Sand im Getriebe

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  • Sand im Getriebe

    Sand im Getriebe

    Schlaf, schöner, entspannender Schlaf, endlich mal wieder ausschlafen können. Aber irgendetwas war da doch noch, irgendetwas war doch nicht so ganz richtig an dem Schlaf. War heute noch etwas geplant? Wollte er jemanden treffen? Welcher Tag war denn überhaupt? Langsam und beunruhigend schwach öffnete er die Augen und sah in einen wolkenlosen, grünlich blauen Himmel. Allmählich kamen die Kopfschmerzen und ein beklemmendes Gefühl der Schwäche drückte auf seine Brust. Wo war er? Erschöpft. von etwas, an das er sich nicht mal erinnern konnte, legte er sich die Hand auf die Stirn und wischte sich ein Mal übers Gesicht. „Hoch jetzt!“ ging es ihm durch den Kopf und ächzend drückte er seinen Oberkörper hoch. War er ohnmächtig geworden? Etwas stach in seine Hand. Der Schreck kam nur langsam. Egal was ihn da ausgeschaltet hatte, es musste hart gewesen sein. Er hob die Hand, sah ihr aber nichts an, erst der Blick auf den Boden offenbarte ein kleines helles Stöckchen oder war es eher ein Halm? Wo war er überhaupt? Doch musste er nicht mal lange den Blick schweifen lassen bevor ihm die Umgebung einen ernüchterten Seufzer ab rang. Um ihn herum war nichts als weite Steppe, eine karge Ebene aus seltsam grauen Sand durchzogen von Knie hohen, unförmigen Inseln farblosen Steppengrases und hier und da mal ein kleiner Busch, dessen sattes Grün nicht nur schon von der Hitze vor dem Auskeimen ausgetrieben worden war, sondern auch von dem Sand, der sich über alles legte, geschmälert wurde.
    Er blickte noch mal zum Himmel in die Sonne und merkte auch allmählich wie er schwitzte. Mit etwas zittrigen Beinen stand er auf und klopfte mit lustloser Behäbigkeit den feinen, trockenen Staub grob von seiner Kleidung. Erneut lies er seinen Blick über den flimmernden Horizont streifen, seufzte und setzte sich in Bewegung. Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung wo er hin ging aber einfach nur im Sand sitzen bleiben und zu warten bis er weggeschmolzen war, wollte er auch nicht. Mit den Händen in den Taschen seiner Jeans trottete er zwischen dem Steppengras hindurch und versuchte sich die aufkommende Langeweile mit der Suche nach irgendwelchen Tieren zu vertreiben, ohne Erfolg. Was hatte er überhaupt getan bevor er in dieser Einöde gelandet war? Grübelnd rieb er sich über seine Wange und hörte das Kratzen seiner Bartstoppeln. Immerhin wusste er jetzt, dass sein etwas unfreiwilliger Ausflug noch nicht sehr lange dauern konnte, einen Dreitagebart trug er schon seit ein paar Jahren und viel länger als sonst waren seine Stoppeln noch nicht.
    Ihm wollte einfach nichts einfallen. Er wohnte in Berlin, Giererstraße 6 ganz oben, neben einem schwerhörigen Rentner, der von seinem Enkel eine riesige Musikanlage geschenkt bekommen hatte und jetzt immer auf voller Lautstärke seine Schlager hörte. Dann war da noch das junge Pärchen ein Stockwerk tiefer. Waren die überhaupt ein Paar? Zumindest gingen da den lieben langen Tag die unterschiedlichsten Leute ein und aus, und die entstehende Geräuschkulisse ließ die wildesten Vermutungen zu. Und dann der Typ unten...aber das war jetzt egal. Er massierte sich die Schläfen und wischte sich einen Schweißtropfen weg. Das Denken strengte ziemlich an und bereitete ihm immer mehr Kopfschmerzen.
    Ein Fuß vor den anderen, immer weiter aber ändern tat sich nichts. Das harte Steppengras kratzte über seine schlaff hängenden Hände, der graue Staub trocknete seinen Mund aus und legte sich auf seinen Körper. Wie lange war er jetzt schon unterwegs? Sank die Sonne bereits? Er drehte sich zu der Sonne um, in der Hoffnung diese Frage beantworten zu können, doch noch bevor er sein von der Hitze gemartertes Gehirn anwerfen konnte fiel sein Blick bereits auf etwas anderes, das sein Interesse weckte. In der Ferne am Horizont flackerten dünne Säulen in der Hitze und glänzten hell strahlend in der Sonne. Ihn störte gar nicht, dass er nicht den blassesten Schimmer hatte was diese Dinger waren, er kam nicht mal auf den Gedanken, dass es sich vielleicht um eine Fata Morgana handeln könnte, er wollte einfach nur ein Ziel, etwas, das sich von dieser Einöde abhob. Ohne nachzudenken lenkte er seine Schritte in Richtung der unzähligen Gebilde.Die Füße waren schwer, der vom Schweiß durchtränkte Staub, der sich bei jedem kleinen Windhauch überlegte, trocknete als kratzige Kruste an seiner Haut fest und die Hitze des Tages schlug mit Verschwinden der Sonne in eine klirrende Kälte um, die nur noch von der Restwärme, die der Sand ab strahlte abgeschwächt wurde. Doch lange hielt auch das nicht. Die Säulen waren kaum noch zu sehen in der Dunkelheit. Der Mond war verhangen von einem seltsamen Dunst, der auch jetzt noch grünlich schimmerte. Plötzlich knirschte etwas unter seinen Füßen. Der Blick nach unten verriet erwartungsgemäß wenig aber das Fühlen und Rumstochern mit dem Fuß lies keinen Zweifel zu, dass es sich um groben Schotter handelte. Er lief weiter, vorbei an dem ersten Gebilde. Ein zylindrisches Bauwerk Vielleicht vier, fünf Meter im Durchmesser und eine glatte, metallische Oberfläche, die mittlerweile auch schon so kalt war, dass es weh tat sie anzufassen. "Hallo?" Rief er schließlich und ging weiter in den Wald aus Hochhaus hohen Metallsäulen. "Ist hier jemand?" Weit klang seine Stimme untermalt von dem rhythmischen knirschen der Stein unter seinen Füßen.
    Langsam überkam ihn aber ein ungutes Gefühl. Die Steppe hatte er schon lange hinter sich gelassen und diese Säulen, so starr, still und kalt wie sie sich um ihn auftürmten erweckten nicht den Anschein al wären sie bewohnt. Zu allem Überfluss drang die Kälte auch noch immer tiefer und schmerzhafter in seine Glieder und die allumfassende Dunkelheit, die ihn kaum die eigene Hand vor Augen erkennen lies rundete die beklemmende Situation noch ab. Ein letztes Mal wollte er es noch probieren und mit den Armen fest um die Brust geschlungen rief er : "Ist da jemand? Kann mich jemand hören?!" Keine Antwort kam. Er blieb stehen, sah sich um und horchte. Nichts, kein Geräusch, kein Licht, nicht ein mal ein Windhauch, nichts. Ein paar Augenblicke stand er einfach nur still da und starrte in die Leere um ihn herum. Es war als schwebte er in einem unendlichen Raum nur gefüllt mit einer alles verschlingenden Schwärze. Er konnte regelrecht hören wie die Zahnräder in seinem Kopf klickten und ihm endlich das Offensichtliche offenbarten, das sogleich tonnenschwer auf Brust und Magen drückte, er war verloren. Irgendwo im Nirgendwo, einer lebensfeindlichen Einöde, ohne jeden Proviant und ohne jedes Wissen über seinen Aufenthaltsort, wie er dort hingekommen war oder was er tun sollte. Er stand in tiefster Dunkelheit zwischen befremdlichen Konstrukten und kämpfte gegen die Kälte.
    Ein tosendes Zischen durchbrach brachial die Stille. Erschrocken sprang er davon weg. Wieder ein Zischen, es klang wie ein riesiges Ventil, das geöffnet wurde. Da schon wieder eins und noch eins. Immer kürzer wurden die Abstände in denen das Zischen mal in weiter Ferne und mal in nächster Nähe ertönte. Das musste von diesen Säulen kommen. Hektisch drehte er sich zu jedem neu auskommenden Zischen um als die Dunkelheit von einem roten Licht vertrieben wurde. Sonderlich hell war es nicht und der Kontrast war auch miserabel aber immerhin konnte er überhaupt etwas sehen. Zumindest so lange bis das Licht nach wenigen Sekunden wieder erlosch nur um nach ein paar weiteren Sekunden wieder zu erstrahlen und so den Dienst als Warnleuchte anzutreten.
    Ihn packte die Angst. Was sollte das? Was waren das für Dinger? "Hallo?!" schrie er panisch. War er da irgendwo rein geraten, wo er nicht hin sollte? Nachher war er da noch in irgendeinen militärischen Waffentest gestolpert und wurde gleich atomisiert. Oder man hatte ihn doch bemerkt und dieses Getöse war so etwas wie ein Eindringlingsalarm.
    Licht an. Das Geräusch eines großen Getriebes und übereinander schabenden Metalls ertönte. Licht aus. Was passierte jetzt? Er musste weg, schnell weg. Er drehte sich um und lief los. Licht an. Im letzten Moment wich er einem dieser Gebilde aus. Das obere Drittel der Säulen öffnete sich. Licht aus. Wie kam er hier raus? Die Geräusche wurden immer lauter. Er hörte seinen schweren Atem kaum noch. Licht an. Aus den Säulen fuhren Antennen, seltsame Stäbe und Kästen, Kabelgewirr. Licht aus. Krachend schlug er gegen eine Metallwand. Die Luft wurde ihm kurz aus der Lunge gedrückt. Licht an. Er stolperte ein paar Schritte weiter. Etwas packte ihn an der Schulter, rette ihn vor dem Sturz. Licht aus. Tief erschrocken wand er sich reflexartig aus dem Griff. Er wirbelte herum, torkelte rückwärts und stieß gegen die nächste Säule. Licht an. Vor ihm stand eine hochgewachsene Gestalt, gekleidet in einen dunklen Schutzanzug, mit stellenweise gebrochenen oder provisorisch reparierten Schutzplatten, zerrissenem, fleckigen Stoff. Der war voll verschalt, das Gesicht komplett von einem spiegelnden Visier verdeckt. Vor allem aber hatte die Gestalt ein Gewehr im Anschlag. Licht aus. Alles war wie in Zeitlupe. Er hörte seinen Atem und seinen Herzschlag. Es fühlte sich wie eine kleine Ewigkeit an bis der nächste Schlag folgte. Er war erstarrt vor Angst und hatte immer noch den Punkt fixiert in dem er sich im Visier gespiegelt hatte. Ein strahlend weißes Licht blendete ihn als die Stirnlampe dieser Person anging. Licht an. Im Dunkeln hatte hatte die Gestalt etwas hervorgeholt, das aussah wie eine kleine Radarpistole und richtete es auf ihn. Ihm stockte der Atem. Jetzt war es wirklich aus. Licht aus. Ein Gepiepe und Geblinke begann während grüne und blaue Lichtstrahlen über ihn hinweg zuckten aber so plötzlich dieses Spektakel begonnen hatte so schnell war es auch wieder vorbei. Verdutzt blickte er an sich herunter aber nichts hatte sich getan. Plötzlich stieß die Gestalt einen Seufzer aus, der durch den Helm etwas blechern klang, was ihn aber mehr verwunderte war, dass es nach einer Frau klang. "Sag mal was bist du denn für 'ne Pfeife?" stieß sie daraufhin genervt aus. Ihm viel im wahrsten Sinne die Kinnlade runter. Was sollte das denn jetzt? Wo zum Henker war er denn hier gelandet? "Na was is'? Hat 's dir die Sprache verschlagen?" Aber sehr gehörig hatte es ihm die Sprache verschlagen und er drückte sich auch immer noch so fest es ging an die Säule. Ohne sich zu rühren standen die beiden mehrere Augenblicke stumm voreinander. Die roten Lampen gingen in der Zeit gleich mehrmals an und wieder aus, nur die Stirnlampe leuchtete unermüdlich weiter.
    Endlich bewegte sie sich wieder und machte auf dem Absatz kehrt "Komm mit, dieses ständige Geblinke geht mir auf die Nerven." Ach, ihr ging es also auf die Nerven? Na, was sollte er denn sagen? Er zögerte einen Moment. Sollte er dieser Frau wirklich folgen? Sonderlich vertrauenserweckend schien sie nicht und man konnte auch nicht sagen, dass sein Erscheinen sie irgendwie erfreute, eher im Gegenteil. Aber was hatte er schon für eine Wahl, er musste ihr folgen, wenn er zumindest eine Chance haben wollte zu überleben. Mit hastigen Schritten eilte er ihr nach hielt aber einen gewissen Abstand bei. Ohne sich noch mal umzudrehen oder anderweitig Interesse an ihm zu zeigen, führte die Unbekannte ihn aus dem Wald aus blinkenden Metallsäulen, die mittlerweile aufgehört hatten wild vor sich hin zu zischen, zu einem Ding, das kurz außerhalb des Kiesbettes stand und wohl so etwas wie ein Auto sein sollte. Immerhin hatte es vier Räder, ein Lenkrad, zwei Sitze und ein schwenkbar montiertes MG. Letzteres trug zwar keinen großen Anteil an der Annahme, dass dieses Gebilde aus Blechen, Rohren und vereinzelten Chassis-Resten ein Auto sein konnte bei aber es schindete zumindest großen Eindruck. "Steig ein, Kleiner." Das sie so lapidar und desinteressiert mit ihm umsprang irritierte ihn ziemlich und das sie ihn auch noch 'Kleiner' nannte, schmeckte ihm schon gar nicht aber sie war die mit der Waffe und so hielt er es für angebracht nach einer kurzen Bedenkzeit auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen und zu schweigen, erst mal. Kaum saß auch sie begann der seltsame Kasten, den er für den Motor hielt, erst immer lauter zu summen und dann keuchend vor sich hin zu röhren. Es klang ein bisschen wie ein aufgedrehter Mischling eines Motorrollers und eines Traktors mit chronischem Keuchhusten. Und so ein Haufen Schrott sollte sie transportieren können? Er war ja froh, dass das Ding noch nicht zerfallen ist nachdem er sich hingesetzt hatte. Er warf ihr noch mal einen skeptischen Blick zu, da trat sie schon das Gaspedal durch jagte den Wagen durch die Steppe. Krampfhaft krallte sich ihr Beifahrer mit Händen und Füßen an allem fest was er zu fassen bekam um bei dem Geholper nicht raus zu fallen "Wie heisst du?" rief sie über das Ackern des Motors hinweg kurz bevor sie über eine Düne sprangen. Ihr schien das alles rein gar nichts auszumachen. Er aber drückte sich in den Sitz und machte sich auf einen harten Aufprall gefasst. Als die Vorderräder sich in den Sand gruben, wirbelten sie eine große Wolke auf, die ihn mitten im Gesicht traf. Doch sie waren noch gar nicht richtig gelandet da setzte die Fremde schon nach als wäre nichts gewesen "Und?" "Fahr langsamer, verdammt!" War die gereizte und etwas panische Antwort. "Is' ja ein beschissener Name!" "Ich meinst ernst!" Im nächsten Moment trat sie auf die Bremse und er hatte seine liebe Mühe damit im Sitz zu bleiben. "Bist ja ein ziemliches Weichei. Also sag schon." Er drehte sich zu ihr um, bereit etwas zu sagen, das wohl nicht gerade nett werden würde, doch hielt er noch beim Lust holen für seine Anstandspredigt inne und runzelte die Stirn "Ähm...gute Frage." Es wurde immer unheimlicher. Er wusste wo er wohnte, sogar wo er arbeitete fiel ihm prompt ein als er daran dachte. Da fiel ihm auch gleich noch ein, dass er sich bei seinem Chef melden musste. Er würde ja vermutlich am nächsten Tag nicht kommen können. Aber wie sollte er sich überhaupt abmelden, wenn er seinen Namen nicht mal wusste? "Na dann bleib ich bei Kleiner." sagte sie schulterzuckend und setzte den Wagen in einem ruhigeren Tempo in Bewegung. "Hast du wenigstens einen Namen?" Wenn er sonst schon nichts wusste, konnte er zumindest mal damit anfangen ein bisschen was in Erfahrung zu bringen. "Klar aber wenn hier einer Fragen stellt dann bin ich das." Na klasse, das lief ja hervorragend. Er lehnte sich mehr oder weniger bequem zurück und schloss die Augen. Schlafen konnte er natürlich nicht aber immerhin konnte er versuchen sich etwas zu entspannen. Hoffentlich brachte dieses giftige Biest ihn irgendwo hin, wo es Leute gab mit denen er auch vernünftig reden konnte. Er wollte endlich wissen wo er war war und wie er überhaupt in diese Scheiße geraten war.
    Ein kräftiger Tritt gegen die Schulter und das anschließende Rendezvous mit dem grauen Sand, der nicht lange fackelte und gleich mal zum Zungenkuss ansetzte, rissen ihn aus dem Schlaf. Er war also doch eingeschlafen und das obwohl des Teufels Tochter das Gerippe von Auto durch die Steppe gejagt hatte. Der Marsch durch die Hitze muss doch anstrengender gewesen sein als er erwartet hatte. Aber zum Glück hatte man ihn ja so liebevoll geweckt. Er war schon dabei sich hoch zu drücken als er am Kragen gepackt und mit einem einzigen Ruck auf die Beine gezogen wurde. Zum Stehen kam er aber trotzdem nicht, da die grantige Hightech-Killer-Amazone ihn gleich mit sich zerrte. Es war immer noch kalt und dunkel doch eine ausreichende Anzahl künstlicher Lichter zeigten ihm eine nich sonderlich ermunternde Umgebung. Er befand sich in einer Art Stadt oder vielleicht nur ein Dorf, so genau konnte er das nicht sagen. Aber entgegen seiner Erwartungen stimmte ihn das nicht wirklich fröhlicher. Er stolperte über die kläglichen Reste einer weitreichend aufgerissenen Asphaltstraße aus der bereits das Steppengras wuchs. Drum herum konnte er nur selten richtige Häuser erkennen, die meisten davon waren sogar teilweise eingerissen und mit allem was man so gefunden hatte wieder in Stand gesetzt worden. Dominiert wurde das Bild aber von bis zu drei Stockwerken hohen Hütten. Er hätte ja am liebsten Wellblechhütten gesagt aber das hätte es nicht im Geringsten getroffen. Diese Behausungen bestanden wirklich aus allem: Blechen, Brettern, Rohren, Planen aus Kunststoff und Textilien. An einer Stelle hatte sogar jemand eine Autokarosserie als Wand verbaut und die fehlenden Scheiben mit Büschen und Brettern abgedeckt. Die enden, verwinkelten Gassen wurden von diversen Kabeln überspannt auf denen entweder Wäsche oder Lebensmittel zum Trocknen hingen. Genauso baumelten von einigen die Lampen herunter, dich sich entweder als alte Baustellenlampen, lose Neonröhren oder LED-Lampen entpuppten und die Leere beleuchteten.
    Fast unbarmherzig wurde er durch die verworrenen Gassen gezogen und hatte schon nach dem zweiten Abzweig keine Orientierung mehr, es sah ja alles gleich aus.
    Sie riss die Tür zu einem dreistöckigen Gebäude auf, das zu großen Teilen tatsächlich noch ein echtes und auch intaktes gemauertes Haus war, allerdings hatte man das dritte Stockwerk nachträglich im Müllhaldenstil hinzugefügt. In dem kleinen Flur hinter der Tür erwartete sie ein breit gebauter Man, doch war die große Waffe, die er trug nicht mal das Erschreckenste an ihm. Viel schlimmer war sein rechter Arm. Er schimmerte matt in dem schwachen Licht der kleinen Glühbirne, zumindest dort wo gerade keine Dreckkrusten das Metall bedeckten aus dem die Gliedmaße bestand. Misstrauisch beäugte der Mann den Fremden, der Frau aber nickte er knapp zu bevor sie die Treppe bestieg, die den Flur noch enger machte.
    Gleich im ersten Stock zog sie den Mann in einen kleinen Raum. Er war eingerichtet wie ein privates Arbeitszimmer, auch wenn alles durch den vielen Staub von draußen und den allgemein schlechten Zustand der Einrichtung doch recht düster wirkte. Von der Decke baumelte wie im Flur eine einsame, mit verbranntem Staub verdeckte Glühbirne, die das Interieur in ein schummriges orange tauchte. An der Wand gegenüber der Tür standen Bücherregale manche davon aus dunklem, schweren Antikholz mit aufwändigen Schnitzereien und andere aus dem improvisiert was einem ein Schrottplatz so bot. Darin stapelten sich Bücher deren Zustand von miserabel bis annehmbar genauso weitreichend war wie die Themen, die sie abdeckten. So fand man diverse Sachbücher wie Lexika, Atlanten oder wissenschaftliche Abhandlungen, auch Gesetzestexte ließen sich finden, doch wirkten sie so als kämen sie von verschiedensten Orten. Aber dazwischen konnte man auch Unmengen an Romanen finden. Genauso aber auch ungebundene Manuskripte oder sogar lose Blätterhaufen lagen und standen in den Regalen und verstaubten gemächlich vor sich hin, während die Regale an der Last zu zerbrechen schienen. Links und rechts an den Wänden standen kleine und große Kommoden, zwei kleine waren sogar übereinander gestapelt. Ein Aktenschrank lies sich auch finden, doch lud er mit seinen riesigen Rostflecken und seiner klapprigen Gestalt nicht dazu ein ihn zu benutzen, um ihn davor zu schützen ein Teil der hiesigen Staubmengen zu werden. Und genau wie die Regale barsten die Schränke und Kommoden regelrecht unter der Masse an Papieren, kleineren und größeren Gerätschaften, unter denen der Mann auch so ein Ding zu erkennen glaubte, was die fiese Furie zuvor auch auf ihn gerichtet hatte. Es fanden sich aber auch einige Steppenpflanzen und Steine zur Dekoration oder als Briefbeschwerer, genauso wie ein kleines Bäumchen, das keine Blätter besaß und so aussah als würde es aus einem schwarz-grauen, porösen Gestein bestehen. In der Mitte des Raumes thronte auf dem rot-braun gemusterten Teppich, aus dem bei jedem Schritt Staubwolken empor quollen, der mächtige Schreibtisch, der im Stil den alten Bücherregalen ähnelte. Die Tischplatte allerdings bestand mittlerweile zu gut zwei Dritteln aus anderen Holzbrettern. Auch hier stapelten sich über und über die Papierberge, die jedes kleine Dekoobjekt, sogar ein Bild aber auch Arbeitsgeräte unter sich begruben wie Wüstensand. Dahinter saß, auf einem erstaunlich intakten und vor allem sauberen Bürostuhl ein alter Mann. Er trug ein ockerfarbenes Hemd, darüber eine prall gefüllte Kampfweste in Wüstentarnfarben und schließlich ein offen getragenes Cort-Sakko. Die groben, Sonnen gebräunten Hände, die gefaltet auf dem Tisch lagen zeugten von einem Leben voller harter Arbeit, die Schultern waren von der Last einer unbekannten Verantwortung eingefallen, wie das erschöpfte, schartige Gesicht und dennoch strotzten die braunen Augen unter den ergrauten Augenbrauen vor Kraft und Entschlossenheit gepaart mit der Ruhe und Weisheit eines langen Lebens.
    "Hier ist dein Drakora." raunte seine Retterin wider Willen und schubste den immer verwirrteren Mann etwas näher an den Tisch. "Was für ein Ding?" fragte der Unbekannte etwas überrumpelt und blickte zwischen der sicherlich menschenfressenden Dämonin und dem alten Mann hin und her. Dieser jedoch hob ein Wort zu verlieren die linke Hand und kratzte sich über den über den grauen Vollbart während er den Unbekannten musterte. "Mir war ja klar, dass die Viecher wandlungsfähig sind, aber dass das so weit geht hätte ich nicht erwartet.“ Die tiefe, raue Stimme brummte nachdenklich und doch schob sich ein scherzhaftes Schmunzeln durch den dichten Bart. Der Neuankömmling allerdings litt mittlerweile an akuter Hirnverdrehung und machte sogleich dem Chaos in seinem Kopf mit einem simplen aber bedeutungsvollen Ausruf Luft: „Was?!“ Der alte Mann fing herzhaft an zu lachen als er sich erhob und um den Tisch herum humpelte. Der Blick des jüngeren fiel dabei auf die Beinprothese, die an die Holzbeine aus alten Piratengeschichten erinnerte aber aus wesentlich mehr Metall und Kunststoff bestand. „Du kommst wohl nicht von hier, oder Junge?“ Der Gefragte schüttelte nur den Kopf „Na macht nichts aber dann sag doch mal wo du dann herkommst.“ Das ungute Gefühl im Magen des Unbekannten wurde immer schlimmer und schnürte ihm schon fast die Kehle zu: „Ähm...aus Berlin.“ Der darauf folgende irritierte Blick des Alten machte es dann auch nicht besser, sondern bestätigte nur seinen Verdacht, dass hier wirklich gar nichts zu stimmen schien. „Hmm...Berlin...noch nie gehört aber man kann ja nicht alles wissen, nicht wahr? Allerdings kann das auch nicht sonderlich nah sein, in der Umgebung kenne ich mich schließlich aus. Welcher Habitatkomplex ist denn da in der Nähe?“ Die freundliche und vor allem lockere Art des Mannes wäre schon richtig Balsam für seine Seele gewesen, wenn es da nicht diese gravierenden Unstimmigkeiten gegeben hätte. Wie konnte man deutsch sprechen aber Berlin nicht kennen? Und was bitte war ein Habitatkomplex? „Also...ich...“ Er musste erst mal das Wirrwarr in seinem Kopf sortieren. Er rieb sich die Stirn während er erneut ansetzte „Könnten...könnten sie mir erst mal sagen, wo ich hier bin?“ Der alte Mann runzelte ein wenig die Stirn, zuckte aber mit den Schultern und antwortete: „Du bist hier im Versorgungsaußenposten 6 der Republik von Ulenn.“ Eine weniger hilfreiche Antwort hätte der Unbekannte wohl kaum bekommen können weshalb er seinen Gesprächspartner nun auch wie ein Auto anstarrte. „Stimmt etwas nicht mit dir, Junge?“ Auch dem Alten ging allmählich auf, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte und stemmte die Hände in die Hüfte. „Wo...ähm...liegt denn dieses U...lenn?“ Ein zweifelhaftes Lachen kam aus dem Bart und der dazugehörige Träger verschränkte nun die Arme vor der Brust während er ungläubig zu der Frau im Schutzanzug, die bisher still und nahezu regungslos etwas abseits gestanden hatte. Als sie den Blick bemerkte seufzte sie aber kurz „Ich glaub' er hat sein Gedächtnis verloren. Zumindest weiß er seinen Namen nicht mehr.“ Der Alte zog die Augenbrauen hoch und strich sich mit der Hand über den Mund „Das könnte natürlich die Erklärung sein aber...“ er machte eine kurze Pause und musterte den Unbekannten noch mal nachdenklich „...er wusste ja auch wo er herkommt.“ Jetzt redeten die beiden doch tatsächlich über ihn als wäre er nicht da und ihm platzte dabei wirklich jeden Moment der Schädel. „Könnten sie mir nicht einfach in einem ihrer Atlanten zeigen wo wir sind? Dann kann ich ihnen auch gleich zeigen wo ich herkommen.“ Die Reaktion auf seinen Vorschlag, den er selbst für ziemlich vernünftig gehalten hatte, war allerdings mehr als unerwartet, denn anstatt, dass er einfach einen der Atlanten holte, blickte der Alte ihn an als hätte er gerade chinesisch rückwärts gesprochen. Noch mehr verwunderte ihn aber das selbst die stahlharte Frau Möchte-gern-Soldatin irritiert reagiert und ein etwas zickiges „Die stimmen doch alle schon seit Ewigkeiten nicht mehr!“ Der Unbekannte lies schnell seinen Blick über die Bücher, die er eindeutig als Atlanten identifizieren konnte und fand schließlich auch wonach er suchte „Aber da steht sogar der Atlas den ich vor zehn Jahren noch in der Schule benutzt habe. Der war zwar damals auch schon ein bisschen veraltet aber was soll 's. So lange da die DDR oder die Sowjetunion drin steht, reicht 's doch.“ Noch während er sprach, ging er hinüber zu dem Regal und zog das große Buch heraus. Zu seiner Verwunderung aber machte es den Anschein als wäre es wirklich uralt. Der Buchrücken war zwar noch größtenteils intakt aber der Vorderdeckel lies einige Teile vermissen während der Rückendeckel schlichtweg komplett fehlte. Das untere Ende der Seiten war etwas angekokelt als hätte man das Buch vor einem nahen Feuer gerettet. Schon jetzt konnte er sehen, dass wohl kaum eine Seite unbeschädigt war, manche waren wohl auch lose und schauten heraus. Er wollte gar nicht wissen, wie viele Seiten wohl fehlen würden. Er hoffte nur, das die Weltkarte noch einigermaßen intakt war als er wieder zu dem Schreibtisch ging und den Atlas ablegte. Der Alte trat interessiert aber auch etwas skeptisch näher und selbst Miss Ich-muss-nicht-freundlich-zu-einem-Kerl-der-seinen-Namen-vergessen-hat-sein kam hinzu als der Unbekannte vorsichtig das Buch aufschlug und durch die stark vergilbten Seiten blätterte bis er endlich die topographische Weltkarte gefunden hatte. Nun Südamerika hatte zwar jemand herausgerissen aber das würde hoffentlich nicht so sehr stören. Dafür konnte man das riesige Eselsohr, das sich von der oberen Ecke der rechten Seite bis nach Russland hinein erstreckte einfach wieder umklappen. „So, also ich komme von da.“ Er kam sich schon irgendwie seltsam, ja fast etwas dumm vor als er mit dem Finger auf Berlin zeigte „Und wo bin ich jetzt?“ Nachdenklich beugte sich der Alte über die Karte und schaute sie sich eingehend an. Wie schwer konnte es sein den eigenen Standort auf einer Karte zu finden? Er fuhr mit dem Zeigefinger hier und da über das Papier, legte den Kopf mal auf die linke, mal auf die rechte Seite und drehte schließlich den Atlas etwas bevor er dann endlich etwas sagte: „Ich denke, so sollte es in etwa stimmen. Wenn ich recht habe, müssten wir uns also ungefähr hier befinden.“ Er deutete mit dem Finger knapp unter die Inselgruppe Spitzbergen und schaute dem Unbekannten dann kurz in sein mehr als fragendes Gesicht bevor er fort fuhr: „Ich befürchte allerdings, dass dein Gedächtnis ziemlichen Schaden genommen hat, denn...naja...dieser Atlas ist irgendwas um 2000 Jahre alt.“ Der Unbekannte blickte nun seinerseits in ein ernstes und zugleich besorgtes Gesicht. 2000 Jahre, das war doch lächerlich. Gerade war es noch 2011 und jetzt sollte es auf ein Mal 4011 sein? Na wohl kaum. Die wollten ihn doch auf den Arm nehmen. Auf der anderen Seite aber stellte sich die Frage warum sie das tun sollten. Und warum ihn, warum so aufwändig, das ergab doch alles keinen Sinn! Aber das er eine Zeitreise gemacht haben soll, erschien ihm eigentlich noch wesentlich hirnrissiger als das irgendwer ihn in eine Wüste oder wo auch immerhin verschleppt hat und ihn dort in einer extra dafür gebauten Stadt, die so aussieht als wäre sie irgendeinem Endzeitschinken entsprungen, versucht einzureden er hätte eine Zeitreise gemacht. Und zu welchem Zweck? Geld, Spaß, seltsame Experimente oder vielleicht kranke Psychopathen? Gut, letzteres würde wohl wieder auf Spaß hinaus laufen.
    Als es nicht den Anschein machte, dass sich der Unbekannte all zu bald aus seiner irritierten und nachdenklichen Schockstarre lösen würde ergriff der Alte erneut das Wort: „Aber es ist auch bereits spät. Ich schlage vor wir legen uns erst mal schlafen und morgen bringen wir dich zu unserem Arzt. Im Zimmer meiner Tochter steht noch ein Bett, da kannst du schlafen. Ihr habt euch ja sicherlich schon so gut es ging bekannt gemacht.“ Dem Fingerdeut auf dieses bösartige Mannsweib entnahm der Unbekannte, dass er mit seiner Tochter wohl eben jene blutrünstige Harpie meinte. Was ihm gewisser Maßen den Atem verschlug. Erstaunlich genug dass sie nicht aus irgendeinem feurigen Loch oder einem Drachenei geklettert ist aber das ihr Vater vom Wesen her so ganz anders zu sein schien war schon merkwürdig. Und mit der sollte er jetzt auch noch in einem Zimmer schlafen? Moment, er war schon so verwirrt, dass er sich bereits um die falschen Dinge Sorgen machte. „Halt, halt, halt...mal nicht ganz so schnell. Anstatt hier irgendwo mit dieser...“ Er stockte kurz und überlegte, ob es wirklich so gesund war jetzt etwas falsches über die Tochter des alten Mannes zu sagen, vielleicht konnte er auch so reagieren wie sie „...also...ich würde eigentlich lieber in meinem eigenen Bett schlafen. Ich wäre ihnen also sehr dankbar, wenn sie mich da wieder hinbringen könnten.“ Er war tatsächlich in gewisser Weise außer sich aber immerhin hatte man ihn auch anscheinend entführt. Der alte seufzte und blickte kurz zu seiner Tochter, vielleicht war sie ja auch nur adoptiert „Junge, ich kann mir denken, dass das nicht leicht zu begreifen ist. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen wie es sein muss, dass Gedächtnis verloren zu haben...oder gar falsche Erinnerungen zu haben und gesagt zu bekommen das alles anders ist. Aber du musst dir eine Frage stellen: Willst du dem glauben was du siehst und gesagt bekommst oder willst du lieber deinem Verstand trauen, der nicht mal deinen eigenen Namen sagen kann?“ Der Unbekannte wollte schon dagegen argumentieren als ihm auffiel, dass er irgendwie keine stichhaltigen Argumente besaß. Aber woher wusste er dann zum Beispiel wo er wohnte? Hatte er es vielleicht einfach nur mal irgendwo gehört und sein Hirn versuchte jetzt diese Information in Ermangelung von Alternativen als die Wahrheit zu nehmen? Ihm dröhnte der Schädel und allmählich wurde ihm schlecht. Warum wurde ihm denn jetzt auch noch schlecht?
    Der Alte trat auf ihn zu und legte ihm seine kräftige Hand auf die Schulter „Schon in Ordnung, Junge. Ruh dich erst mal aus und morgen sehen wir dann weiter. Mein Name ist übrigens Antanasius Krasis aber der Vorname reicht völlig. Und Seena kennst du ja schon.“ Dieser Bär von Mann verstand es wirklich Leute zu überzeugen und zu beschwichtigen oder der Unbekannte war einfach nur zu fertig um noch Widerstand zu leisten. Wobei das eh nicht seine Stärke war. Und vielleicht hatte er ja sogar recht, vielleicht würde morgen wirklich alles anders aussehen. Er seufzte und lies die Schultern hängen, jedenfalls wäre ihm morgen sicherlich nicht mehr so übel.
    „Dann komm mal mit, Kleiner.“ sagte Seena dann bereits auf ihr distanzierte, genervte Art und machte sich schon daran das Zimmer zu verlassen, der Unbekannte folgte kurz darauf. „Ich wünsche eine erholsame Nacht und Töchterchen, sei nett zu ihm.“ Die angesprochene reagierte allerdings nur mit einem kurzen Wink ihrer Hand auf die Worte ihres Vaters ohne überhaupt stehen zu bleiben, geschweige denn sich noch mal umzudrehen. Der Unbekannte konnte allerdings noch ein leises Knurren hören. Fragte sich nur, ob er diese Nacht überhaupt lebendig überstand, wenn er schon das Zimmer mit ihr teilen musste. Antanasius blickte den beiden noch lächelnd hinterher bis sich seine Miene wieder verdunkelte als sie weg waren. Das ganze gefiel ihm nicht. Wer war dieser Fremde und woher wusste er etwas von der alten Welt? Das Antanasius davon wusste grenzte ja schon fast an ein Wunder. Da war es eigentlich fast noch verwunderlicher, dass dieser Fremde ausgerechnet bei ihm aufschlug. Irgendetwas war da faul.
    Der Weg zu Seenas Zimmer war nicht weit, ein Mal schräg durch den Flur und schon waren sie da. Im Gegensatz zu dem Büro ihres Vaters war Seenas Zimmer geradezu kärglich eingerichtet. Wenn er an Seena dachte schoss ihm gleich spartanisch in den Kopf Und tatsächlich traf es das ganz gut. Das kleine Zimmer beinhaltete lediglich zwei Feldbetten von denen eins hochkant an der Wand lehnte, einen grünen Aktenschrank, der wesentlich besser erhalten war als der im Büro, einen Kleiderschrank, der mit seiner äußerst simplen Form zwar kein Prunkstück darstellte, mit seiner seltsam körnigen Oberfläche aber doch ein gewisses Interesse weckte, dazu kam ein weiterer, kleinerer Schrank, der einen ziemlich massiven Endruck machte und nicht wirklich verriet wie man ihn denn öffnen könnte und als letztes gab es noch eine kleine Sitzecke mit zwei alten Sesseln und einem schlichten, runden Tisch auf dem ein Handheld-PC lag und damit war das Zimmer auch schon im Grunde voll, vor allem wenn sie gleich das zweite Bett aufstellten.
    Seena war schon zum Kleiderschrank gegangen und hatte ihn geöffnet und kramte eine Decke und ein Kissen hervor, doch war es eher der restliche Inhalt, der es dem Unbekannten angetan hatte. Die Kleidung, die da lag und hing war weitgehend sportlich, pragmatisch und auch nicht sonderlich abwechslungsreich also eigentlich genau das was er von einem Ungeheuer, dass unter dem Schutzanzug sicherlich eine schuppige Echsenhaut versteckte zu getraut hatte. Zu seinem Erstaunen allerdings hing dort noch eine ganze Reihe an Freizeitkleidern und die waren gar nicht mal unschick. „Inspizierst du immer erst die Klamotten, der Leute, die dich aufnehmen?“ blaffte sie ihn plötzlich von der Seite an während sie mit wenigen Schritten wieder beim Schrank war und die Türen zuschlug. „Ich...ähm...hab mir nur den Schrank angesehen.“ Er stellte sich zu ihr und strich mit einem Finger über die leicht aufgeraute Oberfläche. Es fühlte sich seltsam an. Die obere Schicht bestand aus unterschiedlich großen Körnern, die sich sogar leicht verschieben ließen. Und wie ihm dann auffiel als er den Finger wieder weg nahm veränderten sie so auch ihre Farbe. „Was ist das denn für 'n Zeug?“ Und blickte fragend zwischen Seena und seiner Fingerspitze hin und her an der jetzt ein paar der Körner klebten. „Man, hoffentlich weisst du wenigstens noch wie man isst und scheißt. Aber egal, das war mal 'ne gelartige Schicht mit der man die Farbe vom Schrank elektronisch ändern konnte.“ Wenn man von dem ersten Satz absah dann war die Antwort sogar relativ ruhig, ja fast schon in einem netten Plauderton. Irgendwo im Inneren machte ihm das etwas Angst aber die Neugier überwog und so wollte er die Chance doch nutzen: „Und was ist damit passiert, sieht ja jetzt etwas seltsam aus.“ Tatsächlich präsentierte der Schrank sich in einem Muster aus dunkelblauen und perlweißen Längsstreifen, die doch recht individuell und eigenwillig waren was ihre breite und Geradlinigkeit anging. „Das Gel ist ausgetrocknet und meine Schwester hat dann in einem Anflug von Langeweile Stunden damit zugebracht die übrig gebliebenen Kristalle gleichmäßig auszurichten.“ Sie hatte noch eine Schwester? Hoffentlich kam die wenigstens mehr nach ihrem Vater. Aber noch während sie sprach fing Seena schon an sich an dem Verschluss ihres Helms zu schaffen zu machen und klappte schließlich die gesamte Front ein Stück nach vorn und zog ihn sich vom Kopf. Zum Vorschein kam ein schlankes, langes Gesicht mit scharfen Konturen. Über dem spitzen Kinn lag ein schmaler Mund, gefolgt von einer dünnen und gleichfalls spitzen Nase und zum Schluss die stahlgrauen Augen, die sich in das Gesicht betteten als wäre es eine Einheit. Alles in allem hätte ihr Gesicht durch eine schlichte Eleganz bestechen können, wäre da nicht ihre eiserne Mimik, der schneidende, misstrauische Blick und die drei parallelen Narben, die sich von ihrem linken Ohr hinunter über die Wange und den Mund bis hin zum Kinn zogen. Sie schüttelte ihren Kopf damit sich ihre schulterlangen, rehbraunen Haare, die sie zu einem einfachen Zopf zusammengebunden gebunden hatte, wieder richteten. Irgendwie hatte er sie sich anders vorgestellt. Er hatte mehr an so ein Mannsweib gedacht mit 3-mm-Kurzhaarfrisur und einer Hakennase aber zumindest die Narben passten ins Bild. „Is' was?“ fragte sie scharf nachdem er sie einige Zeit fast schon angestarrt hatte „Äh...nein.“ erwiderte er hastig und beeilte sich eine Ausrede zu finden „Ich...ähm...hab mich nur gefragt, ob du dir den Schrank mit deiner Schwester teilst.“ „Nein.“ kam es prompt und kühl zurück „Achso, ich dachte nur wegen den Kleidern.“ Seena wand ihren blick kurz zum Schrank und verzog den Mund nachdenklich zur Seite. Innerlich lachte der Unbekannte sich bereits ins Fäustchen. „Ach, die meinst du.“ Sie zog die Augenbrauen zusammen und schnalzte mit der Zunge, sie wirkte fast etwas ertappt „Doch, doch, die gehören meiner Schwester.“ Triumphal grinste er in sich hinein bei dieser eiligen Ausrede, vielleicht bestand Seena ja doch nicht nur aus einer stahlharten Schale, die keinen Platz mehr für einen Kern lies. Aber wie als könnte sie sein innerliches Grinsen sehen, verpasste sie ihm einen gar nicht mal so sanften Hieb auf den Hinterkopf „Hab' ich dir nicht gesagt, du sollst nicht in meinen Sachen rumschnüffeln?!“ „Und hat dein Vater dir nicht gesagt, du sollst nett zu mir sein?“ Gab er schon richtig trotzig und rieb sich den Hinterkopf „Wäre ich nicht nett hätte dein Gesicht mittlerweile eine andere Form. Und jetzt geh endlich schlafen.“ keifte sie böse und deutete energisch mit dem Daumen über die Schulter auf das an der Wand lehnende Feldbett, dann marschierte sie bereits auf ihr eigenes Bett zu, jedoch nicht ohne ihn noch mal kräftig anzurempeln. Der Unbekannte seufzte leise und rieb sich nun auch die schmerzende Schulter, also doch ein böser Drache.
    Er ging zu seiner Pritsche und lies sie mit einem kurzen Schubs auf den Boden fallen krachen. Selbst hier noch stob dabei der Staub in Unmengen von Boden und Pritsche hoch. Eine Zeit lang blickte er seine Schlafmöglichkeit zweifelnd an aber was blieb ihm sonst schon übrig. Er nahm die Decke und das Kissen auf, die Seena auf den Boden neben das Bett gelegt hatte, schüttelte sie kurz aus und legte sie dann etwas lustlos wieder auf der Pritsche ab. Er blickte noch mal zu Seena, die auf ihrem Bett saß und an ihrer Waffe rumhantierte. Er zweifelte etwas an ihren Absichten, vermutlich hätte sie ihn lieber auf dem Boden schlafen lassen. Er wunderte sich aber auch darüber, dass sie anscheinend noch nicht ein mal begonnen hatte ihren Anzug abzulegen. Er wand sich mit einem stille Seufzer wieder von ihr ab.
    Er setzte sich sich aufs Bett und zögerte einen Augenblick, dann legte er sich hin. Voll bekleidet lag er da auf einem harten Feldbett und einem klumpigen Kissen. Mit einem Arm unter dem Kopf und dem anderen auf dem Bauch blickte er an die Decke. Unmengen an Gedanken jagten ihm durch den Kopf und jetzt wo ihn keine Konversation mehr ablenkte prasselte das alles ungebremst auf ihn ein. Wo war er hier? Wie war er hergekommen? War er wirklich über 2000 Jahre in der Zukunft? Oder wollte man ihn tatsächlich nur verarschen? Doch was wenn nicht? Was war wenn er tatsächlich in einer augenscheinlich zerstörten und lebensfeindlichen Zukunft gelandet war? Jeder den er kannte war bereits seit Jahrhunderte, ja seit Jahrtausenden tot, im Grunde wusste niemand mehr, dass es ihn überhaupt gab. Und wenn er doch nicht in der Zeit gereist war? Wenn er wirklich schon immer hier gelebt es aber nur vergessen hatte und dafür jetzt irgendwelche Informationen aus seinem Unterbewusstsein, vermutlich aus dem Geschichtsunterricht oder einer Doku oder was es hier auch immer vergleichbares gab, als Ersatz herhalten mussten?
    Allmählich merkte er wie ihm wieder kalt wurde, nicht so sehr wie draußen aber er fröstelte schon. Er griff sich die Decke, die aus erstaunlich dicken Haaren gefertigt und entsprechend kratzig war aber immerhin erfüllte sie ihren Zweck. Mit einer Hand auf der pochenden Stirn und der anderen auf dem immer noch rumorenden Magen drehte er sich zur Seite und eher er sich versah, schweige denn das er es darauf angelegt hatte schlief er ein.
    Am nächsten Tag schleifte Seena den Unbekannten wieder durch die Siedlung, dieses Mal aber rein verbal. Die Sonne stand mittlerweile wieder hoch am Himmel und brannte durch den grünlichen Schimmer hindurch, der das einzige war mit dem sich die Sonne den absolut wolkenlosen Himmel teilen musste. In den Gassen herrschte nun recht geschäftiges Treiben. Auffällig war, dass die meisten Menschen, die sie trafen volle oder leere Wasserkanister trugen. Es fuhr sogar ein Mann auf einem sechsrädrigen Gefährt, das aussah wie ein langes Quad, an ihnen vorbei auf dem sich ebenfalls die vollen Kanister stapelten.
    So gut wie alle trugen dabei leichte, zweckdienliche Kleidung. Häufig hatten sie sogar das gleiche an. Er sah gerade mal zwei weitere, die mit einem Anzug rumliefen, der dem von Seena glich. Auch diese beiden waren bewaffnet gewesen, hatten aber gerade an einem Imbiss gestanden und waren dabei gewesen eine Mahlzeit am Spieß vertilgen. Was genau das allerdings war hatte der Unbekannte nicht sagen können. Jedoch waren die Anzugträger nicht die einzigen mit einer Waffe. Wenigstens jeder dritte trug eine Waffe bei sich. Die Vielfalt war weitreichend von Pistolen über Schrotflinten bis zu tragbaren MG's war so ziemlich alles vertreten.
    Bald schon musste er aber auch feststellen, dass die Siedlung kleiner war als er gedacht hatte. In der Nacht hatten die vielen Lichter alles viel größer und weitreichender wirken lassen, vielleicht hatte aber auch seine Verwirrung ihren Teil dazu beigetragen oder der Stress oder die Müdigkeit oder eine wie auch immer geartete Mischung aus alle dem. Zumindest wusste er aber jetzt, dass es nur einen kurzen Spurt brauchen würde um wieder in der kargen Steppe zu stehen, egal wo er sich gerade in der Siedlung aufhielt.
    Seena führte den Unbekannten mit schnellen Schritten durch die Gassen. Als sie ihn geweckt hatte, steckte sie auch bereits wieder in ihrem Anzug. Das war jetzt vielleicht eine Stunde her aber genau konnte er es nicht sagen, denn er hatte leider feststellen müssen, dass seine Uhr das zeitliche gesegnet hatte, wie ironisch. In der Zwischenzeit hatte Seena ihm sogar Essen serviert, also sie hatte es auf ihre spezielle Art getan und ihm wortlos einen gefüllten Teller und ein ebenso gefülltes Glas in die Hand gedrückt kaum das er aufrecht im Bett gesessen hatte aber für sie war sicherlich selbst das eine Überwindung. In dem Glas befand sich relativ unspektakuläres Wasser auch wenn es zu seinem Erstaunen gekühlt war. Das Essen hingegen sah da schon befremdlicher aus. Es erinnerte ihn nicht sonderlich an das, was seine Erinnerung unter Essen verstand. Wieder so eine Sache, die es ihm schwer machte zu glauben, dass er schon immer in dieser Welt gelebt hatte und nur die Erinnerung daran verloren hatte. Oder sah die Welt vielleicht nur hier in der Gegend so beschissen aus?
    Auf seinem Teller lagen drei graue Riegel, die wohl so eine Art Brot waren darstellen sollten und ein paar Streifen Trockenfleisch. Die Brote waren tatsächlich nicht viel größer als ein Schokoriegel, wenn auch wenigstens doppelt so lang. Unter der knusprigen Kruste kam ein dichter und schwerer Kern zum Vorschein, der eine feine, schwarze Marmorierung aufwies. Es schmeckte süßlich und zugleich angenehm würzig aber wie nichts, dass er zu kennen glaubte. Er war aber auch kein großer Feinschmecker als war auf seine Geschmacksknospen eh kein großer Verlass. Am sonderbarsten war aber das es den Anschein hatte als würde das Brot ihn leicht von innen kühlen. Er dachte schon das wäre das erste Zeichen des nahenden Wahnsinns aber auf sein Nachfragen hin, erklärte Seena ihm etwas schroff, dass in dem grauen Zeug nicht nur alles drin war, was man so zum Überleben brauchte, sondern auch ein Chemikalienmix enthalten war, der tatsächlich eine kühlende Wirkung hatte. Beim Unbekannten machte sich die Frage breit wie viele Bissen es wohl brauchen würde bis er von diesem Brot Krebs bekäme, doch schon im nächsten Augenblick zuckte er schon mit den Schultern und bis erneut in den Riegel. Das Fleisch hielt allerdings keine Hightech-Spielereien parat, war aber trotzdem ganz lecker.
    Und dennoch konnte er sein Essen nicht wirklich genießen. Das lag in erster Linie gar nicht mal daran, dass die quälenden Fragen vom Vorabend immer noch auf seinen Magen drückten. Nein, seine Appetitlosigkeit hatte eine viel profanere Ursache, Übelkeit, die gleiche, die ihn auch schon am besagten Vorabend gequält hatte und nun zurückkehrte. Er hatte gerade mal ein paar Bissen runter bekommen und das Glas zur Hälfte geleert da begann sich sein Magen regelrecht zu verknoten. Er dachte anfangs noch, dass wäre einigermaßen tolerierbar, doch als ein plötzlicher Brechreiz die Portion auf seinem Teller wieder auffüllte, machte er sich doch etwas Sorgen. Seena, die dem Unbekannten stumm beim Essen zugesehen hatte, knurrte verärgert.
    Mittlerweile hatte sich die Übelkeit wieder zu einem Hintergrundrauschen abgeschwächt aber sie war trotzdem noch auf eine Art präsent, die ihm fremd war und damit doch recht beunruhigte. Seena führte ihn zu einem Platz in der Mitte der Siedlung. Eine Seite war komplett von einem Gebäude eingenommen, das sich zum einen durch seine Größe und zum anderen durch seine Bauweise vom Rest der Siedlung abhob. Im Gegensatz zu den anderen Häusern war es keine Improvisation, sondern machte eher den Anschein als bestünde es aus einem Guss und schimmerte in einem matten weiß mit einem ganz schwachen Blaustich. Tatsächlich war der große Klotz eigentlich sehr angenehm für die Augen, da er kaum blendete, wirkte aber mit seinem futuristischen, kantenlosen Äußeren doch sehr fehl am Platz an einem Ort, wo man denken konnte, dass es einzig ums Überleben ging. Aus den vielen unzähligen Lüftungsschächten, die aus dem Dach ragten, strömten unablässig Luftmassen nach draußen und es drang noch ein weiteres Dröhnen hindurch, das auf eine vielleicht sogar mehrere große Maschinen im Inneren schließen ließen.
    In der Mitte des Platzes stand ein hoher Turm. Das Metallkonstrukt, das die Siedlung gut um das Doppelte überragte, hätte man allerdings auch nur als ziemlich großen Hochstand bezeichnen können. Oben auf der luftigen Konstruktion aus Metallröhren thronte die kleine, überdachte Aussichtsplattform. Die Geländer waren geziert mit kleinen Kästen aus denen jeweils eine kleine und eine große Antenne ragte und dazu verfügte jede der vier Seiten über ihr eigenes Geschütz. Abgerundet wurde das dann schließlich von einer hohen Antenne auf dem Dach, auf der eine große, pechschwaze Kugel saß.
    Seena steuerte mit einem gehörigen Tempo auf den bläulichen Klotz zu, aus dem just in diesem Augenblick Antanasius trat. Begleitet wurde er von einem uniformierten Mann. Er trug dunkelblau mit hellblauen Akzenten und silbernen Verzierungen. Doch er verabschiedete sich nach wenigen Schritten mit einem kräftigen Händedruck bereits und ging schnellen Schrittes hinter das große Gebilde. „Ah, da seit ihr ja bereits. Wie war die Nacht?“ fragte der Alte dann mit einem freundlichen Lächeln als sich Seena und der Unbekannte näherten „Ruhig.“ Brummte Seena. „Ähm...naja... ungewohnt.“, fügte der Unbekannte dann hinzu, „Den Morgen fand' ich allerdings schlimmer.“ Antanasius blickte etwas irritiert aber vor allem fragend zu seiner Tochter, die immer noch etwas verärgert erwiderte: „Er konnte sein Frühstück nicht bei sich behalten.“ Der alte Mann nickte langsam und strich sich dabei durch seinen Bart „Na wir wollten ja so wie so den Arzt aufsuchen. Und danach versuchen wir mal herauszufinden wo du eigentlich herkommst.“ Er hatte kaum ausgesprochen da setzte er sich auch schon ruhigen Schrittes in Bewegung, vorbei an dem großen Gebäude. „Wir?“ Seenas Einwand klang gewohnt genervt und mürrisch, man könnte glatt meinen, die würde es bereuen den Unbekannten überhaupt mitgenommen zu haben. „Ja, wir meine Liebe, immerhin hast du ihn ja gefunden.“ Unermüdlich schien das sanfte Lächeln von Antanasius durch seinen Bart während seine Tochter nur noch mit den Augen rollen konnte. Allmählich dann aber auch etwas genervt von Seenas Art wand der Unbekannte seine Aufmerksamkeit lieber wieder auf die Umgebung und als sie den dröhnenden Kasten umrundet hatten, sah er dabei auch wieder den uniformierten Mann, der neben einem Fluggerät stand, das fast genauso groß war wie das Gebäude an das es mit vier dicken Schläuchen angeschlossen war. Er hatte allerdings nicht viel Zeit die Szenerie genauer zu betrachten, da Seena ihn bereits am Oberarm packte und hinter sich her in ein anderes Haus zerrte. „Hier geht’s lang, Kleiner.“ kläffte sie ihn noch an bevor sie ihn ihrem Vater hinterher weiter ins Haus schubste und dann die Tür schloss. Der Unbekannte fand sich nun, nachdem er Seena noch einen verärgerten Blick zugeworfen hatte, in einer Art Arztpraxis wieder, doch machte das meiste einen recht improvisierten Eindruck. Der Schreibtisch vor dem man zum Stehen kam, war Büro und Rezeption in einem. Dort stand ein Computer, der nur aus Tastatur und Monitor bestand, ein weiterer Handheld-PC und ein Windrad aus zusammengeschweißten Blechen. Hinter dem Schreibtisch erstreckte sich ohne jede Abgrenzung bereits der Behandlungsraum. In der Mitte stand ein blauer Zahnarztstuhl, der umringt war von Schränken und Regalen auf denen auch noch einige Apparaturen standen, über deren Verwendungszweck der Unbekannte auch nur spekulieren konnte.
    Der Arzt hatte sich bereits von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch erhoben und reichte Antanasius die Hand. Er trug einen weißen Kittel auf dessen rechter Brust ein goldener Kreis mit einem tief blauen Wellenberg darin thronte. Der Mann war vielleicht Mitte 30, trug eine verwegene, schwarze Mähne und hatte ein schneidiges Lächeln im Gesicht bei seiner Begrüßung „Ah Antanasius, beehren sie mich auch mal wieder? Und wie ich sehe haben sie gleich noch jemanden mitgebracht.“ Dem Unbekannten war der Kerl war dieser Kerl gleich unysmpathisch, er kam zwar sehr charmant rüber mit seinem Lächeln aber er wirkte auch recht großspurig. Und als wolle er die Einschätzung des Unbekannten unterstreichen, ging er gleich zu Seena weiter und sein Lächeln wurde nur noch charmanter oder schleimiger „Immer wieder schön dich zu sehen, meine Liebe. Soll ich dir die Narben im Gesicht wirklich nicht entfernen? Du würdest dann noch hübscher aussehen, auch wenn das jetzt schon schwer zu überbieten ist.“ Seena stand regungslos da, die Arme auf ihre Waffe, die vor ihrem Bauch hing, gestützt und blickte ihn giftig an „Eher entferne ich dich, wenn deine Schleimspur das nicht vorher tun sollte.“ Der Unbekannte konnte sich bei diesen frostig, bösen Worten kaum ein hämisches Grinsen verkneifen aber das musste er auch gar nicht, denn es blieb ihm bereits im Hals stecken als der Arzt erfreut zu lachen begann „Habe ich da etwa ein Fünkchen Sorge gehört? Mach dir mal keinen Kopf, ich rutsche schon nicht aus.“ Seena blieb weiterhin erstarrt und durchbohrte ihn mit ihrem blick. Ihre einzige Reaktion war lediglich ein kurzes Zittern ihrer Nasenflügel.
    Endlich wand sich der Arzt aber dem Unbekannten zu, setzte ein freundlich interessiertes Lächeln auf und schlug die Hände zusammen als er ihn ansprach: „So, und wen haben wir denn nun hier? Da ich sie noch nie gesehen habe, müssen sie hier neu in der Siedlung sein. Ich kenne nämlich jeden hier, müssen sie wissen.“, Er fasste sich mit der linken Hand ans Kinn und stützte den Arm mit der rechten, während er den Unbekannten kurz musterte und gleich fortfuhr, „Hmm...tja...ihrem Aussehen nach würde ich mal schätzen, dass sie entweder freiwillige Sozialarbeit leisten wollen, ein mittelständischer Bürger, der mal ein Abenteuer erleben möchte oder ein Kleinkrimineller sind, der hier seine Strafe abarbeiten muss.“ Er lie seinen Blick noch mal schnell über den mal wieder verwirrt drein blickenden Unbekannten schweifen und nickte dann noch mal bestimmt „Hab ich recht?“ „Äh..“ Zu einem intellektuell anspruchsvollerem Erguss der verbalen Art war er gerade nicht fähig, doch schaltete sich Antanasius sogleich ein: „Nein, mein Freund, heute irrt sich dein scharfer Verstand leider. Seena hat ihn letzte Nacht beim Sensorpark aufgegabelt und hergebracht. Wie er dahin gekommen ist, wissen weder wir noch er selbst, denn er hat anscheinend sein Gedächtnis verloren. Darüber hinaus hat er sich heute Morgen beim Essen übergeben.“ Der Arzt machte ein ganz erstauntes Gesicht und blickte den Unbekannten mitleidig an und verriet dabei, dass sein charmantes Lächeln das Einzige war, dass er gut vortäuschen konnte „Oh, oh, oh, das ist aber dramatisch. Nichts desto trotz möchte ich mich allerdings erst mal vorstellen, Bremel mein Name, Dr. Maruhn Bremel. Und jetzt nehmen sie doch bitte schon mal auf dem Behandlungsstuhl Platz.“ Mit einer ausladenden Geste deutete Bremel auf die Behandlungsecke bevor er selbst erst hinter seinen Schreibtisch ging und den Handheld-PC zur Hand nahm „Dann mache ich erst mal die Standardtests, das sollte schon so manches aufklären.“
  • So Mob... habs gelesen.
    Ich möchte dir vorweg mal den Tipp geben in Zukunft etwas kürzere Abschnitte zu Posten. Das ist es ja was den besonderen Reiz der Schreibwerkstatt ausmacht, dass man große Stories in kompakten Posts lesen, analysieren und bewerten kann. Ich denke hättest du deinen Post geteilt, hätten ihn auch schon mehr Leute bewertet. Gelesen haben ihn ja glücklicherweise schon n paar, jedenfalls wenn man nach den Hits geht. Alle anderen haben einiges verpasst.

    So... nun mal ans eingemachte, aber wenn du jetzt eine schonungslose, mit spitzer Zunge formulierte Kritik erwartest, die jeden kleinsten Fehler herraus stellt, dann muss ich dich enttäuschen. Es geht einfach nicht.
    Ich bin ja wirklich nicht sparsam damit Leute mit Lob zu überschütten, wenn mir etwas besonders gut gefällt. Man denke an die DbK Einleitung, Katas Brudertod in Para, Licht und Schatten von Cassi und natürlich das SiG RPG was mich im Endeffekt auch dazu gebracht hat endlich diese Story zu lesen, aber ich kann besten Gewissens und ohne Übertreibung sagen, dass dieser Post von dir, der in meinen Augen absolut beste war, den dieses Forum je gesehen hat!
    Ich will auch sagen warum...

    Natürlich ist ein großer Pluspunkt, dass es eine Endzeit Geschichte genau nach meinem Geschmack ist. Es gibt nichts was ich mehr liebe. Wer nun absolut nichts mit dem Genre anfangen kann, der wird es vielleicht immerhin trotzdem gut finden, aber nicht solch einen literarischen Orgasmus erleben :D
    Ich habe mir die Story ausgedruckt, und mir beim Lesen bestimmte Abschnitte markiert, weil ich mir für meinen Kommentar schonmal die guten und schlechten Szenen rausschreiben wollte.
    Wenn ich jetzt aus die Blätter gucke, dann findet sich darauf eine wahre Flut an Notizen: Toll, Klasse, Interessant und immer wieder Genial!
    Diese Welt, die du beschreibst ist so unglaublich stimmig, so total aus einem Guss, das mir die Worte fehlen. Deine Detailverliebtheit ist einmalig. Man denke nur an Details wie das Steppengras, welches durch den Asphalt einer ehemaligen Straße bricht, das zusammengeschusterte Gefährt von Seena, das mit Essen was der Unbekannte bekommt, der Teppich in Antanasius Büro aus dem der Staub wehte, und bei der Beschreibung des Dorfes, als der Unbekannte dort ankam, habe ich mir ein symbolisches heul daneben geschrieben, weil mir fast Freudentränen kamen.
    Ich könnte jetzt noch drei Seiten mit tollen Details deiner Story füllen, aber ich denke das reicht hier fürs erste. Hervorheben möchte ich allerdings, dass sich diese Detailverliebtheit bis zum Ende des Abschnittes zieht. Es scheint als ob du dir bei jedem Ort, bei jeder Person, bei absolut allem genau Gedanken machst wie es schön und stimmungsvoll in das Endzeitszenario von SiG passt, und ich hoffe das behältst du auch im späteren Verlauf der Story so bei.

    Um mal langsam einen roten Faden reinzubekommen will ich die Story mal kurz der Reihe nach durchgehen, und beim Titel beginnen. Der Titel Sand im Getriebe weckt natürlich Erwartungen. Ich spiele das RPG selbst, bin begeistert davon, und habe von Anfang an die SiG-Welt aus dem Spielweltenthread im Hinterkopf gehabt. Es beginnt dann auch gleich vielversprechend. Ein Mann erwacht, weiß nicht wo er ist, man vermutet in einem Krankenhaus wegen der Kanüle die ihm wohl noch in der Hand hängt, doch weit gefehlt. Er ist mitten in einer Wüste, welche wunderbar beschrieben ist, so das sich sofort ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit einstellt. Der harte Cut kommt dann aber als der Mann von seiner Wohnung in Berlin erzählt (übrigens lustig beschrieben das ehrenwerte Haus in dem er da wohnt^^). Wenn man die Welt von SiG nicht kennt wird man deutlich weniger irritiert sein als ich es war^^
    Danach geht es herrlich weiter, wie er durch die Wüste läuft, es dunkel und kälter wird, wieder diese erstklassigen Details (der Sand, der die Wärme noch speichert), und dann diese befremdliche Entdeckung des Sensorparks (wie man später aufgeklärt wird).
    Anschließend folgt eine Szene die mich einfach sprachlos gemacht hat. Ich habe mir das fette GENI, das ich daneben geschrieben habe mit drei Unterstrichen und ner Armee von Ausrufezeichen hervorgehoben. Ich meine die Szene, in der der Unbekannte auf Seena trifft und du durch den vermeindlich simplen Einsatz der Phrasen "Licht an!" und "Licht aus!" eine unglaublich bedrohliche Atmosphäre aufbaust. Die Spannung wird extrem gesteigert, bis der Unbekannte eine Gestalt mit Gewehr sieht, und dann erneut die Phrase folgt die einem fast das Herz in die Hose rutschen lässt: "Licht aus!"
    Ich kann mich davor nur verneigen, dass ist bestsellermäßig!

    Naja... da ich unmöglich jede gute Szene ansprechen kann, weil ich dafür den ganzen Text zitieren müsste, beschränke ich mich mal aufs Wesentliche, und springe zu der Begegnung mit Antanasius. Hier merkte ich zum ersten Mal, dass das ganze ja doch in der SiG Welt spielt, als vom "Versorgungsposten 6 der Republik von Ulenn" die Rede war. Wer die SiG Welt bisher nicht kannte, wird sich an dieser Stelle zwar zusätzlich noch andere Fragen stellen (wtf ist Ulenn?^^), aber genauso verwirrt sein wie ich, bei der Frage wie der Unbekannte mit seiner Gedächtnislücke (sollte nicht verschwiegen werden^^) da überhaupt hin kam.
    Es ist sehr schön und glaubwürdig dargestellt, wie der Unbekannte durch die ihm völlig Unbekannte Welt stolpert, und die dort lebenden Menschen damit umgehen.

    Generell finde ich deine Personen sehr gut dargestellt. Der Unbekannte in seiner Verzweiflung, als auch das "Mannsweib" mit den Kleidchen Seena sind tolle Charaktere. Ebenso ihr Vater, der bei der äußeren Beschreibung wie ein grober Knochen wirkte, sich dann aber als sehr liebenswürdig rausstellte, und schlussendlich auch der Arzt, der sogar durch seine Ausdrucksweise charakterisiert wird. Das sind ganz toll gestaltete Figuren, die sogar fast so gut gezeichnet sind wie die Protagonisten in Licht&Schatten.

    Kurz vor Ende des langen Abschnittes hast du dann auch noch die Erwähnung eines "High-Tech-Fremdkörpers" relativ schadlos gemeistert, nämlich als das futuristische Gebäude beschrieben wurde. Soetwas ist gerade in so abgefuckten Endzeitszenarios immer ein schwieriger Cut, weil man als Leser immer ein wenig rebelliert, und die toll gezeichnete Welt durch solche SciFi Details dahinschwinden sieht. Aber alles halb so schlimm, es geht super weiter und da ich aus dem RPG SiG ja ungefähr eine Ahnung habe was noch kommen könnte, freu ich mich richtig über soetwas *g*

    Ich weiß nicht was ich noch sagen kann. Das war ganz ganz groß Mob! Ich hoffe du schreibst bald weiter!

    Viele Grüße
    Sunki



    <Fetzen> während Sunki mich im qry mit "ich muss... [ätzende haushaltstätigkeit]" abspeist diskutiert er mit minderbeknackarschten kreaturen wie euch rum! ò.Ó

    <Cold> von sunki krieg ich kopfschmerzen