Harald Schnutenbeck <Arbeitstitel>

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  • Harald Schnutenbeck <Arbeitstitel>

    Enthält NC17-Komponenten

    Kapitel 1


    Ring ring. Ring ring.
    “Schnutenbeck, am Apparat.” Die Stimme klang beliebig, obwohl sie durchaus energiegeladen zu sein schien. Sie gehörte zu einem Mann, der – Anfang 50, verheiratet, kinderlos – eine einmalige Zurschaustellung von Gewöhnlichkeit darbot.
    Harald Schnutenbeck saß in seinem Büro, dass er sich mit 2 weiteren Kollegen teilte. Sein Büromaterial war stets ein wenig durcheinander, aber man konnte immer zügig das jeweils benötigte finden. Sein Desktop hatte die windowstypische „Idylle“ als Hintergrund, die Tastatur – gepflegt und nicht unansehnlich oder unhygienisch – lag in fast schon genormten Abstand zum Monitor. Sein Tacker hatte immer genug Nadeln, ein Ersatzpaket immer in der zweiten Schublade von oben im rechten Wägelchen. Ein kleiner Magnet hielt die Büroklammern an ihrem Platz, ein Stiftebecher sorgte dafür, dass kein Kugelschreiber verloren ging und immer etwas zum Schreiben bereit lag.
    Genau das tat Harald Schnutenbeck in diesem Moment. Den Hörer in der linken Hand, schrieb er hastig aber dennoch lesbar mit, welche Wünsche sein Gesprächspartner äußerte. Mit einem leisen Lächeln und ein kaum hörbaren Seufzen legte er eine Minute später den Hörer wieder auf den Apparat und vervollständigte seine Notizen.
    Nun stand der Mann im grauen Anzug und mit der in einem anderen Grauton gehaltenen Krawatte auf. Sein Blick schwankte kurz suchend durch den Raum, bis seine blassgrünen Augen das Ziel ihrer Wünsche erblickten. Harald Schnutenbeck ging zu seinem Kollegen hinüber und legte ihm seine soeben angefertigten Notizen auf den Platz. Geduldig wartete er, bis sein Kollege ihm Aufmerksamkeit zumaß und nach wenigen kurzen zusätzlichen Worten setzte sich Harald Schnutenbeck wieder erneut auf seinen Platz.
    Mit einem kurzen Griff in sein langsam ergrauendes und auch schon von den ersten Andeutungen des altersbedingten Haarausfalls gekennzeichneten Haupthaar, versuchte er sich daran zu erinnern, was er soeben vergessen hatte. Nur kurze Zeit später fand er sich auch schon auf dem Weg zum Aktenschrank wieder, um Einsicht in eine alte Geschichte zu nehmen. Es war ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag im gewöhnlichen Leben eines scheinbar durchweg normalen Menschen.

    „Harald?“ Der Kollege, dem er vorhin seine Notizen herübergegeben hatte sah und sprach ihn an. „Wir wollen heute mit den Kollegen aus der Buchhaltung weg gehen. Vermutlich ins „Deadend“. Da wollte ich dich fragen, ob du nicht mitkommen magst.“ Der andere Kollege verzog kaum merklich das Gesicht, sagte jedoch nichts. Diese Reaktion war nicht allzu verwunderlich. Harald Schnutenbeck war nicht als Partylöwe bekannt. Auch nicht als Stimmungskanone. Eigentlich war es schon verwunderlich, dass sie sich untereinander duzten. Aber es war nun einmal nicht unbedingt förderlich, wenn man Kollegen ausgrenzte. Fragen musste man da schon auch die eher unbekannten oder ungeliebten Mitarbeiter.
    Es verwunderte jedoch niemanden als Harald ablehnte. Er habe heute Abend etwas für seine Gattin geplant. Er ließ sich sogar zu einem vielsagenden Zwinkern hinreißen.
    Verständnisvoll und nicht zwangsläufig enttäuscht wurde diese Antwort zur Kenntnis genommen und sich dann wieder dem Alltagsgeschäft zugewandt.
    Kurz in Gedanken versunken strich sich Harald Schnutenbeck über seine Krawatte. Ein Geschenk seiner Frau. Er mochte diese Krawatte. Sie hatte so ein festes Gewebe, hielt richtig was aus. Und verzog sich auch nicht, wenn man einmal ein wenig stärker daran zog. Seine Frau hatte ihm damit vermutlich etwas für die Ewigkeit geschenkt. Für den Rest seines Lebens würde er wohl Gefallen daran finden.
    Es war bereits 15 Uhr. In 2 Stunden hatte Harald Schnutenbeck endlich Feierabend. Ein Tag wie jeder andere. Doch Harald hatte noch Großes vor. Zumindest für seine Verhältnisse.


    Ring ring. Ring ring.
    “Schnutenbeck, am Apparat.” Doch diesmal war es kein Kunde, der ihn angerufen hatte. Sein Chef – oder genauer gesagt: seine Sekretärin - hatte die interne Durchwahl benutzt um ihn in das Büro in der obersten Etage des 14stöckigen Hauses zu bestellen.
    Harald Schnutenbeck ordnete also noch kurz seinen Schreibtisch, richtete seine Krawatte, zupfte an seinem Hemd und machte sich dann auf in Richtung Büro des Chefs. Harald hatte nicht den Hauch einer Ahnung, weshalb er dorthin gerufen wurde, doch er führte einfach aus, was von ihm verlangt wurde.
    Bei der Sekretärin angelangt, musste er noch einige Minuten warten, bis er schließlich hineingebeten wurde.

    „Herr Schnutenbeck, nehmen Sie doch Platz.“ Kein Wort des Grußes. Harald Schnutenbeck bemerkte dies zwar, konnte es jedoch nicht richtig interpretieren. Wenn er es vermocht hätte, wären die folgenden Worte nicht wie Hammerschläge auf ihn niedergeprasselt. So antwortete er nur mit einem „Vielen Dank“ und einen interessiert-fragenden Blick.
    „Nun Herr Schnutenbeck, können Sie Sich vorstellen, warum ich Sie hierhergebeten habe?“
    Harald Schnutenbeck konnte das nicht. Er wirkte irritiert. Mit einem leichten Kopfschütteln verneinte er ungläubig und gespannt der Dinge die da kommen mochten.
    „Ich will nicht lange drum herum reden. In Ihrer Abteilung kommt es zu Entwendungen von Firmeneigentum. Dinge, die von Ihnen bestellt wurden, sind nicht vorhanden und werden auffällig häufig beziehungsweise nach auffällig kurzer Zeit nachgeordert. Ich muss deshalb davon ausgehen, dass Sie Firmeneigentum entwenden oder entwendet haben.
    Das kann in einer ordentlichen Firma wie der unseren nicht angehen. Das Vertrauensverhältnis zu Ihnen ist zerrüttet. Deshalb muss ich Ihnen die fristlose Kündigung aussprechen.“
    Harald Schnutenbeck hatte nur halb zugehört. Erst bei den Worten „fristlose Kündigung“ schnappte er nach Luft. Wie konnte es dazu kommen? Er hatte hin und wieder bei Kollegen mitbekommen, dass sie sich über die hervorragende Gewichtslage der Tacker unterhielten oder gerne mal einen Kugelschreiber auch in die Hosentasche steckten. Doch er hatte nie etwas mitgenommen. Er war ein ehrbarer Mann. Und nun das. Er war arbeitslos. Hätte man ein Mikrophon im Kopf von Harald Schnutenbeck installiert, man hätte ein Zerklirren wie von Glas aufnehmen können. In ihm brach eine Welt zusammen. Seine Welt. Seine Zukunft. Wie sollte er das seiner Frau beibringen? Wie sollten sie die Hypothek für das Haus schultern?
    Seinen Chef zu überzeugen, dass er unschuldig war, kam ihm nicht in den Sinn. Er hatte es bereits akzeptiert. Er war ein guter Angestellter gewesen. Der Chef hatte seine Entscheidung mit Sicherheit mit Bedacht getroffen. Ihn umzustimmen wäre also vermutlich eh sinnlos gewesen.

    Mit hängendem Kopf ging Harald Schnutenbeck zurück in sein nun ehemaliges Büro und packte seine Tasche. Mit einem „Ich bin dann mal weg“ verabschiedete er sich noch kurz von den Kollegen, ohne sie in seine Welt mit einzubeziehen. Er stieg in seinen Kleinwagen – erst heute morgen hatte er noch vollgetankt – und fuhr zu seinem Haus. Noch war es sein Haus. Das Radio im Auto schaltete er jedoch aus. Gedankenverloren folgten seine Neuronen ihren eigenen Bahnen, das Fahren lief unterbewusst ab. So bemerkte er auch nicht, dass eine Frau mittleren Alters sich zwischen den Fahrzeugen hindurchwuselte. Vollbeladen mit Einkaufstaschen – anscheinend plante sie ein opulentes Abendessen mit ihrem Gatten – achtete sie mehr darauf, dass die Eier nicht aus der Plastiktüte fielen, denn auf den Verkehr. Nur aus den Augenwinkeln versuchte sie sich abzusichern, bevor sie über die Straße huschte. Doch die Straße war nicht gut einzusehen und Harald Schnutenbeck hatte kein Tagfahrlicht eingeschaltet.
    Und so ereignete sich, was gemeinhin als tragischer, überflüssiger und unnötiger Unfall bezeichnet wird. Harald Schnutenbeck erwischte die Frau frontal. Die Eier fielen derart plötzlich beschleunigt auf den Boden und zerbrachen. Die Schale war mehr als nur zersplittert – gerade zu zertrümmert. Das Eigelb war zerstört und rannte, vermischt mit dem Eiweiß auf den Asphalt. Der Straßenbelag war verschmiert von Farben und unterschiedlichen Massen. Die Frau war sofort tot. Ihr Körper erlitt ein ähnliches Schicksal wie die von ihr gekauften Eier.
    Harald Schnutenbeck erstarrte hinter dem Lenkrad, als er bemerkte, dass er soeben eine Frau überfahren hatte. Doch in seinem Schock erwischte er das falsche Pedal, statt zu bremsen beschleunigte er noch weiter. Bis er diesen Umstand bemerkte, war er bereits vorbeigefahren. Kehrt zu machen, um nach der Frau zu sehen, kam ihm nicht in den Sinn. Und so beging Harald Schnutenbeck – Anfang 50, verheiratet, kinderlos, arbeitslos – Fahrerflucht. Heute war freilich nicht sein Tag. Was würde seine Frau bloß dazu sagen?
    Er fuhr weiter, verwandte noch keinen Gedanken darauf, was nun in Zukunft mit ihm geschehen würde. Und dass sein Auto ein Unfallwagen war, interessierte ihn nun auch nicht. Harald Schnutenbeck näherte sich seinem Haus, oder viel eher dem Haus seiner Bank, öffnete die Garage und setzte den Wagen hinein. Er stellte leicht verwundert fest, dass das Auto seiner Frau fehlte. Doch Harald Schnutenbeck hatte auch hierfür eine Erklärung parat. Sie würde wohl noch ein paar Besorgungen machen, wie sie es so häufig tat.
    Im Haus angekommen merkte er, dass ihr Mantel fehlte – der beige-braune mit dem so dezent verzierten Gürtel. Doch es war kalt draußen, Harald konnte es gut verstehen, dass sie den Mantel angezogen hatte.
    Seine Beine führten ihn in Richtung Kühlschrank, aus dem er sich ein kühles Bier nahm und anschließend in ein Glas füllte. Mit dem Gerstensaft in der Hand legte er sich auf die Couch im Wohnzimmer, den Fernseher schaltete er auf den Lokalsender, um ein wenig mit den Gedanken abschweifen zu können. Er hatte noch immer nicht begriffen, was er getan hatte. Seine Augen wanderten auf dem Bildschirm hin und her, doch er sah nicht hin.
    Die Sendung endete und eine andere begann. Gedanken jagten in Harald Schnutenbecks Kopf einander, doch keiner erreichte sein Ziel und keine Erkenntnis reifte in ihm. Er vegetierte zu diesem Zeitpunkt nur vor sich hin.
    Auch die nächste Sendung endete, bevor Harald Schnutenbeck sie auch nur bemerkt hatte. Es folgten die Nachrichten. Harald saß bereits fast zwei Stunden auf der Couch mit seinem unberührten und mittlerweile lauwarmen Bier in der Hand. Dass seine Frau noch nicht zurückgekehrt war, war ihm noch nicht aufgefallen. Zu beschäftigt war er mit seinen Gedanken. Doch das monotone Gebimmel zu Beginn der Nachrichten ließ ihn auf den Fernsehschirm blicken und ihn auch die dortigen Worte und Bilder aufnehmen.

    „Gesucht wird ein grauer Kleinwagen mit örtlichem Kennzeichen, der Fahrerflucht begangen hat. Gisela S. wurde beim Überqueren der Kleisemeser Straße angefahren und tödlich verletzt. Der umgehend eingetroffene Notarzt konnte lediglich noch den Tod feststellen. Todesursächlich ist ein Trümmerbruch des Schädels und schwere innere Blutungen in Folge des Zusammenstoßes. Da keine Bremsspuren gefunden werden konnte, geht die Polizei von einem Verbrechen aus. Helfen Sie deshalb mit. Zeugenberichten habe ein grauer Kleinwagen mit örtlichem Kennzeichen Gisela S. angefahren.“

    Mit einem Mal bemerkte Harald Schnutenbeck, dass er alleine zu Hause war. Seine Gisela hätte langst wieder da sein müssen. Wieviele Giselas gab es eigentlich in ihrer Stadt ? Als hätte jemand einen Schalter umgelegt wurde Harald Schnutenbeck in einem Zuge offenbar, wen er da auf seinem Heimweg angefahren hatte. Er hatte seine eigene Frau getötet. Tränen brachen aus ihm heraus, in einem lauten Schluchzen warf er sich auf den Couchtisch. Doch dieser war dem umgewohnt hohen Druck nicht gewachsen und brach zusammen. So lag Harald Schnutenbeck, weinend, in embryonaler Haltung zusammengekauert auf dem zerbrochenen Couchtisch und gab jeglicher Emotionalität nach.
    Nach etwa einer Stunde konnte er sich wieder zaghaft bewegen. Seine Tränen waren getrocknet, doch Hoffnungslosigkeit hatte seinen Geist übernommen. Er ging die Treppe hinauf und löste den Knoten seiner Krawatte. Im Schlafzimmer legte er sich auf das gemeinsame Ehebett und nur ein Gedanke quälte sein Hirn. Wie konnte es nun nur weitergehen? Sein Blick fiel auf die Holzbalken unter der Schlafzimmerdecke. Immer wieder betrachtete er sie, doch erst nach einigen Minuten sah er sie.
    In Harald Schnutenbeck reifte ein Gedanke. Was hatte er schließlich noch zu verlieren?
    Er kletterte auf einen nahe gelegenen Stuhl und band seine immer noch um seinen Hals hängende Krawatte um den Holzbalken unter der Decke. Dann formte er aus dem anderen Ende eine Schlinge um seinen Hals. Es war ein wenig schwierig, da der Balken relativ hoch war und die Krawatte für das geplante Unterfangen doch ein wenig kurz. Doch schließlich schien der Knoten genügend stabil und Harald Schnutenbeck ließ sich hängen. Er stieß den Stuhl um und war nun freihängend im Schlafzimmer zugegen.
    Es war ein wenig befremdlich keine Luft mehr zu kriegen, doch Harald Schnutenbeck verlor alsbald das Bewusstsein und so störte er sich nicht daran.
    Harald Schnutenbeck konnte nicht abschätzen, wie lange er nun gehangen hatte. Er bemerkte jedoch wie er sich nun in einem dunklen Tunnel befand. Und am Ende des Tunnels war ein Licht. Einer Motte gleich ging er in Richtung des Lichts, die Distanz zwischen ihm und dem verheißungsvollen Hell nahm rasch ab. Nur noch wenige Meter schienen ihn davon zu trennen.

    (Die ersten 2022 Wörter meines NaNoWriMo-Werkes)
  • (NaNoWriMo: Failed - Aber die Story geht weiter)

    Kapitel 2

    Das Licht kam immer näher. Langsam dämmerte es Harald Schnutenbeck, dass nicht er derjenige war, der sich bewegte – zumindest nicht maßgeblich, – sondern dass das strahlende Hell sich viel mehr ihm näherte, um nicht zu sagen: Geradezu auf ihn zu raste.
    Eine Todesangst durchflutete Harald Schnutenbeck – eine viel größere Angst als die, die er während seines Selbstmordes verspürt hatte. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er eigentlich gar nichts empfunden. Jetzt war er hellwach und bemerkte endlich, dass das, was er für einen Weg gehalten hatte, tatsächlich Gleise waren. Mit einem Hechtsprung versuchte er dem anrasenden Zug auszuweichen. Doch er scheiterte.
    Wundersamerweise wurde Harald Schnutenbeck dennoch nicht überfahren. Ohne nennenswerten Bremsweg hielt der Zug mit einem lauten Quietschen vor ihm an. Dieses Quietschen war gefolgt von einem lauten Schnattern und wüsten Beschimpfungen in einer Sprache die ihm zunächst unverständlich war.
    „Was um alles in der Welt tun Sie denn da auf den Gleisen! Junger Mann, so geht das nicht! Warten Sie doch einfach auf dem Bahnsteig, das ist für alle schneller!“
    Ein scheinbarer Zwerg mit einer kitschigen Lokführermütze war dem Zug entstiegen. Seine runzlige Nase und seine grauen Haare formten zusammen mit seinem vor Energie überquellenden Verhalten eine nette Hommage an all die älteren Herren, die noch Freude am Leben hatten und nicht nur auf den Tod warteten.
    „Steigen Sie ein, steigen Sie ein!“
    Harald Schnutenbeck stand immer noch ganz verdattert auf dem Gleis. Wo war er hier gelandet? Wurde er langsam verrückt? Doch er folgte den Worten des quirligen, aber auch auf eine bestimmte Art grummeligen, alten Mannes und bestieg den Zug. Dass weder dieser alte Mann, noch Harald Schnutenbeck im Kegel des Zugscheinwerfers einen Schatten geworfen hatten, störte ersteren nicht und letzterer hatte es nicht einmal bemerkt.
    „Nehmen Sie einfach hier Platz. Wir fahren nur noch drei Bahnhöfe an, dann sind wir auch schon am Zielbahnhof. Nur zu setzen Sie sich. Ich muss jetzt wieder nach vorne. Sie wissen schon… den Zug führen und so.“
    Mit diesen Worten war Harald Schnutenbeck in den Waggon getreten und hatte sich auf eine Plüschcouch gesetzt. Er war nicht allein im Zug. Im Gegenüber saß eine merkwürdige Frau. Sie wirkte ganz verstört und er wagte nicht sie anzusehen. Sie hatte einen hellen Mantel an und hielt eine Einkaufstüte in der Hand. Sie starrte ins Nichts, als suchte sie nach etwas hinter den Scheiben der gegenüberliegenden Zugseite. In gewisser Weise schien Harald Schnutenbeck diese Frau bekannt vorzukommen. Doch es wollte ihm nicht einfallen, an wen sie ihn erinnerte.
    Zudem wollte und konnte er nicht zu sehr hinüberstarren. Das wäre unhöflich gewesen.
    Stattdessen beobachtete er einen fahrig wirkenden Mann der nicht still sitzen konnte und auch, nachdem der Zug sich nun erneut in Bewegung gesetzt hatte, durch den Wagen tigerte ohne seine Umwelt wahr zu nehmen. Außerdem war dieser Herr unrasiert und roch auch ein wenig merkwürdig. Ansprechen wollte er ihn nicht.
    Wo war Harald Schnutenbeck denn hier gelandet? Wie kam er hierhin? Er wusste es nicht und der Versuch sich daran zu erinnern brachte ihm nur Kopfschmerzen und ein Gefühl der Ödnis.
    Der Zug hielt. Harald Schnutenbeck erinnerte sich wieder daran, was der merkwürdige, alte Mann gesagt hatte. Noch 3 Bahnhöfe und dann wäre das Ziel erreicht. Nur wo ging es überhaupt hin?
    Zwei Asiaten stiegen ein und setzten sich auf gepolsterten, plüschigen Bänke. Dem äußeren Anschein nach waren sie Mönche. Die orangefarbenen Gewänder sprachen zumindest dafür. Doch sie sahen merkwürdig aus.
    Fast durchsichtig. Ob es ihnen nicht gut ging? Doch sie sprachen nicht und Harald Schnutenbeck hatte genug mit sich selbst zu tun. Mit den Versuchen, sich daran zu erinnern, wie er auf die Gleise gekommen ist. Außerdem hatte Harald Schnutenbeck schon immer ein wenig Angst vor dem Fremden und Unbekannten gehabt. So saß er also weiter nur still im Zug. Dieser hatte sich ohne viel Aufhebens zu machen erneut in Bewegung gesetzt.
    Es fiel schwer, die Zeit zu messen. Die Uhr, die Harald Schnutenbeck sonst für gewöhnlich am Handgelenk zu tragen pflegte, war stehen geblieben. Dabei hatte er erst vor Kurzem eine neue Batterie einsetzen lassen. Scheinbar hatte er da am falschen Ende gespart und irgendeine Billigware eingesetzt bekommen. Harald Schnutenbeck war ein wenig verärgert darüber. Doch der nächste Halt zwang seine Aufmerksamkeit erneut auf die einsteigenden Gäste.
    Eine Gruppe von fünf Dunkelhäutigen stieg zu. Vier von ihnen waren Kinder. Anscheinend in einem denkbar schlechten Zustand. Und anscheinend reisten sie alleine. Der einzige Erwachsene von ihnen fuhr sich immer wieder durch den Bart und bekreuzigte sich in stetigem Wechsel. Auf die Kinder achtete er nicht. Sie waren auch eher still und stellten keinen Unfug an. Lebensfreude sah anders aus. Leben sah anders aus. Harald Schnutenbeck fragte sich gerade wie es sein konnte, dass so magere Kinder noch nicht verhungert waren, als der Zug erneut Fahrt aufnahm und die Zugestiegenen sich einen Sitzplatz suchten. Zwei der Kinder blieben aber dennoch einfach stehen.
    Der nächste Halt ließ ein wenig auf sich warten. Zeit für Harald Schnutenbeck weiter über die letzten Stunden nachzudenken. Doch es fiel ihm immer schwerer und so ließ er es bleiben. Vielleicht war da einfach nichts.
    Aber Harald Schnutenbeck machte sich Sorgen. Wo fuhr er bloß hin? Schließlich musste er arbeiten. Und seine Frau erwartete ihn heute Abend. Sie wollten doch zusammen kochen. Und danach ins Theater. Sogar für danach hatte er seine romantische Ader überstrapaziert und eine Kleinigkeit organisiert.
    Der Zug hielt erneut und diesmal stieg nur ein Mann ein. Auf seinen Rollator gestützt, mit einer Infusion verkabelt, betrat er den Waggon und laut schnaubend ließ sich der deutlich übergewichtige Mann auf den weichen Bänken nieder. Sie quittierten es mit einem leisen Knarzen.
    Doch auch dieser Mann schien in seiner eigenen Welt gefangen zu sein, und so brachte es Harald Schnutenbeck auch dieses Mal nicht über sich, diese Mauer zu durchbrechen und zu erfragen, wohin dieser Zug denn eigentlich fuhr.

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  • „Wir haben unseren Zielbahnhof erreicht. Bitte steigen sie allesamt aus. Dieser Zug fährt nicht zurück. Sie können nicht in ihm sitzen bleiben. Diese Linie wird nur in einer Richtung befahren. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Fahrt und wünsche Ihnen eine gute Weiterreise.“
    Die Türen der Waggons öffneten sich gleichzeitig und mit einem leisen Quietschen. Irritiert hatte Harald Schnutenbeck der Durchsage gelauscht und sich dazu durchgerungen auszusteigen. Im Zug bleiben würde ihm nichts bringen, schließlich hatte der Mann – er erkannte in der Stimme den merkwürdigen Lokführer wieder – gesagt, dass der Zug nicht zurückfuhr. Aber vielleicht fuhr ein anderer Zug wieder in die Richtung, in der er wohnte. Mit diesem schwachen Plan vor Augen, entstieg er dem Waggon und war positiv überrascht, nicht dieses nervtötende „Mind the Gap“ vom Tonband zu hören, mit dem normalerweise Zugreisende malträtiert wurden. Vielmehr stellte er fest, dass der Zug optimal am Gleis stand und es somit eigentlich nicht einmal die Möglichkeit gab, verletzend zu stürzen.
    Ans Gleis schloss sich ein großer Platz an, der ausgesprochen gut besucht war. Hauptziel dieser Massen schien ein riesiges Tor zu sein. Es erinnerte fast an ein Postamt mit ungezählten Schaltern. Die Fluktuation war hoch, doch der Andrang ebenso. Er blickte sich um und sah, dass rings um den Platz weitere Züge standen.
    Bei diesem Anblick fragte er sich auch, wie es der Lokführer geschafft hatte, diese Zielposition zu erreichen – sowohl vor als auch hinter ihm waren Züge zum Stehen gekommen, und nicht zwangsläufig erst nach ihm.

    Doch das war alles nicht so wichtig. Wichtig war, dass er wissen musste wo er war. Und wichtig war, dass er von hier wieder weg kam, wo er nicht wusste, wo er war. Er reckte seinen Hals erneut in alle Himmelsrichtungen und starrte nun auf ein riesiges Haus mit einem verheißungsvollen Schild über der Tür - „INFORMATION“ war dort in geschwungenen roten Lettern zu lesen. So riesig, dass er sich fragte, wie er es bei seinem ersten Rundumblick nicht entdeckt haben konnte. Harald Schnutenbeck ging schnurgerade darauf zu – hin und wieder von einem Rempler eines abwesend wirkenden Menschen gestört – öffnete die Tür, trat ein und fand sich schließlich einem untersetzt wirkenden Inbegriff von Bürokratie gegenübergestellt.
    Dieser sprang erstaunlich energiegeladen auf reichte Harald Schnutenbeck die Hand.
    „Ah, sie müssen neu hier sein. Was kann ich für sie tun? Suchen Sie noch den richtigen Schalter?“
    „Ähm, vielleicht. In erster Linie würde ich gerne wissen, wo ich hier bin. Scheinbar habe ich den falschen Zug erwischt und bin nun hier gelandet. Wann fährt denn der nächste Zug von hier ab?“
    „Mein Herr“, der ihm gegenübersitzende Mann beugte seinen Kopf ein wenig herunter, so dass er über die Ränder seiner Brille blicken konnte, „mein Herr, von hier fährt kein Zug ab. Sie stehen vor den Pforten des Jenseits.“
    „Jenseits? Ist das so ein neuer, extravaganter Vergnügungspark?“ Der Mann vor Harald Schnutenbeck erlaubte sich gewiss ein Wortspiel. Er hätte es ja wohl mitbekommen, wenn er gestorben wäre.
    „Nein, mein Herr. Kein Vergnügungspark.“ Er lächelte fast mitleidig und setzte dann erneut seine Beamtenmiene auf. „Mein Herr, bitte setzen sie ihre Brille ab.“
    „Ich soll meine Brille absetzen? Ich trage doch gar keine...“, Harald Schnutenbeck stockte für einen Moment als er sich bekräftigend die Hände vor das Gesicht hielt, um zu demonstrieren, dass er keine Brille trug, die er absetzen konnte. Seine Fingerkuppen spürten die metallische Kühle einer Brille. Er nahm sie ab und betrachtete sie. Sie war babyblau.
    „Eine babyblaue Brille?“
    Harald Schnutenbeck betrachtete sie noch einen Augenblick kurz und legte sie dann auf den Tisch. Sie verschwand sofort, doch er nahm es nicht wahr. In just diesem Augenblick kamen die Erinnerungen an die Stunden vor seinem Tod zurück. Er begriff, was er getan hatte. Er begriff, was das für ein Zug gewesen war. Er begriff, warum die anderen Insassen im Zug alle so schweigsam gewesen waren.
    Tränen stiegen in ihm auf, doch er weinte sie nicht. Er schluckte sie hinunter, wollte sich vor diesem Bediensteten nicht die Blöße geben. Erst jetzt sah er den Mann vor sich richtig.
    Vor einem Augenblick noch war ein durchschnittlicher Bürokratenhengst gewesen. Jetzt sah er, dass er nicht im entferntesten an einen Menschen erinnerte. Ein kleines Wesen, maximal mit einer Gesamtkörperhöhe von einem halben Meter, schwebte dort vor ihm. Vollkommen in rot gehüllt, mit kleinen ziegenartigen Hörner, ledrigen Federmausschwingen und einem buschigen Eichhörnchenschwanz, konnte er gerade noch als schlechte Charikatur dessen durchgehen, was Harald Schnutenbeck bis dato mit einem Teufelchen assoziierte.
    Der Schreck war ihm ins Gesicht gefahren. Sein Gegenüber bemerkte die Veränderung und versuchte beruhigend zu reagieren.
    „Bitte regen Sie Sich nicht auf. Dieser Schock ist normal. Nur wenige sind bereit, für das, was nach dem Tod für ihn ansteht. Und bitte lassen Sie Sich nicht von meiner äußeren Erscheinung einschüchtern.“ Der Beamte schien den wirren Blick scheinbar persönlich zu nehmen, denn er schwitzte nun leicht irritiert.
    „Es ist auf jeden Fall nun wichtig, dass Sie den richtigen Schalter wählen. Darf ich fragen, wie Sie zu Tode gekommen sind?“
    Harald Schnutenbeck fasste sich bei dieser Frage wieder.
    „Nun hören Sie mir mal zu, mein Lieber! Das ist ja wohl die dreisteste Frage, die mir je untergekommen ist! Was bilden Sie Sich eigentlich ein, wer Sie sind!“ Er war erbost. Das Wesen ihm gegenüber blieb stumm. Die Stille war nicht bedrohlich. Sie flößte Harald Schnutenbeck keine Angst ein. Dennoch flüsterte er nach kurzer Zeit ein leises „hab mich erhängt“ über die Schreibtischbarriere.
    „Oh, Freitod“, das vermeintliche Teufelchen wirkte nun geschäftig. „Dann empfehle ich Ihnen unser Seminar „Mein Leben, mein Tod, meine Perspektive“. Es hilft Ihrem Leben mit Ihnen abzuschließen, da Sie das nun ja schon von Ihrer Seite vorgezogen haben.“ Er drückte Harald Schnutenbeck eine Broschüre in die Hand.
    „Gehen sie links von den Schaltern und halten sie nach einem blumigen, riesigen Schild ausschau. Die Seminare finden sehr regelmäßig statt.“
    Mit diesen Worten bugsierte er einen sprachlosen Harald Schnutenbeck vor die Türe. Wie ein Tumber folgte er dem Rat und blickte mit leeren Augen auf die Broschüre. Er wurde einfach abgefertigt. Er sollte in ein Seminar gehen. Harald Schnutenbeck hasste Psychologen. Hasste Seminare. Hasste Weltverbesserer. Diese Leute sollten lieber mal arbeiten!

    Doch er ging links an den Schaltern vorbei und stand schon bald vor dem ausgesprochen auffallenden Schild mit dem Titel „Mein Leben, mein Tod, meine Perspektive – Selbstmörder-Seminar“.
    Irritiert und verlegen blieb er stehen. Sollte er wirklich hineingehen? Die Tür stand offen, doch Harald Schnutenbeck zögerte.
  • Kapitel 3

    „Treten Sie ein, treten Sie ein.“ Eine freundliche aber bestimmte Stimme sprach ihn an. Harald Schnutenbeck zögerte. Er war sich noch nicht sicher, ob er wirklich an dem Seminar teilnehmen wollte. „Ich weiß nicht, ob ich hier wirklich hingehöre.“ Harald Schnutenbeck setzte zu einer dramaturgischen Pause an, an deren Ende er einen geordneten Rückzug anzutreten gedachte. Doch die freundliche Stimme unterbrach ihn.
    „Natürlich wissen Sie nicht, ob Sie hierhin gehören. Sie sind immerhin Selbstmörder.“ Die freundliche Stimme lachte auf. „Wenn Sie mit dem Leben klar gekommen wären, könnten Sie auch durch die Tür treten. Doch das kann kein Selbstmörder – es widerspricht ihm. Sie stehen hier, also wollen Sie auch in dieses Seminar.“ Derart überrumpelt trat Harald ein. Wie sollte er schon widersprechen? Und was hatte er schon zu verlieren? So ging er in den behaglich eingerichteten Seminarraum und betrachtete die bereits Anwesenden. Abgesehen von ihm selbst waren nur vier weitere Personen dort. Einer davon war der Herr mit der freundlichen Stimme gewesen. Harald Schnutenbeck musterte ihn. Er war von gewöhnlicher Statur, trug einen kleinen grauen Schnurbart, hatte eine feinen, schwarzen Hut auf seinem grau melierten Haaren, welcher sehr gut mit seinem Anzug harmonierte.
    Die anderen drei wirkten eher eigenbrötlerisch. Eine junge Frau, vielleicht Anfang oder Mitte der Zwanzigerjahre saß dort auf einem Stuhl und wirkte leicht apathisch. Sie war recht hübsch anzusehen und Harald Schnutenbeck fragte sich, was sie derart verzweifelt haben musste.
    Der andere Mann war ebenfalls recht jung. Harald Schnutenbeck schätzte, dass er gerade 30 geworden sein musste. Er wirkte von arabischer Abstammung, trug einen langen schwarzen Bart und war ganz in weiß gehüllt. Sein Kopf war von einem Turban bedeckt. Harald Schnutenbeck schauderte, denn dieser Mann verkörperte all das, was er mit einem Terroristen in Verbindung brachte. Ob er ein Selbstmordattentäter war?
    Harald beschloss, sich lieber von diesem Mann entfernt zu halten und setzte sich deshalb neben einen alten, asiatisch aussehenden Mann, der seltsam durchscheinend war. Eigentlich sah er so aus wie „Mister Miyagi“ aus dem Filmklassiker „Karate Kid“. Nur ein bisschen anders. Doch Harald konnte es nicht wirklich festmachen. Er war schweigsam und hatte einen Ausdruck innerer Gelassenheit. Harald Schnutenbeck fragte sich, wieso sich dieser Mann zum Selbstmord genötigt sah; er starrte in dessen Gesicht und mit einem fast seligen Lächeln wandte sich der Mann Harald zu. Er nickt nur kurz, dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder dem vor ihnen stehenden Mann. Dieser schien auch keinen weiteren Teilnehmer mehr zu erwarten und begann seine Ansprache.

    „Ich begrüße Sie zu Ihrem heutigen Seminar ‚Mein Leben, Mein Tod, Meine Perspektive‘. Sie wissen alle, warum sie hier sind. Sie haben ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt und das ist nicht ganz der normale Weg. Deshalb bin ich hier, um Ihnen zu helfen durch die Pforten des Jenseits zu gehen.
    Doch zuallerst, der Herr mit der grauen Krawatte, bitte nehmen Sie doch ihre Brille ab.“
    Es folgte ein Augenblick der Stille bis Harald angesichts der vier auf ihn gerichteten Augenpaaren begriff, dass er gemeint war. Aber er hatte doch diese merkwürdige Brille bereits abgesetzt. Zweifelnd setzte er auch dieses Mal die Hand an die Schläfen und spürte auch dieses Mal kaltes Metall. Harald Schnutenbeck griff zu, zog erneut die babyblaue Brille von seinem Kopf, betrachtete sie kurz und legte sie dann mit mehr als verwirrtem Blick auf den Tisch vor sich. Er sah, wie sie sich auflöste, doch das minderte seine Verwirrung nicht im Geringsten.
    „Wunderbar, dann beginne ich doch am besten einfach mal mit dem Hintergrund dieser Brillen.“
    Die Stimme hatte immer noch ihren angenehmen Klang, stellte Harald fest, als er weiterhin auf die Stelle starrte, auf die er die Brille soeben gelegt hatte.
    „Diese Brillen – bei den Herren in Babyblau, bei den Damen in zartem Rosa gehalten – haben Sie Ihrem Unterbewusstsein zu verdanken. Es versucht Sie zu beschützen, vor dem, was Sie nicht kennen, und wandelt alle Eindrücke, die sie erhalten, in bereits bekannte Eindrücke um. Damit kommen wir aber nicht voran!“
    Er machte eine dramaturgische Pause und Harald Schnutenbeck blickte auf. Doch der nette Herr war verschwunden. Ähnlich wie es ihm bereits in der Information zugestoßen war, war auch dieser Anblick ein Schock. Zwar trug dieses Wesen keinen buschigen Eichhörnchenschwanz, doch ansonsten war dort derselbe gedrungene, in leuchtendem Rot sich präsentierende Körper zu sehen. Der Oberkörper und das Gesicht eines Menschen, die Hufe einer Ziege, die Flügel einer Fledermaus, der Schwanz eines Ochsen. Und dieses Wesen schwebte, ohne mit seinen gespreizten Flügeln zu schlagen. Auch diese Gestalt war maximal einen halben Meter groß – die Hörner auf seinem Kopf eingerechnet. Dieser Anblick verschlug Harald Schnutenbeck die Sprache.

    Wie ein geschlagener Hund, sprang er von seinem Stuhl auf – unter den teilweise interessierten Blicken der anderen Seminarteilnehmer – und sprang dann panisch an den Rand des Raumes, wo er sich an die dortige Wand presste und die Augen verschloss.
    Einen Raunen ging durch den Raum und Harald Schnutenbeck, welcher auch ein wenig von der Neugier getrieben war, öffnete die Augen. Vor ihm stand wieder der nette ältere Mann, der auch zu Beginn des Seminars vorne gestanden hatte, bevor er von dieser teuflischen Kreatur ersetzt worden war.
    „Was ist hier los?“ Raunte Harald Schnutenbeck dem nur wenige Schritte entfernten Mann zu – er klang dabei fast wimmernd. „Wer sind Sie?“
    Der Mann trat noch einen Schritt auf ihn zu. „Sie sind einer von der ganz harten Sorte, hmm?“ Er hob die Arme und führte sie vor Haralds Augen. Dann nahm er ihm erneut die Brille ab. Vor Harald Schnutenbeck stand wieder die diabolisch anmutende Gestalt. „Wie ich bereits sagte, das Unterbewusstsein versucht, Sie zu schützen. Versuchen Sie Sich auf die Situation einzulassen, sonst kommen wir nicht weiter.“ Fast schon bedauernd wirkte er.
    „Doch Sie haben natürlich Recht, ich habe mich noch nicht vorgestellt.“ Er schritt zurück zu seinem ursprünglichen Platz und setzte dort ein Lächeln auf.
    „Man nennt mich Lucifer.“