrieben ;)
    Bei Rechtschreibfehler sry :)
  • Gerechtigkeit

    Die
    Menschenmengen vor meinen Augen verschwammen für einen kurzen Augenblick, Gedanken huschten durch meinen Kopf und überprüften meine Beweggründe für diesen Prozess. Am Eingang des Gerichtssaales stand Harry, der Gerichtsdiener, nickte mit dem Kopf und ging voraus zur Landesfahne.
    "Im Namen des Volkes des Staates Ohio, Richter Lyndon F. Barton! Bitte erheben sie sich!"
    Sehenden Auges ging ich die Stufen zum Gerichtspult, den Rock zurecht streichend, und setzte mich auf meinen Stuhl. Schweiß war an meinen Händen, floss mir in den Nacken, die Hitze konnte es nicht sein, denn hier war eine Klimaanlage. Konzentriere dich, schoss es durch meine Gedanken, die Geschworenen links, der Angeklagte rechts mit seinem Anwalt wirkte zuversichtlich, der Staatsanwalt halblinks den Kopf gesenkt, die Zuschauer, alle blickten auf mich und wirkten irgendwie angespannt. War ich selber nicht genau so angespannt und konnte das Urteil kaum erwarten?? Im Geiste im Saale sitzend, mit dem Angeklagten mitfühlend zerriss es mich förmlich, wenn ich daran dachte, was dieser Mann erlebt hatte.
    "Geehrte Geschworene, haben sie ihr Urteil gefällt?"
    Harry nahm den Spruch von dem Sprecher der Geschworenen entgegen und ging auf mich zu, Tränen in den Augen reichte er mir das Dokument leicht zitternd entgegen. Will ich überhaupt hier sein, lief es in meinen Gedanken ab, Edda könnte mir eine Tasse Kaffee machen, ich würde mir Beethovens Pastorale anhören und einfach entspannen. Meine Beine zitterten und krampfhaft drückte ich meine Füße gegen den Boden und konnte nicht aufstehen. Das Dokument leicht gequetscht wusste ich schon, wie die Geschworenen entschieden hatten. Das konnte nur eine Entscheidung beinhalten und die wollte ich nicht treffen. Am Eingang zur Tür des Gerichtssaales stand ich in meinen Gedanken, sah mich aufstehen, das Dokument entfalten und anfangen zu sprechen. Merkwürdige Stille war im Saal, explosionsartige Ruhe, bissiger Zynismus drang mir entgegen, Zorn, verpackt mit blumenhaften Lächeln sah man in vielen Gesichtern, Tränen liefen einigen Menschen die Backen herunter und vermischten sich mit dem Staub auf der Kleidung. Leichtes Tuscheln war an manchen Stellen des Saales zu hören und schwoll in meinen Ohren zu lautem Rufen.
    "Im Namen des Volkes des Staates Ohio verkünde ich folgendes Urteil. Der Angeklagte, Myrton Franz wird schuldig gesprochen und das Urteil des Gerichts lautet Todesstrafe durch den Strang, bitte setzen sie sich!"
    Hatte ich diese Worte überhaupt gesagt oder war dieses ganze Szenario nur ein böser Alptraum. Die Sekunden wurden zu Stunden, Geschrei im Saal, die Frau des Angeklagten schrie herum, Myrton Franz war in sich versunken am Boden, der Anwalt dessen war auf den Stuhl geklettert und schrie Betrug und Ungerechtigkeit. Plötzlich flog mir ein Maiskolben an den Kopf und ich fiel in meinen Stuhl, Den Gerichtshammer auf den Tisch schlagend schrie ich um Ruhe. Harry schaute mich nur böse an und tat gar nichts, was ich auch verstand, ich verstand mich ja selber nicht. War das die Gerechtigkeit, die ich immer proklamiert hatte oder warf das hier nur eine Gesetzesauslegung der besonderen Art.
    Plötzlich war Ruhe, den Maiskolben von meiner Robe wischend, erwarteten alle meine Begründung des Urteils. Tränen, Spott, Zynismus, Fatalismus, Mitgefühl und Erbarmen kochten hier ihre besondere Suppe, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Nitroglycerin hatte; Konzentriere dich, schoss es durch meinen Kopf:
    „Myrton Franz ist ein besonderer Mensch mit einem starken Gerechtigkeitssinn, doch dieser Wunsch nach Gerechtigkeit nahm in ihm überhand, als er den Massenmörder Fox Gilbert, der aus dem Gefängnis geflohen war, einfach so mit einer Baretta in den Kopf schoss, so dass er starb. Die Begründung, das Mr. Gilbert hier auf dem Marktplatz unserer Stadt das gleiche Szenario veranstalten würde wie in unserer Nachbarstadt Akron, als er dort 8 Menschen niederstreckte mit seiner Schrotflinte, gab ihm noch lange nicht das Recht, das Gesetz in seine eigene Hand zu nehmen, auch wenn dieser seine Flinte mit dabei hatte und es möglich gewesen wäre, das in unserer Heimatstadt das gleiche schreckliche Ereignis passiert wäre. Wenn Fox Gilbert tatsächlich geschossen hätte, dann wäre die Tat richtig gewesen, da es dann Notwehrgewesen wäre. Sie werden fragen, warum ich die Todesstrafe in diesem außergewöhnlichen Fall verhängt habe?? …...

    Ich sah mich selber wie ich die Begründung verlas, konnte nicht glauben, was ich da sah, nicht erinnern, das ich jemals so was erlebt hatte, und zweifelte an meiner Berechtigung zum Richterdienst. Im Innern hatte ich schon abgeschlossen mit meiner Karriere und wollte nur noch weg.
    Am Abend des selben Tages sah man eine Richterrobe am Boden der Geschäftsstelle, der Richterhammer lag oben darauf. Die Putzfrau räumte alles fein säuberlich weg, als wenn
    nichts gewesen wäre...

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    Kann das jemand mit der Schriftgrösse machen, ich bekomme das nicht richtig hin...
    thx für Hilfe

    The post was edited 4 times, last by Didel ().

  • Gesetz

    Schuld, Schuld, Schuld. So ein abstrakter, subjektiver Begriff – habe ich vielleicht Philosophie studiert? Ich bin Jurist, ich habe nur das Gesetz und bin nicht in der Position, es zu rechtfertigen. Ich habe Demut zu üben und mich darauf zu verlassen, dass vergangene Generationen ihre Aufgabe beherrschten, als sie das Rechtssystem so entwarfen, wie es ist – sie werden einen Grund gehabt haben, den Staat Menschen töten zu lassen, auch, wenn er sich mir nicht erschließt. Ich bin Strafverteidiger, nicht Rechtsphilosoph.

    Vor mir sitzt H., dem man vorwirft, einen hilflosen alten Mann getötet zu haben. H. trägt einen der bekannten grellblauen Gefangenenuniformen, seine Hände sind mit Handschellen gesichert. Er sitzt gekrümmt, kauert fast in dem grauen Sessel auf der anderen Seite meines Schreibtisches, der bereits so abgenutzt wirkt wie mein Hemd. Was soll ich machen, die Rolle des Pflichtverteidigers bringt wenig Geld ein... Vor der Tür stehen zwei Wachen, H. gilt als fluchtgefährdet; ich schaue in sein Gesicht. H. wird nicht flüchten, das ist sicher: Seine hellgrauen Augen sind trotzig, sie sehen direkt in meine, H. vermeidet es, zu blinzeln. Trotz seiner gebückten Haltung in meinem Sessel wirkt er gespannt, man könnte sagen, dass er innerlich aufrecht steht. Ich schweige noch, ich will, dass er etwas sagt. Die Akten liegen mir vor, ich kann ein dünnes Plädoyer auf ihnen aufbauen, eine Affekthandlung, werde ich sagen, darauf steht keine Todesstrafe. Aber ich will mit ihm reden.

    H. spricht nicht. Begreift er nicht, dass ich seine einzige Hoffnung bin, zu leben? Er hat Blut an den Händen, er hat den Mord nie geleugnet. Ein heimtückischer Mord ist ein todeswürdiges Verbrechen, ein Totschlag bringt lebenslängliche Haft. Aber H. schweigt weiter, als sei er gezwungenermaßen in meiner Kanzlei; als sei ich nicht sein Helfer, sondern sein Feind.

    Ich entschließe mich, als erster zu sprechen. H., sage ich, es sieht düster aus. Die Jury ist sich doch schon fast einig, sage ich, immerhin haben Sie diesen wehrlosen Alten im Schlaf getötet. Ich kann Ihnen vielleicht helfen, aber Sie müssen mit mir reden, sonst haben sie kaum Hoffnung. Ich dringe auf ihn ein. H., sage ich wieder, reden Sie mit mir! Wir müssen beweisen, dass Sie aus urplötzlicher Raserei gehandelt haben, dann ist es Totschlag, kein Mord, dann werden Sie leben! Notfalls können wir noch versuchen, Sie als psychisch krank darzustellen, rufe ich, dann darf man Sie nicht töten!

    H. schüttelt den Kopf, langsam und ohne den Blick von mir zu wenden. Nein, erwidert er. Ich habe nicht im Affekt gehandelt. Ich habe mit Kalkül gemordet, das Gesetz verlangt, dass ich dafür sterbe. Ich bin nicht psychisch krank, versichert er mir.

    Ich stutze. Ob er nicht leben will?

    H. verneint erneut. Ich habe, so sagt er, seit Jahren mit dieser Entscheidung und ihren Konsequenzen gelebt, ich werde es Ihnen erklären. Ich lausche, und H. erzählt in seiner leisen, ausdruckslosen Stimme.

    Er nahm den Beruf im Altenpflegeheim Maria Hoffnung nur an, um an sein Ziel heranzukommen. Er arbeitete dort für zwei Jahre als Pfleger und Hilfskraft, reinigte Bettpfannen, badete senile Greise, löffelte ihnen Karottengemüse in den Mund. Er ging seinem Beruf ruhig und gelassen nach, unterstützte die anderen Pfleger und diente ihnen mit seiner unerschöpflichen Ausgeglichenheit mehr als einmal auch seelisch als Stütze. Er tat, was man ihm auftrug, verdiente schlecht und wartete. Wartete auf seine Versetzung, die kommen musste und auch kam.

    Man verlegte H., ganz, wie er erwartet hatte, in einen anderen Flügel, den richtigen; den, in dem ein bestimmter, hilfloser alter Mann, demenzkrank und fast blind, auf seinen natürlichen Tod wartete. H. Musste nur in seiner Nachtschicht an das Krankenbett kommen und den Alten erwürgen, er starb nicht so schnell, wie er es erwartet hätte. H. nahm seine Hände erst von der Kehle seines Opfers, als der Herzschlag schon für mehrere Minuten aufgehört hatte. Dann ging H. nach Hause, wo ihn die Polizei einige Tage später verhaftete.

    Ich bin fassungslos; sein Leben ist verwirkt. Der Richter, der Diener des Gesetzes, wird keine Wahl haben, als H. töten zu lassen – das Gesetz sagt es, das Gesetz ist im Recht. Wer kaltblütig tötet, der wird getötet werden, so steht es schon seit es wieder eine Regierung gibt. Ich habe die Pflicht, dennoch für H. einzutreten... Denn auch, wenn mancher meinen Beruf als schlecht bezeichnet, glaubt, ich wäre mit den Gesetzlosen im Bunde, weil ich sie schütze – nur durch diesen Beruf kann das Rechtssystem existieren. Warum, flüstere ich ich, auch, wenn es Nichts zur Sache tut, wertlos ist für den Fall, warum?

    Sie sind der Erste, der das wirklich wissen will, murmelt H. Ich will es Ihnen sagen. Sehen Sie, erklärt er. Der alte Mann musste getötet werden für seine eine Tat, niemand wollte es tun außer mir.
    Warum, frage ich. Er hatte nur noch Monate, vielleicht ein Jahr. Warum warfen Sie Ihr ganzes Leben weg, nur wegen dieser kurzen Zeit.
    Das ist leicht, meint H. Es geht nicht um die Zeit, die dem Anderen bleibt: Es geht um die Frage, ob er bestraft wird oder nicht. Hätte ich ihn natürlich sterben lassen, wäre er nie bestraft worden. H. sagt, das hat er niemals tolerieren können.

    Was hat der Alte getan, frage ich. Warum verdiente er den Tod? Die Akten sagen, er hat nie etwas verbrochen.
    Ich werde versuchen, es mit meinen einfachen Worten auszudrücken, sagt H. Er war kein böser Mensch, aber er war feige. Er war so feige, dass ihn allein diese Eigenschaft zum schlechten Menschen machte.
    Er war nicht böse, frage ich.
    Er war ein wohlwollender Mann, erzählt H., er kümmerte sich um Kinder und liebte seine Familie. Im Krieg damals pflegte er drei verwundete Soldaten gesund. Er wollte nur das Beste für Andere. Aber er war zu feige, sein eigenes Leben war ihm zu wichtig, und ich musste ihn strafen. Kein Gericht würde es je tun, kein Recht kennt sein Vergehen, es blieb nur meine Gerechtigkeit.
    Ich schaudere – die Tatsache, dass einer sein eigenes Recht erschafft und andere darunter leiden lässt, ist mir bekannt. Aber sein Gesetz, obwohl nur von einem Menschen erdacht statt von vielen wie das, nach dem das Gericht urteilen wird, hat wie dieses auch diesen einen Anspruch: Es gebe ein Vergehen, für das ausnahmslos getötet werden müsse. Die meisten Verbrecher hätten ihre Tat wohl nicht begangen, wenn ihr Opfer nur noch Wochen zu leben gehabt hätte, aber diesem geht es ums Prinzip – wie jenen, die das Gesetz einst schrieben.
    Es war kurz nach dem Krieg, berichtet H. Der atomare Staub hing noch in der Luft, gebrochene Menschen wandelten in den Straßen... Der alte Mann war damals viel jünger, er besaß ein kleines Haus. Schon damals war seine Sehkraft schlecht gewesen, deshalb hatte man ihn nicht in die Schlacht geschickt... Er lebte sein Leben so dahin, wegen seiner lichtempfindlichen Netzhaut waren meist alle Lampen aus. Das führte dazu, dass eines Tages eine Gruppe einiger abtrünniger Veteranen, seelisch geschundener Opfer des Krieges, sein Haus für leer hielt und einbrach. Der Mann versteckte sich im großen Kleiderschrank und sah mit Entsetzen, dass die drei eine sich sträubende, schreiende Frau mit sich schleppten. Und Sekunden später bemerkte er das Nächste, das Schreckliche. Neben ihm lag eine Pistole, sogar eine geladene, einer der verwundeten Soldaten, um die er sich gekümmert hatte, hatte sie liegen gelassen. In einem Anfall von Mut nahm der Mann sie und überprüfte das Magazin, es war voll.

    Ich schlucke. Er hat sie nicht benutzt, frage ich. Nein, antwortet H. Die Männer missbrauchten sie stundenlang, sie schrie nur um Hilfe. Die Ex-Soldaten waren ausgezogen, ihre Waffen waren in einem anderen Zimmer. Der Mann hätte eine Chance gehabt. Keine Große, aber er hätte es versuchen müssen, sagt H. Er berichtet mir ins kleinste Detail, wie die Frau gefoltert und gequält wurde, erniedrigt und innerlich zerstört, es dauerte eine Ewigkeit. Irgendwann gingen die Veteranen weg, der Mann kam aus dem Schrank. Er pflegte die Frau gesund, wie H. erzählt, aber sie war dennoch gebrochen, zudem schwanger. H. verschränkt die Arme und sagt, Mutter hat sich davon nie erholt.

    Ich atme flach, ein kleiner Teil von mir versteht H. Aber dennoch ist er ein kaltblütiger Mörder, der einen guten, wenn auch charakterschwachen Menschen erwürgt hat. Ich versuche, meine Arbeit zu tun. H., sage ich, Sie sind durch das Schicksal Ihrer Mutter in eine Psychose geraten, ich lasse das feststellen, dann wird man sie am Leben lassen und behandeln. Ach, Leben, sagt er, mein Leben war vorbei, als ich den Alten tötete. Ich will es nicht mehr, sagt er, und die Untersuchung wird bestätigen, dass ich geistig normal bin, so normal wie die Meisten jedenfalls. Ich sehe in seine Augen, grau, umrahmt von feinen Fältchen, und glaube ihm. Er ist ein kaltblütiger Mörder, er ist nicht krank. Sein Verbrechen verdient den Tod, so sagt es das Gesetz, und er wird hingerichtet werden. Ich, als sein Verteidiger, weiß, dass er sterben muss und soll, denn so sagt es das Gesetz; aber meine Aufgabe ist, ihn zu schützen und zu vertreten. Und ein rebellischer Teil meines Geistes fragt mich, wie das Gesetz die Hinrichtung denn rechtfertigt. Ich lasse H. wegbringen und überlege, ich muss einen Entschluss fällen.

    Zwei Tage später, vor dem hohen Gericht, beginne ich mein Plädoyer. „Meine Damen und Herren Geschworenen, Herr Gerichtsrat! Ich stehe hier in der Sache von H., der vor drei Wochen einen alten, wehrlosen Mann im Altenheim Maria Hoffnung mit seinen bloßen Händen erwürgte. Ich plädiere auf nicht schuldig – H. ist offensichtlich psychisch krank und muss behandelt werden...“

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  • Ich danke Ihnen alle, das Sie heute so zahlreich erschienen. 35 Jahre war ich nun Staatsanwalt. Und nun, an diesem Tag, feiere ich meinen Verabschiedung. Diese 35 Jahre gehen mit dem heutigen Tag zu Ende. Und ich muss sagen, es wahren schöne aber auch schwierige Jahre. Ich hatte Fälle die waren nicht sehr einfach und auch einige, an die denke ich heute noch.
    Und genau einen davon möchte ich gleich zu Beginn meiner Rede mit Ihnen teilen.

    Es war eine kühler Sommertag, als ich die Akte bekommen habe. Ein Junger Mann. Ein ehemaliger Scharfschütze bei der Armee.
    Ihm wurde vorgeworfen aus seinem Fenster einen Mann auf offener Straße erschossen zu haben. So stand es in den Akten und ich klappte den Ordner wieder zu....Mord und Totschlag..jeden Tag. Wann lernt diese Welt was wirklich zählt im Leben. Ja, das dachte ich zunächst, als ich ihn weglegen wollte. Die Verhandlung war in der nächsten Woche angesetzt. Ein Fall wie jeder andere. Zumindest schien es so. Ich ging nach Hause, wollte mich damit erst am nächsten Tag beschäftigen. Schließlich war ich sowieso schon wieder über meiner Zeit und meine Frau wartete mit dem Essen.
    Als ich mich jedoch genauer mit dem Fall beschäftigte, wurden mir erst die Details bekannt. Der Angeklagte sagte selber aus, das er gesehen hatte, wie das Opfer einer jungen Frau auflauerte. Und er wollte ihn nicht erschießen, nur das Projektil traf falsch. Er meinte, sein Visier sei falsch eingestellt werden.
    Jedoch konnte kein weiterer Zeuge sagen, ob da wirklich eine junge Frau war bzw. das von dem Opfer eine Gefahr ausging.
    So war die Sache für mich dann auch klar. Eine billige Ausrede, weiter nichts.

    Als es dann zur Verhandlung kam, blieb der Angeklagte weiterhin bei seiner Aussage. Auch der Verteidiger konnte nichts wirklich sagen, was seinem Mandanten helfen könnte. Ihm fehlten Beweise. Das Gewehr, welches Sichergestellt wurde schaute ich mir vor der Verhandlung auch an. Ein Sachverständiger konnte bestätigen, das ausgegangen von der Höhe des Schützen und des Ziels das Visier richtig eingestellt war. So konnte diese Ausrede auch widerlegt werden.

    Grade als ich meine Plädoyer halten wollte, stürmte ein junges Mädchen den Gerichtsaal.
    Sie wollte unbedingt etwas aussagen, so das der Sitzungsvorsitzende sie bat, auf den Zeugenstuhl Platz zu nehmen.
    Das Mädchen meinte, sie habe das Opfer gekannt. Es war ihr ehemaliger Freund, den sie verlassen hat und er ihr immer auflauerte. So auch an diesem Tag. Als sie ihn sah, wollte sie umdrehen und so tun, als hätte sie ihn nicht gesehen aber da hörte sie auch schon einen Schuss und sah wie ihr Ex zu Boden ging.

    Natürlich glaube ich ihr kein Wort. Nur leider hatte ich ebenfalls keine Gegenbeweise.
    Letztendlich plädierte ich für eine Lebenslange Haft. Die Beweise waren klar: Ein richtig eingestelltes Gewehr, ein klar tödlicher Schuss, der Schütze ein ehemaliger Scharfschütze der wusste was er tut. Und eine unglaubwürdige Zeugin.

    So sahen es auch die Richter. Der Angeklagte wurde verurteilt wegen Verstoß gegen das Kriegswaffengesetz, Mord. Die besondere Schwere der Schuld wurde ebenfalls festgestellt.
    5 Jahre mit anschließender Sicherheitsverwahrung saß er im Bau. Beziehungsweise sitzt er heute noch.
    Zurück in meinem Büro legte ich die Akten beiseite. Ein Fall wie jeder andere. Doch noch heute muss ich daran denken ob meine Entscheidung richtig oder falsch war. Ich weiß es nicht. Vielleicht war das Mädchen doch vertrauensvoll.
    Wenn ich es heute wissen würde, dann könnte ich nun ruhig in den Ruhestand gehen. Aber diese Frage wird mich noch beschäftigen. Lange. Aber genau das bringt dieser Beruf mit sich.

    Bevor wir jetzt aber noch lange grübeln....das Buffet ist eröffnet
  • Wie er da sitzt. So selbstgerecht. Held der Stunde.
    "Beamter stoppt Serienmörder", das haben sie überall getitelt. Und er hat sich auf die Schulter klopfen lassen und mit einem Grinsen für die Kameras posiert. "Wenn die Justiz schläft, muss man selbst zur Tat schreiten." Ha! Wenn jeder selbst zur Tat schreitet wird niemand schlafen können! Auge um Auge; und alle werden blind sein. Trotzdem jubeln sie ihm zu... ich kann die Sprechchöre von draußen hören, die nach seiner Freilassung verlangen. Ich habe die anerkennenden Blicke im Publikum gesehen als er von seiner Tat berichtete. Ist die Welt denn verrückt geworden?
    Dieser Mann hat seine Frau verloren, noch dazu auf bestialische Art. Ich kann ihm sein Verlangen nach Rache nachempfinden... und dennoch... ist er wirklich anders als der Mörder seiner Frau? Ist er nicht. Und er weiß es irgendwo tief drinnen. Ich konnte es in seinen Augen sehen, als ich nach Details der Tat gefragt habe. Ich habe es am leichten Zittern seiner Stimme gehört als ich ihn bat mir zu erklären, warum er diesen Kerl - sie nannten ihn "Den Schlachter" - nicht einfach erschossen hat. Er wollte den Tod dieses Mannes genießen, so wie dieser den Tod seiner Frau genoßen hatte. Er wollte ihn wissen lassen, was für ein Gefühl das war. Und doch... und doch... dieses Grinsen...
    Ich will es ihm aus dem Gesicht schleifen. Mord bleibt Mord, egal wen man tötet. Es war geplant. Er hat ihn zuhause erwartet. Ein Privat Detektiv hatte ihn aufgespührt. Als der Schlachter nach Hause kam - eine alte Bruchbude, ein Holzhaus nach amerikanischem Stil und es sah auf den Bildern so aus als wäre es ach so alt wie die USA - empfing ihn ein Metallrohr. Erst 12 Stunden später starb er... der Gerichtsmedizinische Bericht ist der längste den ich je gesehen habe. Einzig für die Raucherlunge kann ich ihn wohl nicht dran kriegen.
    Schon kurz vor 6 Uhr. Die Richter sollten langsam mit ihrer Beratung durch sein...
    Der Verteidiger hat doch tatsächlich auf Freispruch plädiert. Einen kaltblütigen Mörder freisprechen. Er gesteht die Tat doch sogar! Totschlag soll es gewesen sein, im Affekt, aus Trauer um die Ehefrau. Nach einem halben Jahr ist es kein Affekt. Der Psychologe hat keine strafmildernden Auffälligkeiten festgestellt.
    Und trotzdem schreien sie draußen "Freispruch! Freispruch!". Sie haben teilweise sogar ihre Kinder mitgebracht um für einen Mann zu kämpfen, der aus purem Egoismus auf brutalste Art einen Rachemord begeht.
    Als ich ihn gefragt habe ob er es bereut, hat er mir in die Augen gesehen und "Nein." gesagt. Als wäre es das normalste auf der Welt. "Möchten sie Pommes dazu?" - "Nein." "Haben Sie nie daran gedacht der Polizei mitzuteilen wo dieser man zu finden ist?", hab ich ihn gefragt. "Wozu?", hat er geantwortet. "Damit ihn so ein Psychologenfutzie für unzurechnungsfähig erklärt und er in fünf Jahren wieder frei rum läuft?"
    Und was denkt er, was mit ihm passiert? Bundesverdienstkreuz? Und dieses verdammte Grinsen.
    Ja, der Schlachter war ein Mörder und eine Bedrohung, aber jetzt ist auch er ein Mörder und eine Bedrohung. Sie hatten ihm sogar applaudiert und der Richter musste um Ruhe bitten.
    Ah... die Tür öffnet sich. Ich stelle mich hin, aus Ehrerbietung vor dem Gesetz. Warum stehst du dann auch? Du schehrst dich nicht ums Gesetz. Setzen wir uns also wieder. Die Beschreibung der Urteilsfindung, einer der interessantesten Momente bei Gerichtsverhandlungen - für mich. Man erfährt wie etwas auf die Richter wirkt, was sie in ihrer Entscheidung besonders beeinflusste und - am wichtigsten - ob ich meine Arbeit gut erledigt habe. Sein Grinsen weicht schon ein wenig zurück, sehr gut. Auch im Saal ändert sich die Stimmung, ein paar der zugelassenen Reporter tuscheln.
    Jetzt kommen sie zum Ablauf der Tat. Berechnend, kaltblütig - sehr gut. Die Richter haben verstanden, was ich ihnen sagen wollte. Sein Schwager springt auf und brüllt etwas von verdammten Paragraphen-Reitern und Idioten, sie lassen ihn aus dem Saal entfernen.
    Er lächelt nicht mehr.
    Und jetzt kommt es. Das halbe Publikum springt empört auf, die Reporter rufen ihm irgendetwas zu als er aus dem Saal geführt wird und ich... packe meine Unterlagen ein - mit einem Lächeln im Gesicht.
  • Eine schwere Entscheidung

    Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten von Menschen. Die erste und größte Gruppe führt ein Leben, das von ihrem Beruf, ihrer Familie oder ihren eigenen Bedürfnissen geprägt ist. Sie fristen ein ereignisloses und ödes Dasein, das sich auf ironische Art und Weise in der Redewendung 'Morgen ist ein neuer Tag' wiederfindet. Denn obwohl man an diesen Satz glaubt, trifft er doch kaum zu. Das habe ich zumindest in meinem Leben feststellen müssen. Fast jeder Tag ist bei mir gleich. Ich treffe die gleichen Leute, die mir immer wieder aufs Neue sagen, wie toll sie mich finden. Ich esse immer in der gleichen Kantine zu Mittag und die Fälle, die ich bearbeiten muss bieten kaum Abwechslung. Diese Redewendung müsste also besser lauten: 'Überlege dir gut, ob du einschläfst, denn der morgige Tag wird genauso eintönig, wie der heutige.'
    Zu der zweiten Gruppe von Menschen gehören nur die wenigsten. Sie vollbringen das, was auch ich immer anstrebte. Sie opfern sich für andere auf und helfen ihnen nicht um Profit zu schlagen, sondern weil sie es von ganzem Herzen wollen. Doch ich habe im Laufe meines Lebens erkannt, dass ich für diese riesige Aufgabe nicht geschaffen wurde. Ich habe festgestellt, dass ich niemals der Beste sein könnte. Deshalb habe ich beschlossen, wenn ich jemals so einen Menschen treffe, der genügend Kraft und Mut aufbringen kann und somit einem Menschen das Leben rettet, dann würde ich ihm mit allem in meiner Macht stehendem helfen.
    Heute ist dieser Tag gekommen und ich fühle mich geehrt, vor ihnen stehen zu dürfen, um dieses Plädoyer halten zu können.
    Mein Mandant ist einer dieser Menschen, die sich selber opferten, obwohl sie dabei ihr schönes und nettes Leben aufs Spiel setzten. Er schritt ein, als eine Frau mittleren Alters von einem jungen Mann mit einer Pistole bedroht wurde. An dem Ort des Geschehens war mein Mandant aber nicht der einzige Zeuge. Es waren einige Menschen in der Nähe, die aber anstatt zu helfen, lieber weg schauten. Es ging sie ja nichts an. Warum sollte man einer Person helfen, die man nicht kannte und dabei seine eigene Zukunft zu riskieren?
    Hätten sie geholfen, wenn der Bedrohte jemand gewesen wäre, den sie kannten? Diese Frage hab ich mir oft gestellt, doch ich bin immer auf die gleiche Antwort gekommen. Die meisten Menschen heben ihre eigene Sicherheit über die von anderen. Wenn dieser andere eine bekannte Person ist, wären sie dann in der Lage, ihre ursprüngliche Einstellung beiseite zu legen? Würden sie dann fähig sein, die benötigte Portion Mut aufzubringen, um einen bewaffneten Mann anzugreifen und somit Schlimmeres zu verhindern? Ich denke, dass Menschen, die zu ihrem eigenen Nutzen leben nicht ein einziges Mal auch nur einen Bruchteil von dem Mut aufbrachten, den mein Mandant in dieser Situation an den Tag gelegt hat.
    Als er sah, wie der junge Mann mit der gezückten Pistole auf die Frau zuging, zögerte er keine Sekunde. Er suchte nach einem Gegenstand, mit dem er den Mann außer Gefecht setzen konnte. Mein Mandant fand einen Ziegelstein, der an eine Hausmauer angelehnt war. Damit schlug er dem jungen Mann auf dem Kopf, der sofort zusammenbrach. Leider wurde er so schwer verletzt, dass er ein paar Stunden später im Krankenhaus verstorben ist. Die Frau blieb dabei unverletzt.
    Alle Menschen, die sich in der Nähe des Tatorts befanden, starrten nun mit einem eiskalten Blick meinen Mandanten an, der als einziger nicht weggesehen hatte. Nun war er für alle ein Mörder, obwohl er der Frau das Leben gerettet hatte.
    Nun möchte ich an alle hier im Saal eine Frage stellen: Kann man so etwas Gerechtigkeit nennen? Hier im Gericht kümmern wir uns darum, das alles gerecht ist. Doch wer hat festgelegt, dass so eine Tat Unrecht ist? Jeder Mensch besitzt Vorurteile, die ihm durch die Gesellschaft oder durch die Eltern bereits im Kindesalter eingepflanzt werden. Alle sehen immer sofort das Böse, das Unrechte. Wenn man einen Mensch tötet, dann ist man nicht mehr in der Gesellschaft erwünscht, dann wird man zum Außenseiter. Doch wird ein Menschenleben gerettet, dann nicken alle kurz aus Anerkennung und zollen der Rettung dann aber keine Aufmerksamkeit mehr, weil es einfach viel Interessanter ist, wenn die Polizei nach einem Mörder fahndet als wenn ein Kind aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Ist es gerecht, wenn ein Mord höher gewertet wird als eine Rettung?
    Es gibt so viel Unrecht auf der Welt, aber es gibt nur wenige, die sich ihm stellen. Ein Mensch kann alleine nicht viel erreichen. Doch er kann zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen, indem er nicht weg schaut, sondern hinsieht und hilft.
    Dies ist genau die Art von Menschen, die wir brauchen. Es ist ein harter und anstrengender Weg, den leider nur die wenigsten nehmen. Deswegen müssen wir ein Exempel statuieren. Wir müssen allen zeigen, dass es sich lohnt, wenn man sich für andere einsetzt. Kinder sollen sich ein Vorbild nehmen können, damit sie ihr Leben in die richtige Richtung lenken, und Erwachsene sollen stolz auf diese Personen sein.
    Es gibt zwei Arten von Menschen. Jeder hat die Wahl. Ich habe bereits eine Entscheidung für eine Seite getroffen und bereue sie sehr. Mein Mandant gehört zu denjenigen, zu denen ich aufblicke. Ich habe schon Präsidenten und Firmenbossen die Hand geschüttelt, doch erst jetzt kann ich behaupten, dass ich eine bedeutende Persönlichkeit kennen gelernt habe.
    Deshalb plädiere ich auf nicht schuldig. Aber das Wichtigste ist, dass ihr meinen Mandanten nicht als Mörder seht, sondern als das, was er in Wirklichkeit ist: Ein Held!“
    Plötzlich springen alle Menschen im Gerichtssaal von ihren Sitzen auf und applaudieren mit tosendem Beifall. Ich habe ich ihn meiner ganzen gerichtlichen Laufbahn noch nie erlebt, dass Menschen so von einer Rede mitgerissen wurden. Einige haben sogar Tränen in den Augen und man kann erkennen, dass sie dagegen ankämpfen müssen. Ich muss gestehen, dass ich selten eine so atemberaubende Rede gehört habe. Damit hat sich der Verteidiger des Angeklagten selbst übertroffen.
    Aber das macht mir meine Entscheidung nur noch schwerer. Der ganze Saal steht nun hinter einer Freisprechung. Mich hat diese Rede natürlich auch berührt und ich kann die Argumentation des Verteidigers gut verstehen, doch zuletzt entscheidet das Gesetz.
    Der Angeklagte hat ja nur helfen wollen. Jetzt sitzt er hier in diesem Gericht, zwar nicht als Zeuge, sondern als Angeklagter. Man sagt, wenn man Menschen tief in die Augen schaut, kann man bis in ihre Seele blicken. Ich sah in viele Augen, die mich flehend anstarrten, und konnte bei den meisten genau erkennen, dass sie sich bereits mit einer möglichen Strafe abgefunden haben. Doch in diesem Fall ist es anders. In den Augen des Angeklagten kann ich einen Hoffnungsschimmer erkennen. Er glaubt an eine gerechte Entscheidung.
    Es gibt zwei Arten von Richtern. Zu der ersten Gruppe gehören nur die wenigsten Richter. Sie lassen sich von Gefühlen oder ihrem eigenen Gerechtigkeitsempfinden beeinflussen. Die zweite und größte Gruppe hält sich strikt an das Gesetz. Sie nehmen die Tatsachen hin und gehen dabei kaum auf die Absichten des Angeklagten bei der Tat ein.
    Es gibt zwei Arten von Richtern. Jeder hat die Wahl. Ich muss diese schwere Entscheidung nun treffen.

    The post was edited 1 time, last by Dramweida ().

  • „Das Lied, das im Radio lief, war eines derjenigen, welche heutzutage oft in den sogenannten Hitparaden einen der oberen Plätze erreichen. Ich konnte diese Liebesgeständnisse an ehemalige Lebensabschnittspartner von amerikanischen Pop-Sängerinnen sowieso nie leiden. Ich stellte den Motor ab, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss, wobei das Radio verstummte, löste den Gurt und stieg aus. Die Bäume verloren wie jedes Jahr zu dieser Zeit ihre Blätter. Es war der 17. Oktober 2011 und ich spürte als ich den gepflasterten Weg vom Parkplatz zum Gerichtsgebäude entlang ging schon, wie die ersten Kälteschauer von den Bergen her zogen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, wie schwierig dieser Tag für mich werden würde. Ich betrat das Gebäude, das vor über 230 Jahren aus weißem Marmor inmitten unseres schönen Städtchens erbaut worden war durch den Eingang auf der Rückseite, um der Pressemeute, die am Haupteingang lauerte, zu entgehen. Ich passierte den Metalldetektor, stieg mit etwas Mühe, da ich einen leichten Schmerz im linken Knie verspürte, die Treppen hinauf und betrat gegen 07:50 Uhr meine Kanzlei im dritten Stock des Gerichtsgebäudes. Ich hing meinen beigefarbenen Mantel, den ich immer in der Übergangszeit zwischen Sommer und Winter trug, an dem linken der drei dafür vorgesehen Haken, die hinter der schweren, dunkelbraunen Holztür zu meinem Büro in die Wand geschraubt waren auf und setzte mich an meinen Schreibtisch um noch einmal die Vorfälle des 27. August 2010 zu studieren:
    Dem Angeklagten wurde zur Last gelegt einen Serienmörder, der den Behörden seit mehr als sechs Jahren bekannt war, jedoch immer hatte entkommen können oder aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden musste, mit einem gezielten Schuss in den Kopf, aus nächster Nähe ermordet zu haben.
    Der besagte Serienmörder hatte schon zweimal vor Gericht gestanden, war jedoch immer wieder rückfällig geworden. So auch im Juni 2009 als ihm die Tochter meines guten Freundes – mein Patenkind – zum Opfer gefallen war. Sie war damals elf Jahre alt gewesen und auf dem Heimweg von der Schule als sie von ihm verschleppt, mehrmals missbraucht und schließlich fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden war. Sie war eines von acht Mädchen gewesen, die seinen Schandtaten in den vergangenen Jahren zum Opfer gefallen waren. Ich hatte damals verschwiegen, dass ich mit dem Vater eines Opfers befreundet war, weil ich dachte, eventuell bei einem Gerichtsprozess gegen den Täter dadurch eine härtere Strafe verhängen zu können. Dass das nicht rechtens war, ist mir mehr als bewusst, jedoch kann ich das nun nicht mehr rückgängig machen.
    Auch die zwölfjährige Tochter des Angeklagten, war eines der acht Kinder, das dasselbe Schicksal, wie mein Patenkind ertragen musste. Vor dieser Tat war der Angeklagte der leitende Polizei-Inspektor, welcher gegen den Mörder ermittelt hatte. So war es ihm ein Leichtes gewesen an eine Waffe zu kommen, als er sich elf Monate nach dem Fund seiner Tochter im Stadtpark, dazu entschlossen hatte, ihrem Mörder das Handwerk zu legen. Er hatte ihn schließlich am 27. August 2010 zu Hause aufgesucht – da ihm die Justiz nichts nachweisen konnte, fühlte sich dieser zu Hause sicher – und schoss ihm durch die Lehne seines Ohrensessels in den Hinterkopf, während dieser fern sah.
    Der Angeklagte war, seitdem er sich drei Tage nach dem Vorfall bei der Polizei gestellt hatte, in Untersuchungshaft gewesen und hatte auf seinen Prozess gewartet.

    Jetzt war es so weit.
    Ein Gerichtsdiener rief mich gegen 10:30 in den Saal und ich betrat diesen, wie gewöhnlich, durch die Türe hinter dem Richterstuhl. Die ersten zwei Reihen hinter der dunklen, hölzernen Abgrenzung waren mit Angehörigen und Freunden des Angeklagten, sowie des Opfers gefüllt wobei die Zahl der Verwandten des Angeklagten die derjenigen, die mit dem Opfer verwandt waren etwa um das dreifache überstieg. Einige von ihnen hielten sich Taschentücher vor die mit Tränen gefüllten Augen. Andere blickten die Angehörigen der gegnerischen Partei mit scharfen, durchbohrenden Blicken an.
    Am hinteren Ende des Saals versuchten einige Reporter Fotos durch die halbgeöffnete Türe zu schießen. Einer von ihnen wollte sich zwischen den Sicherheitskräften durchmogeln. Jedoch war bei diesem Prozess die Anwesenheit von Journalisten nicht gestattet, geschweige denn erwünscht und die gut ausgebildeten Wachmänner achteten darauf, dass diese Anordnung befolgt wurde.

    Der Prozess begann.

    Der Staatsanwalt, welcher den Angeklagten des kaltblütigen Mordes beschuldigte, trug seine Rede zuerst vor. Darauf folgte das Plädoyer des verteidigenden Anwaltes. Der Beschuldigte saß mit klarem Blick neben seinem Anwalt und sagte kein Wort. Es machte den Anschein als wüsste er genau, was ihn erwartete. Er blickte seinem Schicksal geradewegs ins Gesicht und zuckte nicht mit der Wimper. Als ich ihn fragte was er zu dem Vorfall zu sagen hatte, begann er den Anwesenden die Geschichte aus seiner Sicht erzählen: Er informierte über die Ermittlungen gegen sein Opfer und dass er ihm mit seinen polizeilichen Aktivitäten zu nahe gekommen war. Er erwähnte die Drohungen die er erhalten hatte, schilderte den Mord an seiner Tochter und wie er daran langsam zerbrochen war. Zum Schluss erzählte er, wie er die Entscheidung gefällt hatte, den Peiniger seines kleinen Mädchens hinzurichten und dass er der Einzige gewesen war, der den Mut gehabt hatte dieses Monster zur Strecke zu bringen. Er versuchte mit keinem Wort sich aus der Sache herauszureden oder die Tat zu leugnen. Ebenso wenig bereute er sie.

    Er war nie auf der Suche nach Gewalt gewesen und hatte nie Mordgedanken gehabt; bis zu dem Tag an dem er seine Tochter auf dem Edelstahltisch in der Gerichtsmedizin liegen gesehen und ihn ein Kollege um eine Identifizierung gebeten hatte. Vor diesem Anblick wollte er alle Eltern bewahren, an deren Töchter sich dieses Monster noch vergreifen hätte können, wenn er sein Treiben nicht beendet hätte. Er war nie ein Gewalttäter gewesen, das wollte er vor allen Anwesenden klar stellen. Er wollte nur diesem Mörder, gegen den die Justiz machtlos war, das Handwerk legen.

    Ich wusste nicht was ich davon halten sollte. Einerseits war ich froh, dass der Fall der acht sogenannten ‘ungeklärten‘ Morde gelöst und der Tod meines Patenkindes gerächt war. Andererseits musste ich Recht sprechen und das hieß, dass ich den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von fünf bis fünfundzwanzig Jahren verurteilen musste. Ich musste mich also entscheiden, ob ich so Recht sprechen sollte, wie es das Gesetz vorschrieb, oder ob ich das in mich gelegte Vertrauen missbrauchen sollte, um ihn mit einer geringeren Strafe davonkommen zu lassen.
    Ich befragte noch einige Zeugen, die aber nur vage mitteilen konnten, was an dem besagten Abend des 27. August vorgefallen war: Nachbarn hatten einen Schuss gehört, aber niemanden gesehen. Ein Angehöriger des Angeklagten versuchte ihm ein Alibi zu verschaffen, indem er mir weismachen wollte, er hätte ihn an einem ganz anderen Ort gesehen. Als ich ihn ermahnte, dass er vor Gericht verpflichtet wäre die Wahrheit zu sagen und dass er für eine Lüge eine Geldbuße oder sogar eine Freiheitsstrafe bekommen könnte, änderte er seine Aussage und sah ein, dass es zwecklos war einen Geständigen zu schützen.
    Um 15:45 zog ich mich mit dem Staatsanwalt und dem Strafverteidiger zurück, um eine Entscheidung in diesem äußerst schweren Fall zu treffen. Um 17:00 betraten wir wieder den Gerichtssaal um das gesetzliche Urteil zu verkünden.
    Ich war der Ansicht, dass der Angeklagte kein Wiederholungstäter war. Bei dem Mord war Rache das Motiv gewesen und auch wenn er keine Reue zeigte, war mir klar, dass er nicht noch einen Mord begehen würde. Somit trug ich den Anwesenden das Urteil vor:
    Da der Angeklagte sich geständig zeigte – dass er keinerlei Reue verspürte vernachlässigte ich – verurteilte ich ihn zu der Mindeststrafe von fünf Jahren Freiheitsentzug, der in der städtischen Justizvollzugsanstalt abzuleisten war – davon drei Jahre ohne Bewährung. In diesem Moment sah ich Freude und Erleichterung in den Gesichtern der Angehörigen des Angeklagten aufkommen. In den Gesichtern der Verwandten des Opfers war es Enttäuschung, dass das Urteil nicht härter ausgefallen war. Desweiteren musste sich der nun Verurteilte in einer wöchentlichen Sitzung, während der ersten drei Jahre, einer Behandlung durch einen Psychologen unterziehen. Danach müsste dieser beurteilen, ob er die übrigen zwei Jahre auf Bewährung freigelassen werden würde.

    Mit meinem Urteilsspruch versuchte ich Recht zu sprechen und gleichzeitig mein Verlangen nach Gerechtigkeit zu befriedigen.
    Aber war es auch rechtens, dass ich nur die Mindeststrafe verhängt hatte?
    Machte ich mich dadurch selbst strafbar?
    Habe ich gesündigt?
    Ich wollte nichts falsch machen, aber gegen einen solchen Serientäter, der die Justiz mehrere Male hinters Licht geführt hatte, war einfach kein Kraut gewachsen.
    Helfen Sie mir Vater.
    Was soll ich tun?“

    Titel:
    Beichte eines Richters

    ©FB-2011
  • Ah! Welch Schönheit sich den müden Augen in den letzten Augenblicken des Abends offenbart, wenn die Sonne den Himmel feuerrot entfacht, bevor sie hinter den Horizont versinkt! Ich stand auf der Spitze eines Turm um ein letztes Mal Zeuge dieses Schauspiels zu werden und anschließend zu springen.

    Ich hielt für einen Moment inne, recht allein auf dem Boulevard der Königin Marija in Kragujevac im dumpfen Licht der Sonne, mein Atem kondensierte an der kalten Luft des Oktobermorgens. Eine Unruhe hatte mich befallen, scheinbar aus dem nichts auftauchend, ein Gefühl das ich nicht einordnen konnte. Es war nicht die allgemeine Angst und Beklemmung, die das Land die letzten Jahre beherrschte, nicht das Gefühl der Ohnmacht unter der Besatzung. Deutschland war besiegt, Berlin lag in Trümmern und Japan war vernichtet. Belgrad war durch die Partisanen unter dem Genossen Tito befreit worden, aus eigener Kraft aus den Fängen der faschistischen Mörder entrissen! Der Stern des Sozialismus leuchtete von der Flagge des neuen Staates Jugoslawien auf graue, entvölkerte Städte. Und ebenjener Sozialismus gab sich die größte Mühe den Sieg über den Faschismus nur als ersten Schritt hin zu einer goldenen Zukunft darzustellen was vom Volk nur allzu gern aufgenommen wurde. Schmach, Leid und Schmerz hatten die letzten Jahre der Menschen bestimmt, es war ihnen nur recht sich jetzt der Begeisterung und dem kollektiven Zorn hinzugeben. Es gab mehr als genug Gründe unruhig zu sein, aber das war es nicht. Nein, ein Prozess war es, mein Prozess. Das Nationalkomitee der Befreiung Jugoslawiens hatte mich zum Pflichtverteidiger eines Kollaborateurs berufen, dem an diesem Oktobertage in Kragujevac der Prozess gemacht werden sollte.

    Ich war Dozent an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität in Belgrad, zumindest bis die Nationalsozialisten das Land besetzt hatten. Es war gefährlich für Intelektuelle in der Hauptstadt und es wurde zunehmend gefährlicher als der Widerstand sich schnell im ganzen Land ausbreitete, jede Sühneaktion trieb mehr Menschen in den Widerstand, jede Barberei löschte ein weiteres Stück Menschlichkeit in ihren Widersachern. So floh ich aufs Land in die Berge Südserbiens, in die entlegenen Dörfer, die die Nationalsozialisten nicht alle konrollieren konnten, obwohl sie nur zu gut wussten, dass sich dort die Partisanen versteckten und schloss mich einer kleinen Partisanengruppe an, die die wichtige Nachschubrute der Italiener und Deutschen in Richtung Griechenland ins Visier nahm: Eine Bahnstrecke die auf direktem Wege von Ungarn aus über Belgrad, Nis und Skopje bis nach Thessaloniki führte. Das Glück verließ meine Truppe nicht, wir wurden nie geschnappt, unsere Verluste hielten sich in Grenzen, wobei ich nicht umhin komme mich zu fragen, wie zynisch diese Redewendung doch ist. Was zur Hölle sollte diese Grenze des Vertretbaren sein?

    Ich musste den Kopf schütteln um das Unbehagen abzuschüttelt, fast als wäre es eine lästige Fliege. Das Gerichtsgebäude war nicht mehr fern, ein Provisorium, wie so vieles in dieser Zeit. Man hatte einen Saal im Rathaus hergerichtet, im Keller war ein Raum zur Unterbringung der Beklagten für die Prozesstage ausgewählt worden, ehemalige Partisanen die nun in der neugeschaffenen Volksarmee dienten bewachten die Eingänge zum Rathaus und besonders die Zelle im Keller. Die Tür war entfernt worden, eine Glühbirne brannte ununterbrochen, der Raum war bis auf eine Pritsche vollkommen leer: zu groß war die Angst, der Mann könnte sich in einem unbeobachteten Moment etwas antun und sich so dem Gericht enziehen. Für die letzte Unterredung mit seinem Verteidiger vor dem letzten Prozesstag hatte man noch einen Stuhl herbeigeschafft und neben die Pritsche gestellt. Der Beklagte lag schweigend mit verschränkten Armen auf ebenjener als Dobrivoje die Zelle betrat. Unzählige Male schon hatte ich mich auf diesen Stuhl gesetzt, meine Aktentasche neben sich auf den Boden gestellt und einen Stapel Akten sorgfältig auf meine Knie gelegt nur um keine halbe Stunde später schon wieder zu gehen. Unzählige Male schon hatte ich versucht meinem Mandaten klar zu machen, in was für einer Lage er sich befand, was ihm als Kollaborateur drohte, nie hatte er geantwortet. Monatelang weigerte er sich nun schon überhaupt einen Kommentar zu den Reden seines Anwalts abzugeben, als ob er sich nicht im Geringsten dafür interessierte. Seit er vor zwei Jahren in Kragujevac verhaftet wurde schwieg er. Es war ohnehin nicht nötig seine Worte zu hören, das Gericht hatte die Beweisaufnahme nach der Sichtung der Hälfte des Materials der Staatsanwaltschaft geschlossen, seine Schuld war unwiderlegbar in den akribisch geführten Akten der deutschen Besatzung dokumentiert, die den Partisanen bei der Befreiung der Stadt in die Hände gefielen waren, bevor sie vernichtet oder weggeschafft werden konnten. Möglicherweise war nie geplant gewesen sie zu vernichten, die abscheulichste Deportation wurde in den Akten mit einer unheimlichen Selbstverständlichkeit und Nüchternheit dokumentiert, als handelte es sich um die Inventur einer Gärtnerei.

    Was sollte ich schon zu der Verteidigung seines Mandanten sagen? Selbstverständlich hatte ich aus dem Wust an Akten all jene herausgesucht, die in irgendeiner Weise seine Handlungen relativierten, abschwächten oder sonstirgendwie ein positiveres Licht auf ihn warfen, aber sie waren rar. Ich wusste nur zu gut, was von einem korrekten Verfahren in diesem Falle abhingt, auf gar keinen Fall durfte das Gefühl aufkommen, der neuen Regierung sei einzig und allein das Ergebnis wichtig. Seine Verachtung schluckte ich also herunter, ebenso den Hass, der sich in den letzten Jahren aufgestaut hatte, die Rache hatte der Gerechtigkeit zu weichen.

    „Ich nehme an Sie werden auch heute nicht mit mir reden. Mir soll es gleich sein, ich werde müde Ihnen zu erklären, dass ich hier bin um Ihnen zu helfen, soweit mir das als Anwalt möglich und gestattet ist.“

    Ich sagte das ganz beiläufig und blickte nicht von meinen Papieren auf.

    „Sie wissen was Ihnen droht. Ich versuchte Sie zu verteidigen soweit das ohne Kooperation Ihrerseits möglich ist, ich habe getan was ich konnte, und ich will ehrlich sein: Ich sehe keinen anderen Ausgang als die Todesstrafe. Sie tragen als hochrangiger Funktionär der Kollaborationsregierung in Kragujevac die Verantwortung für die Organisation der Sühneaktionen für getötete oder verwundete Wehrmachtsangehörige, allein das reicht für die Todesstrafe, von der Organisation der Deportation der Juden und Roma dieser Gegend ganz zu schweigen. Geständnis und Reue hätten ihnen vielleicht den Strick erspart. Im Falle einer Verurteilung wird das Urteil rasch vollstreckt werden, Sie sollten Sich auf höchstens eine Woche Zeit einstellen. Ich werde morgen früh noch einmal hier sein und letzte Dinge mit Ihnen besprechen, bzw. die letzten Dinge erzählen, ob es Sie nun interessiert oder nicht.“

    Der Beklagte öffnete die Augen und richtete sich auf seiner Pritsche auf.

    „Was nützt eine Entschuldigung?“

    Ich schaute nun seinerseits von den Papieren auf, nach Monaten der Stille hatte ich nicht mehr mit einer Antwort gerechnet.

    „Was es nützt? Es bewahrt Sie vielleicht vor einem gebrochenen Genick, wenn sie sich keinen Nutzen für ihr Gewissen und ihr Seelenheil vorstellen können. Es lindert vielleicht den Schmerz hunderter Eltern, deren Kinder aus der Schule zur Erschießung geführt wurden, wie wäre es damit? Es ist wahrlich erstaunlich, dass Sie es noch wagen soetwas zu fragen. Ihr Stolz und der Überlegenheitsdünkel den sie seit Monaten an den Tag legen sind beinahe so widerlich wie ihre Taten selbst. Mein Amt gebietet es mir sie vor Gericht zu verteidigen so gut es geht, aber es verbietet mir nicht sie zu verachten.“
    Der Beklagte ließ sich von dem Gefühlsausbruch seines Verteidigers nicht beeindrucken. Ich war an dieser Stelle vielleicht etwas zu weit gegangen, aber ich war überrascht und überrumpelt, die Möglichkeit eines Wortes von ihm war mir nicht mehr in den Sinn gekommen.

    „Halten Sie mich für befangen, wenn es ihnen Freude bereitet, um den Prozess zu kippen ist es zu spät. Aber nein... Nein, das werden sie nicht tun. Wieso sollten sie das jetzt noch tun? Würden Sie sich für ihr Leben interessieren, hätten Sie es schon lange tun können. Ich frage mich also was sie wollen. Wollen Sie sterben? Ist das der Grund warum Sie schweigen? Eine perfide, kranke Art Reue zu zeigen? Oder wollen Sie doch nur die Opfer verhöhnen? Ich weiß es nicht. Denken Sie gelegentlich an all die Menschen die ihretwegen den Tod fanden?“

    Es wäre möglicherweise besser dieses Subjekt einfach dort liegen zu lassen, aber ich war auf eine seltsame Art und Weise fasziniert und interessiert. Er scheint jetzt zumindest etwas sagen zu wollen, und sei es auch nur eine profane Provokation. Trotz all der Verachtung konnte ich nicht bestreiten, dass ich verstehen wollte, wie kommt ein Mensch dazu seine Landsleute derart zu verraten? Wie konnte er so bereitwillig kollaborieren? Er hatte keine Familie, die er hätte schützen müssen. Er war allein, völlig allein. Um sein eigenes Leben hätte er nicht fürchten müssen, wäre er einfach unauffällig geblieben. Sein Blut war „rein“, soweit das für einen Angehörigen der „slawischen Rasse“ möglich war.

    „Was haben Sie während des Krieges gemacht? Wo waren Sie?“

    Ich antwortete nicht sofort und tat so als würde ich die Akten sortieren.

    „Ich glaube nicht, dass sie das auch nur im Geringsten angeht. Ich bin nicht hier um aus meinem Leben zu plaudern. Haben Sie noch etwas zum Prozess zu sagen?“
    „Oh, nein, natürlich nicht. Rein geschäftliche Appelle an das Gewissen des Monsters im Namen des Sieges der Moral! Betrachten Sie es als meinen letzten Wunsch, Dobrivoje Mihajlovic, wie könnten Sie das einem sterbenden Mann versagen?“

    Er provozierte mich offensichtlich, und ich gab mich hin.

    „Ebenjener Moral zum Sieg verholfen. Ich gab meine Position an der Universität in Belgrad auf um den Untergrund zu unterstützen, noch bevor ich von der Universität geworfen werden konnte. Wie viele Professoren haben Sie eigentlich von der Universität in Kragujevac werfen lassen? Die Hälfte? Ha! Ich hatte nicht im Geringsten die Absicht vor den Nazis zu Kreuze zu kriechen und mich ihrem abartigen sogenannten Lehrbetrieb zu unterwerfen. In den Bergen im Süden um Vranje stieß ich zu einer Truppe junger Partisanen. Wir kämpften für unsere Familien, für unsere Freiheit, für das Vaterland. Wir waren die göttliche Gerechtigkeit, der gerechte Zorn des Volkes gegen die Invasoren. Ohne uns wäre das Land noch heute in den Fängen der Faschisten, man würde noch heute die Alten, Frauen und Kinder in den Tod marschieren lassen, weil sie einer kranken Ideologie nach minderwertige Wesen sind. Wir haben die Bahnstrecken gesprengt, mit denen das Kriegsgerät nach Griechenland verfrachtet wurde und den Alliierten den Weg für die Invasion Griechenlands freigemacht. Wir sind eure Nemesis.“

    Der Beklagte setzte sich auf seiner Pritsche auf bevor er antwortete.

    „An dieser Gerechtigkeit ist nichts Göttliches. Sie machen mir nichts vor, ihre Sicherheit ist nur Fassade, nicht wahr? Eine zwanghafte Versicherung, dass man das Richtige getan hat, das es sich lohnte zu tun, was man getan hat. Dass es kein Fehler war, ja, es geschah ja für ein höheres Gut und gegen das Böse! Sie haben sogar recht, ja, sie kämpften gegen das Böse. Wer sollte das Böse hervorbringen wenn nicht der Mensch selbst, das sogenannte Geschenk des freien Willen führt zwangsläufig zur Katastrophe, der Glaube an eine höhere Macht und unsere besondere Beziehung zu diesem Wesen zwangsläufig zu dem Glauben, dass man ebensogut selbst die höchste Macht sein kann. Mächtig über Leben und Tod, Moral und Sitte. Solange diese Menschheit existiert wird sie sich selbst der Wolf sein. Wer Macht spürt, wird Seinesgleichen nicht verschonen. Aber wir sind nicht göttlich. Unsere Macht ist wie eine schrecklich brennende Flamme, mächtig, aber vergänglich. Der Unterdrücker wird am Ende dem Unterdrückten unterliegen um einer neuen Generation von Unterdrückern Platz zu machen.
    Sagen Sie mir, hören Sie nachts die Stimmen der Kinder, die zur Erschießung geführt werden? Hören Sie wie sie ihren Namen rufen? Was sagen sie? Warum habt ihr uns nicht gerettet? Oder etwa doch: Warum habt ihr nicht eingehalten? Sie hatten es in ihrer Hand. Für jeden toten Deutschen würden einhundert Einwohner sterben, das hat man ihnen gesagt, doch sie haben über die Konsequenzen ihres Handelns hinweggesehen und doch weiter gekämpft für die Freiheit als Ziel! Jeder wird ihnen sagen, dass sie nichts Anderes hätten tun können, ja dürfen! Sie hätten sich nicht erpressen lassen dürfen, es ist nicht ihre Schuld! Ja, das sagt ihnen der Verstand, aber auch das Herz? Wie fühlen Sie sich dabei? Ist es nicht so, dass sie sich verantwortlich fühlen für den Tod dieser Kinder in Kragujevac? Was nützt der Verstand schon einem irrationalen, fühlenden Wesen. Die Freiheit wird teuer erkauft, teurer als die Vorstellung der meisten reicht, und niemand kann sich aussuchen, in welchen Zeiten er leben muss. Ich mag mich dem Teufel freiwillig hingegeben haben, aber Sie mussten einen Pakt mit dem Teufel schließen um mich zu kriegen. Und nun werden Sie verstehen, warum ich hier nur liege und schweige. Mit diesen Gedanken muss ich nicht leben, die Entscheidung wird mir abgenommen. Sie aber werden leben müssen.“

    Der Beklagte legte sich wieder auf seine Pritsche und starrte regunglos an die Decke, ich verließ schweigend und gefühllos mit meiner Tasche den Raum.

    Ein Justizbeamter hieß die Anwesenden im Saal sich zu erheben, der Richter hub an ein Urteil zu sprechen.

    „Branko Nedic, das Gericht befindet sie der Beihilfe zum Mord im unzähligen Fällen, der Beihilfe zu Totschlag, Freiheitsberaubung, Folter und des Raubes für schuldig, desweiteren befindet das Gericht sie der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, der Kollaboration und des Hochverrats für schuldig. Sie werden den Tod durch den Strang erleiden. Das Urteil ist nach Verkündung rechtskräftig, die Entscheidung dieses Sondergerichts können Sie nicht anfechten. Die Verhandlung ist geschlossen.“

    Ohne sichtbare Regung hatte Branko das Urteil vernommen, er wurde fortgeführt, ich sah ihn nie wieder. Noch an diesem Abend sollte das Urteil vollstreckt werden, mein Prozess war beendet. Ich verließ den Saal und das Gebäude in Richtung des höchsten Turm in dieser Stadt, stieg die Treppen hinaus und erwartete den Sonnenuntergang. Ah! Welch Schönheit sich den müden Augen in den letzten Augenblicken des Abends offenbart! So stand ich also oben und wollte springen. Die Sonne versank hinter dem Horizont, unbeeindruckt von den Ereignissen auf der Erde die sie beschien.