Perfektion - Eine Kurzgeschichte

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  • Perfektion - Eine Kurzgeschichte

    Perfektion
    Eine Kurzgeschichte


    Kap. I

    Vergil Alighieri war ein guter Junge. Alle sagten das über ihn. Seine Eltern, seine Lehrer, seine Geschwister... Sogar seine Mitschüler. Ein guter Junge, ja. Ein sehr schweigsamer zwar, einer, dem die letzten Modetrends nicht immer ganz bewusst waren, ja, aber ein guter Junge. Ein wenig streberhaft, einer mit Brille und etwas wilden Haaren, einer, der las in seiner Freizeit, und sogar während des Unterrichts mitdachte, ja, aber ein guter Junge.
    Und der Klassenarsch war er auch. Selbstverständlich.

    Vergil war ein Dichter, ja, so einer war Vergil, und ein Secondo war er auch (auch wenn ihm das Italienische vollends abging). Er war aber nicht irgendein Dichter, oh nein, er hatte Talent, sehr viel davon. Nur wusste das niemand. er verbrannte jedes Gedicht, nachdem er es niedergeschrieben hatte. Ach ja, und er hatte ein Ideal. Er nannte es "Perfektion", ein Ziel, für das er alles, absolut alles geopfert hätte.
    Geopfert hat.
    Aber ich greife vor.

    Nun war eben dieser Vergil eine sehr mitfühlende Person, ein Gefühlsmensch, aber ein sehr introvertierter. Manche seiner "Kameraden" lästerten bei Gelegenheit, er sei "ein Emo, der nicht wisse, wie er sich zu stylen habe."
    Man sieht, bereits jetzt sind die Grundzüge der Tragödie erkennbar. Ein Jammer, eigentlich wäre mit einer anderen Einleitung mehr Spannung zu erzielen möglich gewesen, aber ich bin ja nur der Erzähler. Ich habe die Geschichte von Vergil Alighieri nicht gemacht.
    Armer Vergil...

    Manchmal zeigte sich das Genie, das sich hinter seiner Stirn versteckte. In solchen Fällen wirkte er anders, er wollte mitteilen, seine Geistesblitze veröffentlichen. Er wurde immer entweder missachtet oder ausgelacht, darum hatte er damit begonnen, seine Werke zu vernichten. Und mit jedem Blatt Papier ging auch ein Teil seines Frohsinns in Flammen auf. Was blieb, war die Asche.

    Und dann begannen die Träume.

    Es waren weniger Bilder, die sich in dieser schicksalhaften Nacht dem jungen Vergil offenbarten, es waren Zeilen, Reime von kosmischer Eleganz, Jamben und Trochäen, die nicht von dieser Welt zu stammen schienen, ein Fest sowohl für die Zunge wie auch das Ohr. Perfektion! Das perfekte Gedicht!
    Er war hin und weg, versuchte, den Moment zu halten, das Gedicht in sein Gedächtnis zu brennen, doch vergebens. Ein Schleier legte sich über die Zeilen, verhüllte die Interpunktion, den Rhythmus, die Seriphen, und die Erinnerung, mühsam in das Bewusstsein geritzt, verblasste unaufhörlich.

    Vergil erwachte schweissgebadet, sprang aus seinem Bett und setzte sich an den kleinen Schreibtisch, wo immer vorsorglich ein Block, ein Bleistift und ein Gummi lagen. Sie waren alle bis zum heutigen Tag noch nie benutzt worden. Er wischte den Staub von der ersten Seite und begann wie besessen zu schreiben. Die Perfektion... Er musste dieses Gefühl bewahren, nur noch einen Augenblick, nicht verblassen, bitte, bitte... Es war die perfekte Inspiration.

    Und Vergil Alighieri schrieb. Er schrieb über die Sirene, den Gipfel aller Phantasien, über seine Traumfrau, seine Sehnsucht nach dieser imaginären Gestalt, der Erfüllung, die sein Leben durch sie hätte haben können.

    Es war um ein Vielfaches eines Vielfachen besser als alles, was er jemals geträumt hatte, einmal zu schreiben in der Lage zu sein. Er warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf das Papier, dann begannen die Flammen daran zu lecken, und innert weniger Sekunden war das Werk, ein Stück Perfektion, nichts weiter mehr als Schall und Rauch. Nachdem die letzte Glut erloschen war, legte er sich erschöpft, und aus einem unbestimmten Grund melancholisch, zu Bett.

    Er schlief unruhig und traumlos.
  • Daaankeschön^^
    Dann mach ich auch gleich mal weiter... und fertig.


    Kap. II

    Der nächste Morgen war wie jeder andere auch. Der nervtötende Wecker, die Viertelstunde unter der Dusche zum Wachwerden, Katzen füttern, sich selbst füttern, Schulsachen packen und Abmarsch. Der alltägliche Wahnsinn unter dem Diktat der Uhr.
    Tick, Tack.
    Im Eilschritt durch das Gassenlabyrinth der Altstadt, vorbei am griechischen Lebensmittelladen, dem Antiquitätenhändler und dem Friseursalon und dann rechts abbiegen zur Hauptstrasse.
    Und dort stand sie.

    Sie war es. Sie war es tatsächlich. Dort stand sie, kein Zweifel! Seine Traumfrau, das Produkt seiner überbordenden Phantasie!
    Sie sah aus wie auf dem Papier, als wäre sie geradezu den Zeilen entstiegen, ein Epos, die Synthese aller Märchen aus tausend und einer Nacht! Ihre Art, sich zu bewegen, ihr dezentes und doch bis hierher riechbares Parfum, alles war perfekt.
    Und dann lächelte die Unbekannte, ja, sie lachte das zauberhafteste Lachen, das je ein Engel hätte haben können. Und sie lachte in seine Richtung, strahlte Vergil direkt an, er dachte, er müsse in Flammen aufgehen! Und dann rannte sie auf ihn zu, auf ihn, auf ihn allein! Sie rannte, sie kam näher, bereits wollte Vergil seine Arme ausbreiten, sie umschliessen, küssen, auf offener Strasse, ihr einen Heiratsantrag machen, sie rannte auf ihn zu und lachte, auf ihn, sie war bereits zum greifen nah, und sie rannte an ihm vorbei, um sich einem muskelbepackten Blonden in die Arme zu schmeissen.

    Eine Welt zerbrach, still und leise.

    An den Rest des Tages erinnerte er sich nicht mehr, es war wie ein Traum. Ein Albtraum. Einer, aus dem es kein Erwachen gab. Da waren nur diese Arme, die sich um sein Glück schlossen. Dieses dämliche Grinsen auf dem Gesicht des Affen. Oder hatte er ihn angesehen, ihn angegrinst? War es nicht eher diabolisch denn dämlich, ein Teufel, der ihm den Weg zum Paradies versperrte?

    Màmà Alighieri war nicht sehr erfreut über den Appetit, den ihr Sprössling an diesem Abend zutage legte, aber sie kannte seine Macken und nahm es hin, wie es war. "Er pubertiert". Damit war die Sache erledigt.

    Die Nacht war unruhig, ein Gewitter fegte über die Stadt, und die glücklichen Paare kuschelten sich in ihren Betten aneinander. Vergil jedoch träumte. Die Perfektion, seine Muse, war wiedergekommen, und sofort war ihm klar, welchen Schund er am Vorabend zu Papier gebracht hatte. Kein Wunder war alles schief gegangen. Diesmal wollte er das Bild bannen, jede Winzigkeit auswendig lernen, einen Teil kannte er ja bereits, diesmal musste es klappen.
    Er griff nach dem Bildnis, betrachtete es, roch daran, befühlte es, versuchte, darin einzutauchen, liess sich davon hypnotisieren und klammerte sich beim Erwachen mit aller Kraft daran, vergeblich. Wieder entflohen ihm die entscheidenden Hinweise, doch der Musenkuss war da, es würde das Vorhergehende um Längen schlagen, das Gedicht, das ihm vorschwebte.

    Er setzte sich an seinen Tisch, mit Wut im Herzen und Mord im Blick, um eine weitere Seele die Bekanntschaft mit der Sense machen zu lassen. Literarisch gesehen, natürlich.

    Und Vergil Alighieri schrieb. Er schrieb vom Tod, von der aprubt beendeten Lebensspanne, vom Dämon, dessen Sanduhr abgelaufen. Vom Grab und der Trauer schrieb er, und von der Geliebten, die nicht trauerte, da sie ihr Herz bereits anderweitig verloren hatte.

    Todmüde, ausgelaugt, aber von grimmiger Genugtuung erfüllt beobachtete der junge Dichter, wie die letzten Rauchfahnen aus dem Fenster geblasen wurden. Dann ging er schlafen.

    Er schlief erneut unruhig und traumlos.

    Kap. III

    Der nächste Morgen verlief, wie jeder andere auch, nach Schema F. Wecker, Dusche, Katzen, Frühstück, packen, Abmarsch. Der Grieche, der Sammler, der Coiffeur aus Frankreich, dann die Hauptstrasse.
    Keine Sirene. Und kein Dämon.
    Vergil wollte bereits weiterrennen, er war spät dran, da passierte es. Ein Raser fuhr frontal in einen Mähdrescher, dessen Telleregge sich genau auf der Höhe der Fahrerkabine des PKW befand. Der Bauer torkelte aus seinem geschrotteten Fuhrwerk, anscheinend unverletzt, lief zum Unfallwagen, einem hochgetunten Fahrzeug, dessen ursprüngliche Form nicht mehr zu erkennen war und das nur noch aufgrund der Beschriftung als Seat Leon galt, öffnete die Fahrertür, wurde bleich, drehte sich um und rannte zu einem Gebüsch in der Nähe, um sich zu übergeben.

    Konnte es sein, dass...?

    Vergil wollte sichergehen. Voll Schadenfreude hoppste er über die Strasse, bog genüsslich langsam um das Auto herum und blickte in das Fahrzeug. Tatsächlich, da sass der Gorilla im Sitz, ordnungsgemäss angeschnallt, der Kopf lag fein säuberlich abgetrennt auf dem Rücksitz. Neben ihm (dem Gorilla, nicht der Birne) sass sie, seine Angebetete, und würdigte ihren toten Freund keines Blickes.
    Auch Vergil beachtete sie nicht.
    Sie schaute nur entsetzt vom klaffenden Loch in ihrer Brust zum noch schlagenden Herzen in ihrem Schoss und wieder zurück. Sie stöhnte, ein letztes Zittern fuhr durch ihre Glieder, dann erlosch das Licht in ihren Augen und konservierte den Ausdruck blanken Entsetzens darin für die Ewigkeit. Das Herz jedoch schlug weiter und pumpte noch den letzten Tropfen Blut aus seinen Kammern auf die Jeans der Toten.

    Langsam erwachte Vergil aus der Dunkelheit. Er befand sich nicht in seinem Zimmer, und das Bett war ungewöhnlich hart, es roch nach Morphin und Desinfektionsmittel, das weisse Licht blendete. Er befand sich offensichtlich im Krankenhaus. War er ohnmächtig geworden?
    Dann kamen die Erinnerungen, eine Flut von Bildern.
    Schrecklichen, grausamen, blutigen Bildern.

    Ein Scherbenhaufen zerfiel zu Staub, ein Windhauch wehte den Staub davon.
    Was blieb, war das Nichts.

    Nein, was blieb, war die Perfektion. Das Perfekte Gedicht stand ihm klar vor Augen, und er träumte definitiv nicht. Das war es also, die Perfektion...

    Als die Schwester kam, fand sie ihren Patienten verbittert an die Decke starrend vor. Ob er etwas brauche. Ein letzter Hauch von Verzweiflung huschte über sein Gesicht, um Schicksalsergebenheit und dann Entschlossenheit Platz zu machen. Ob er einen Block, einen Bleistift, einen Gummi und ein Streichholz oder Feuerzeug haben dürfe. Sie gab ihm einen Block mit Kugelschreiber und den Rat, hinter dem Hospital zu rauchen, im Gebäude sei absolutes Rauchverbot. Dann überliess sie ihren jungen Patienten wieder sich selbst.

    Und Vergil Alighieri schrieb. Er schrieb vom Ende aller Hoffnungen, vom Weltuntergang, von der Auslöschung allen Lebens, davon, dass die Welt, die ihn zerbrochen hatte, selbst zerbräche.

    Dann betrachtete er sein Werk. Es war perfekt. Absolut perfekt. Es war das perfekte Gedicht, das ihn in seinen Träumen verfolgt hatte.
    Es war die Perfektion an sich.

    Während in einem Aschenbecher hinter dem Krankenhaus die letzte Glut erlosch und der Rauch sich verzog, fiel er in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.

    Finis